{"id":17586,"date":"2007-04-17T08:07:34","date_gmt":"2007-04-17T08:07:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/brian-evenson-the-open-curtain\/"},"modified":"2022-06-15T02:00:44","modified_gmt":"2022-06-15T00:00:44","slug":"brian-evenson-the-open-curtain","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/brian-evenson-the-open-curtain\/","title":{"rendered":"Brian Evenson: The Open Curtain"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieses ist die f\u00fcnfte und letzte Besprechung eines der Kandidaten f\u00fcr den Edgar des Jahres 2007, Kategorie \u201eBestes Taschenbuch\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Entstehung von \u201eThe Open Curtain\u201c dauerte mehrere Jahre und begleitete Brian Evenson bei seinem Weg aus der Gemeinschaft der Mormonen. Das Buch, so schreibt er in einem ausf\u00fchrlichen Nachwort, mache diesen Weg ein St\u00fcck nachvollziehbar. Auch wenn Evenson auf eigene Erfahrungen zur\u00fcckgreifen konnte, denn nach seinem ersten Buch war er, auch in seiner Funktion als Dozent am mormonischen Brigham Young University, unter Druck gesetzt worden, das Schreiben derartiger B\u00fccher zu unterlassen: herausgekommen ist keine \u2013 im Stile einer \u201ehard boiled &#8211; Abrechnung mit den Mormonen und dem gesellschaftlichen Druck, den sie gegen \u201eAbweichler\u201c aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Evenson, der f\u00fcr eine seiner fr\u00fcheren Kurzgeschichten den Preis der \u201eInternational Horror Guild\u201c bekommen hat, ist ein Autor, der das in der Tiefe des Menschen waltende Grauen darstellt, und so ist \u201eThe Open Curtain\u201c ein mutiges, ein verst\u00f6rendes, ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch, welches den Weg eines Jugendlichen in den vollkommenen Wahn beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudd Theurer ist ein kleiner Junge, der, nach dem Selbstmord des Vaters, alleine mit seiner Mutter lebt. Dieser Selbstmord ist, bei Mormonen vielleicht noch ausgepr\u00e4gter als sonst, ein Tabu und so rennen alle Bem\u00fchungen Rudds, mehr zu erfahren, ins Leere. Und so langsam, von Evenson wunderbar glaubw\u00fcrdig und scheinbar nur nebenher dargestellt, entfremden sich Mutter und Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig st\u00f6\u00dft Rudd auf einen Hinweis, dass sein Vater mit einer anderen Frau einen zweiten Sohn hatte, aber auch hier werden alle seine Fragen angeblockt. Jahre sp\u00e4ter bringt er den Mut auf, den m\u00f6glichen Halbbruder ausfindig zu machen und aufzusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudd ist ein Sonderling, einer, der immer ein wenig bei den Erwachsenen aneckt und als schwierig verschrien ist. Als er bei Nachforschungen f\u00fcr die Schule in einer alte Ausgabe der \u201eNew York Times\u201c liest, wie der Enkel des Gr\u00fcnders der Mormonen, William Hooper Young 1902 des (Ritual-)Mordes an einer jungen Frau angeklagt und verurteilt wurde, f\u00fchlt Rudd sich auf eine eigent\u00fcmliche Art und Weise gepackt. Obwohl sein Halbbruder sich ihm gegen\u00fcber seltsam distanziert verh\u00e4lt, ist er mittlerweile ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr ihn. Gemeinsam versuchen sie die Zusammenh\u00e4nge des damaligen \u2013 realen &#8211; Falles zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThe Open Curtain\u201c ist kein Buch, welches sich in die g\u00e4ngigen Schemata f\u00fcr Krimis unterbringen l\u00e4sst. Das R\u00e4tsel um Hooper Young spielt in diesem Zusammenhang keine wesentliche Rolle. Einzig die Person Rudd Theurer und ihr \u201eAbstieg zur H\u00f6lle\u201c steht im Zentrum des Interesses: Selten hat man letzte 50 Seiten gelesen, die so packend, so intim eine psychische Innenwelt darstellen. Brian Evenson ist ein hervorragender Erz\u00e4hler, der g\u00e4nzlich unaufgeregt Dramatik erschafft und dessen \u201eThe Open Curtain\u201c so ein wenig an die Kurzgeschichten Poes erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassung<\/p>\n\n\n\n<p><em> Vermutlich wird sich auch dieses Jahr der Gewinner des Taschenbuch-Edgar nicht in weitere Gewinnlisten eintragen k\u00f6nnen. Abgesehen von Paul Levines \u201eThe Deep Blie Alibi\u201c sind die diesj\u00e4hrigen Kandidaten f\u00fcr den \u201eTaschenbuch-Edgar\u201c keine B\u00fccher f\u00fcr \u201eMainstream-Leser\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich ist es nat\u00fcrlich eine subjektive und kaum vorsagbare Entscheidung der Jury, wer den Edgar gewinnt. Dennoch: Drei B\u00fccher ragen heraus. Im Vergleich k\u00f6nnen Naomi Hiraharas atmosph\u00e4risch gelungenes \u201eSnakeskin Shamisen\u201c und das komische, aber doch zu sehr am Vorg\u00e4nger ausgerichtete \u201eThe Deep Blue Alibi\u201c nicht das Niveau halten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus einer Liste von guten B\u00fcchern ist Evensons \u201eThe Open Curtain\u201c das eindeutig herausragende Buch, dessen Wahl jedoch Mut bedeutete, denn zu eindeutig geht dieses Buch an Massengeschmack und -erwartung vorbei. Aber auch Massimo Carlottos verst\u00f6rendes und gut erz\u00e4hltes \u201eThe Goddbye Kiss\u201c w\u00e4re ein w\u00fcrdiger Preistr\u00e4ger. Gegen das Buch spricht letztendlich, dass 2005 mit Domenic Stansberrys \u201eThe Confession\u201c ein Buch \u00e4hnlicher Stilistik den Preis gewonnen hatte. Patrick Neates \u201eThe City of Tiny Lights\u201c wiederum ist ein Buch, das Humor und Substanz bietet, wo \u201eThe Deep Blue Alibi\u201c mit vordergr\u00fcndigem Klamauk aufwartet. Es ist das Buch, welches das literarische Feuilleton am ehesten zufrieden stellt, dessen R\u00e4tsel aber auch am wenigsten Substanz aufweist. <\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Brian Evenson: The Open Curtain. <br \/>Coffee House Press 2006. 219 Seiten. 13,50 \u20ac <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses ist die f\u00fcnfte und letzte Besprechung eines der Kandidaten f\u00fcr den Edgar des Jahres 2007, Kategorie \u201eBestes Taschenbuch\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-17586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17586"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17586\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}