{"id":17590,"date":"2007-04-19T07:16:14","date_gmt":"2007-04-19T07:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/stieg-larsson-verdammnis\/"},"modified":"2022-06-06T14:28:56","modified_gmt":"2022-06-06T12:28:56","slug":"stieg-larsson-verdammnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/stieg-larsson-verdammnis\/","title":{"rendered":"Stieg Larsson: Verdammnis"},"content":{"rendered":"\n<p>Willkommen im Zoo der nicht artgerecht gehaltenen Krimikonsumenten. Enge K\u00e4fige mit rostigen Gitterst\u00e4ben, ein Schild \u201eVorsicht Hochspannung!\u201c drangeschraubt. F\u00fctterung. Uniform gekleidete KrimiAutorinnen zw\u00e4ngen die Brocken durch die Gitterengen. Portionsgerecht zerteilt, vorgekaut, ja, sogar vorverdaut. Gammelkrimis, zur D\u00fcpierung der Geschmacksnerven in einer Tunke aus \u201eGesellschaftskritik\u201c mariniert. Nein, nicht artgerecht: keine freie Wildbahn, kein Belauern der Beute, kein Triumph bei Jagderfolg. Nichts als fressen, nichts als rumtigern, kuschelige Objekte mit verfilztem Fell.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und das Sch\u00f6nste: Sie sind alle freiwillig hier. Warten auf die n\u00e4chste F\u00fctterung, Masse statt Klasse bitte, Spannung statt Wirklichkeit, klischeesatte Rituale statt m\u00fchsamer Nahrungssuche im Revier der scheuen B\u00fccher. 751 Seiten Stieg Larsson. 751 Seiten \u201eVerdammnis\u201c.<br \/>Und wieder das neue Dreamteam schwedischer Krimikunst: Der Journalist Mikael Blomkvist und die h\u00f6chst sonderbare Lisbeth Salander. Blomkvist arbeitet f\u00fcr \u201eMillennium\u201c, eine prima Zeitschrift mit lauter prima MitarbeiterInnen, jetzt wollen sie dem M\u00e4dchenhandel an den Kragen, aber ach, der verantwortliche Autor samt liebenswerter Freundin stirbt, auch Salanders gesetzlicher und superb\u00f6ser Vormund stirbt, Salanders Fingerabdr\u00fccke auf der Waffe, die Hatz kann beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ne Story. An der uns zun\u00e4chst einmal das Volumen irriert, 751 Seiten, wie gesagt. Schon Larssons Erstling \u201eVerblendung\u201c entfaltete sich in diesen Dimensionen, hatte aber eine Geschichte, die es akzeptabel machte, jedes Detail zu drehen, zu wenden. \u201eVerdammnis\u201c hingegen beschert uns Redundanz als Formprinzip eines Autors, dem Form, gar Sprache eines Romans v\u00f6llig egal sind. Man m\u00f6chte wetten, Larsson habe sich nicht f\u00fcr f\u00fcnf Cent Gedanken \u00fcber die Sprache, die Dramaturgie gemacht, wozu auch. Den Tierchen im Zoo ist es schnuppe, welche Form das Fresschen hat, das man ihnen reicht. Es macht ihnen auch nichts aus, jede Unwichtigkeit nicht nur xmal vorgesetzt zu bekommen, sondern auch noch explizit erl\u00e4utert. Als sich etwa Lisbeth Salander h\u00e4uslich neu einrichtet und dazu ein IKEA-Gesch\u00e4ft aufsucht, serviert Larsson gleich betr\u00e4chtliche Teile des IKEA-Katalogs, eine Espressomaschine ist selbstredend nicht einfach eine Espressomaschine, sie ist \u201eeine Jura Impressa X7 mit integriertem Milchk\u00fchler (&#8230;) ein Profiger\u00e4t f\u00fcr den Heimgebrauch, das knapp 70000 Kronen kostete\u201c, man arbeitet auch nicht an stinknormalen Computern, ein \u201eApple PowerBook (G4 Titanium, mit 17-Zoll-Bildschirm)\u201c muss es schon sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann wird das sehr komisch. \u201eBublanski ging, je nach Zeit und Wetter, gern spazieren.\u201c In Ordnung. Aber wei\u00df der durchschnittliche K\u00e4figleser, was das ist? Spazieren? Wohl nicht. Also f\u00fcgt Larsson schnell noch eine Erl\u00e4uterung hinzu: \u201eDamit verschaffte er sich die n\u00f6tige Bewegung.