{"id":17589,"date":"2011-10-11T11:38:53","date_gmt":"2011-10-11T11:38:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/eta-hoffmann-das-fraeulein-von-scuderi-graphic-novel\/"},"modified":"2022-06-16T01:10:31","modified_gmt":"2022-06-15T23:10:31","slug":"eta-hoffmann-das-fraeulein-von-scuderi-graphic-novel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/eta-hoffmann-das-fraeulein-von-scuderi-graphic-novel\/","title":{"rendered":"ETA Hoffmann: Das Fr\u00e4ulein von Scuderi (Graphic Novel)"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"191\" height=\"283\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/cover_scuderi.jpg\" alt=\"cover_scuderi.jpg\"\/> ETA Hoffmann? \u00dcber den lie\u00dfen sich erbauliche Dinge berichten. Ein &#8222;Klassiker der Romantik&#8220; (sofort denken wir an idyllische Landschaften und dekorative Vollmonde), &#8222;Erfinder des Krimis&#8220; (und sein &#8222;Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220; die vornehmere Version der Miss Marple), des Regionalkrimis gar (Paris!), des &#8222;literarischen Krimis&#8220; also sowieso. Das k\u00f6nnten wir alles behaupten, ohne gro\u00df Gefahr zu laufen, von Hoffmann, der aufbrausend gewesen sein soll, Jurist eben, k\u00f6rperlich sanktioniert zu werden, denn der Mann ist tot und &#8222;gemeinfrei&#8220;, sein Werk nicht nur nach Belieben interpretier-, sondern auch druckbar, neuerdings als Graphic Novel. Weltliteratur in Sprechblasen! Oh weh! Gut, dass ER das nicht mehr erlebt hat! Ach was. Gefreut h\u00e4tte er sich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Schon diese Einleitung mag illustrieren, worum es in &#8222;Das Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220; \u2013 unter anderem &#8211; geht. Um die Frage, was mit einem Kunstwerk geschieht, wenn es seinen Sch\u00f6pfer verlassen hat, hinaus in die literarische Welt geschickt, in die B\u00fccher, in die K\u00f6pfe, zwei delikate Dinge, bei denen schon Lichtenberg nicht genau zu wissen vorgab, welcher von ihnen am hohlsten klingt (aber geahnt hat er&#8217;s wenigstens). Jemand stellt etwas her und jemand anderes macht davon Gebrauch, arbeitet damit, benutzt es f\u00fcr seine Zwecke, die ehrbar sein k\u00f6nnen oder das Gegenteil, darauf hat man keinen Einfluss mehr, ist bei den Juwelen um die H\u00e4lse der Damen nicht anders als bei den Juwelen zwischen zwei Buchdeckeln. Das kann einen verr\u00fcckt machen, dar\u00fcber konnte man schon im Paris des 17. Jahrhunderts zum M\u00f6rder werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders schlimm wird das, wenn die im Wortsinne entfremdete Arbeit des K\u00fcnstlers als &#8222;klassisch&#8220; kanonisiert, verharmlost, angebetet oder zur fl\u00fcchtigen Betrachtung in literarhistorischen Vitrinen deponiert wird, aus lauter &#8222;Respekt&#8220; nat\u00fcrlich. Da wird einer zum &#8222;Romantiker&#8220; oder &#8222;Krimiautor&#8220;, weil die Begriffe selbst so sinnentleert geworden sind, dass sie nur noch Unsinn schw\u00e4tzen. Respekt ist das Zweitsch\u00f6nste, was man der Literatur entgegenbringen kann, das Sch\u00f6nste aber bleibt die Respektlosigkeit aus Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen ist Alexandra Kardinars und Volker Schlechts Graphic-Novel-Adaption von ETA Hoffmanns &#8222;Das Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220; ein Liebhaberst\u00fcck. Die K\u00fcnstler-AG &#8222;Druschba Pankow&#8220; verwandelt den Text \u00fcber den K\u00fcnstler, der seine Arbeit nicht hergeben m\u00f6chte, in eine Welt aus kommentierenden, ironischen, zeigenden und deutenden Bildern, in dem sich der hohe Ton des Originals bisweilen neckisch im T\u00fcmpel der Jetztzeit badet. Es gibt versteckte Details, die &#8222;nicht zur Geschichte geh\u00f6ren&#8220;, aber den abschweifenden Gedankenfluss nachahmen, dem man beim Nur-Lesen unweigerlich ausgesetzt ist. Ein H\u00f6hepunkt ist die Verwandlung des Dichterwortes in selbsterkl\u00e4rende Piktogramme, W\u00f6rter zu Verkehrszeichen sozusagen. Das hat nichts mit &#8222;Der Faust in f\u00fcnf Minuten&#8220; oder &#8222;Hamlet f\u00fcr Lesefaule&#8220; zu tun. Hier werden Edelsteine umgeschliffen, neue Facetten herausgearbeitet, ohne die alten zu zerst\u00f6ren. Die Bilder sagen dabei nicht MEHR als die Worte, sie sagen auch nichts ANDERES, sie sagen es nur ANDERS \u2013 und mehr kann man nicht erwarten. Im Anschluss findet sich Hoffmanns Originaltext, der genau dieses Ph\u00e4nomen noch einmal nachvollziehen l\u00e4sst, diesmal eben andersrum.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den einzigen \u00e4rgerlichen Lapsus sind Kardinar und Schlecht nicht verantwortlich zu machen. Denn der auf dem Backcover deklarierte &#8222;Ur-Krimi der Weltliteratur&#8220; ist &#8222;Das Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220; nat\u00fcrlich nicht. &#8222;Krimi&#8220; ist ein formales, kein inhaltliches Ph\u00e4nomen, sein Leben beginnt mit der Geburt des Klischees. Der Geburtshelfer mag Poe hei\u00dfen, Poe wurde von ETA Hoffmann beeinflusst \u2013 aber sei&#8217;s drum. Kardinar und Schlecht jedenfalls k\u00f6nnen weiterhin beruhigt durch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen Berlins wandern, kein erz\u00fcrnter Dichter, Komponist und Jurist wird ihnen mit gez\u00fccktem Messer auflauern. H\u00f6chstens \u2192<a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/1559885\/\">Pieke Biermann<\/a>, die ihnen mal freundschaftlich auf die Schultern klopfen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">ETA Hoffmann: Das Fr\u00e4ulein von Scuderi. <br \/>Graphic Novel von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht. <br \/>Edition B\u00fcchergilde 2011. 158 Seiten. 24,99 \u20ac<br \/>(Anmerkung: Das abgebildete Cover unterscheidet sich von dem der mir vorliegenden Ausgabe.)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ETA Hoffmann? \u00dcber den lie\u00dfen sich erbauliche Dinge berichten. 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