\u201c Inkonsequent, dass ein Satz wie \u201eEr aktivierte seine Beinmuskulatur sowohl links als auch rechts und setzte einen Fu\u00df vor den anderen\u201c fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das alles hat Methode. Es schl\u00e4fert ein, es versetzt die werte Leserschaft in einen pseudobuddhistischen Zustand der geistigen Leere. Und die ist dringend vonn\u00f6ten, um die Handlung zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon in \u201eVerblendung\u201c steht Lisbeth Salander im Mittelpunkt der Story. Ganz Schweden macht auf sie, die angebliche Psychotin, Jagd. Aber Lisbeth ist nicht nur Autistin mit Asperger-Syndrom, sie ist auch b\u00e4renstark, superintelligent, gegen sie haben selbst b\u00f6se und schmerzunempfindliche \u201eblonde Riesen\u201c oder beinharte Rocker keine Chance, und am Ende gelingt es ihr sogar, von den Toten aufzuerstehen, eine der markersch\u00fctterndsten Szenen eines Buches, bei dessen fortschreitender Lekt\u00fcre man froh ist, nicht mehr ganz so viele Haare, die sich eigentlich permanent str\u00e4uben m\u00fcssten, auf dem Kopf zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war Larsson (er starb 2004 f\u00fcnfzigj\u00e4hrig) Schwede. Er hat also Schwedenkrimis geschrieben, und wahrscheinlich existiert ein geheimes Handbuch \u201eBausteine des Schwedenkrimis, wie ihn die deutschen LeserInnen in K\u00e4fighaltung lieben\u201c, und da steht, gleich am Anfang: \u201eWiederhole st\u00e4ndig und v\u00f6llig unangebracht, dass Schwedens Polizei korrupt, faschistisch und frauenfeindlich ist!\u201c. Das tut Larsson. Aber so furchtbar aufgesetzt, dass es ihm irgendwann selbst zu bl\u00f6d ist und er den Kasus in Wohlgefallen aufl\u00f6st (wie man diese Thematik durchaus erhellend abhandeln kann, lese man bitte bei Leif GW Persson nach).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Alles muss sich in Wohlgefallen aufl\u00f6sen. Das verlangt der Kuscheltiger beim Verzehr seiner Spannungsbrocken. Das ja durchaus interessante Thema der \u00fcberb\u00fcrokratisierten und erdr\u00fcckenden F\u00fcrsorge, die \u201eWohlfahrtsstaaten\u201c ihren BewohnerInnen angedeihen lassen, schimmert ebenso durch wie die Fragw\u00fcrdigkeit gesetzlicher Regelung gegen Prostitution, wie sie Schweden eingef\u00fchrt hat. Aber Hilfe! Das w\u00e4re ja schon fast freie Wildbahn! Das geht nicht! Wirklichkeit, Ans\u00e4tze selbstst\u00e4ndigen Denkens beim Konsumenten! Also wird alles zur Tat des abgrundtief B\u00f6sen (auf die Stirn t\u00e4towiert: Ich bin abgrundtief b\u00f6se!), nicht das System ist schuld, sondern die Leute, die es missbrauchen, und die bringt Lisbeth zusammen mit dem extrem unbedarften und holzschnittartigen Mikael sowie einer Reihe sonstiger Gutmenschen selbstredend zur Strecke, auf dass wieder Ruhe im Karton respektive K\u00e4fig herrsche. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, welche zur\u00fcckgebliebenen Kinder habt ihr da unfreiwillig gezeugt!<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, spannend ist das nicht. Vorhersehbar, eine Liste mit Thrillerelementen, die abgehakt wird, friss oder stirb, kotzen m\u00fcssen nur die, die dir dabei zusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Coverr\u00fcckseite lesen wir ein Zitat aus \u201eKristiansstadsbladet\u201c: \u201eStieg Larsson ist der bedeutendste Krimiautor unserer Zeit.\u201c Angebrachter w\u00e4re ein Aufkleber: \u201eVorsicht. Dieser Kriminalroman beleidigt ihre Intelligenz.\u201c Aber das w\u00e4re wohl ein weiteres Verkaufsargument, das den K\u00e4figleserInnen nach der Konsultation eines Fremdw\u00f6rterbuches (Intelligenz = Grad der Bef\u00e4higung, selbst zu denken) auf gut Pavlovisch den Mund w\u00e4ssrig machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Aber das Coverbild ist gro\u00dfartig! Eine vor Schreck versteinerte Dame, die auf der Couch sanft entschlummert ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Stieg Larsson: Verdammnis. <br \/>Heyne 2007 (Original: \u201eFlickan som lekte med elden\u201c, deutsch von Wiebke Kuhn). <br \/>751 Seiten. 22,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen im Zoo der nicht artgerecht gehaltenen Krimikonsumenten. Enge K\u00e4fige mit rostigen Gitterst\u00e4ben, ein Schild \u201eVorsicht Hochspannung!\u201c drangeschraubt. F\u00fctterung. 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