{"id":17594,"date":"2011-10-24T06:43:36","date_gmt":"2011-10-24T06:43:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-6\/"},"modified":"2022-06-16T01:11:32","modified_gmt":"2022-06-15T23:11:32","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-6\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 6"},"content":{"rendered":"\n<p>Zeit f\u00fcr die n\u00e4chsten Zettel. Affen, die Kinderschokolade lutschen, Fritz Lang gr\u00fc\u00dft aus der Ferne und Titeleindeutscher, Polizisten, Hacker brauchen Therapien. Na dann. Wie immer: Zettel in Echtzeit gibts bei Facebook.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 51:<\/strong> G\u00e4be es den Krimi nicht, JETZT w\u00fcrde man ihn erfinden. Zeiten l\u00e4cherlichster Welterl\u00f6serposen (&#8230;werden wir das Problem l\u00f6sen&#8230;) und panischer Hilflosigkeit (&#8222;die M\u00e4rkte&#8220;), das ist 1850, nur noch schlimmer. Erste Bankenbashing-Thriller. Wolfram Fleischhauers &#8222;Torso&#8220; f\u00fcr Freunde gepflegter Leichensch\u00e4ndung und einfacher L\u00f6sungen der Weltprobleme, ein \u2013 wie sagt man heute? \u2013 Gesamtpaket f\u00fcr nette Abende auf der Titanic. Ein alter Film taucht auf. Dazu mehr auf dem n\u00e4chsten Zettel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 52:<\/strong> M \u2013 Eine Gesellschaft sucht einen Schuldigen. Sind wir nicht wieder einmal in einem Fritz-Lang-Film? Ein Unhold, der sich unter dem Decknamen &#8222;Die M\u00e4rkte&#8220; oder wahlweise &#8222;Die Politik&#8220; durch die Gesellschaft schleicht und unschuldige kleine Kinder namens Euro in den n\u00e4chsten Busch zieht. Schon bildet sich die Koalition der Anst\u00e4ndigen aus Unterwelt und B\u00fcrgertum, Industrie und Prekariat, auf der Suche nach der Person, der man ein gro\u00dfes M wie M\u00f6rder auf den R\u00fccken kreiden kann. Alles wie in einem schlechten Whodunit. Alles wie immer. Die Guten sind wir.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 53:<\/strong> Die Qualen und Wonnen des Er\u00f6ffnungskapitels. Der erste Mord und der letzte Mord. Die Kriminalliteratur beginnt mit einem Affen und endet \u00e4ffisch. Aus dem Mordsspektakel wird das Allt\u00e4gliche, der wahre Thriller schildert was passiert, wenn nichts passiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 54:<\/strong> Neuer Trend: psychotische Polizisten. Der Crazy-Bull-Hype? Bei Haderer (&#8222;Der bessere Mensch&#8220;) steht der Major unter Psychopharmaka, bei Fleischhauer (&#8222;Torso&#8220;) war der Kommissar immerhin mal in Therapie. Was sagt uns das? Zwischen Burnout und Medikamentenmissbrauch, Alkoholismus und psychobedingter Fr\u00fchverrentung surft auch der Krimi auf der Welle der Talkshowthemen. &#8222;Inspector Crazy jagt Dr. Ouzo&#8220;, Griechendissing mit Bankendressing auf Dachschadenbasis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 55:<\/strong> Der Computerhacker ist eine der pr\u00e4genden Figuren des Krimis der letzten Jahre. Asoziales Wrack als deus ex machina, Nothelfer f\u00fcr Autoren, die sich aus den Sackgassen der Handlung man\u00f6vrieren m\u00fcssen. \u00dcberraschender Bezug zum Poe&#8217;schen Orang-Utan: das Unmenschliche als das \u00dcbermenschliche. Vorsicht! Wer zuviel \u00fcber Computer wei\u00df, schwebt in der Gefahr, an Lachkr\u00e4mpfen zu verenden. Hey, wir loggen uns mal kurz in fremde Systeme ein!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hass-Zettel:<\/strong> Wieder \u00fcber einen dieser unendlich dummen eingedeutschten Krimititel gestolpert: Lisa Jackson, SANFT WILL ICH DICH T\u00d6TEN. Eine Aufforderung zu nicht ganz so sanften Backpfeifen f\u00fcr die Titulateure. Einsame Spitzenreiterin in diesem Spiel absoluter Leserverachtung: Elizabeth George. Aus DECEPTION ON HIS MIND wird DENN SIE BETR\u00dcGT MAN NICHT, aus CARELESS IN RED ein sicheres DOCH DIE S\u00dcNDE IST SCHARLACHROT usw. Was geht in solchen Gehirnen vor? \u00dcberhaupt etwas? Ist permanentes Hochtonv\u00f6geln der Sprache ein verfeinerter Geschlechtstrieb von durch fr\u00fchkindlichen Religionsunterricht debilisierten Hirnh\u00e4lften? Oder steckt einfach nur Leserverachtung dahinter? Wenn ja: Warum wehren sich die Leser nicht dagegen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 56:<\/strong> Krimi ist eine Therapieform, \u00dcberich vs. Es, Vor-Freud-ig. Der Pyrrhussieg \u00fcber das Tier in uns. Nur so ist das geradezu obsz\u00f6ne Verh\u00e4ltnis zum Mord zu erkl\u00e4ren, dieses Delektieren an ausgeweideten K\u00f6rpern, die Nonchalance, mit der wir bei &#8222;Krimidinern&#8220; den Tod eines Menschen genie\u00dfen, w\u00e4hrend wir das Tr\u00fcffels\u00fcppchen ausl\u00f6ffeln. Jeder Krimi wird zu Pyms Reise in die Antarktis unserer \u00c4ngste.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 57:<\/strong> Der \u00dcbergang von Verbrechensliteratur (Shakespeare, Schiller und Kumpane) zur Kriminalliteratur ist der von Moral zu Logik, von der dinglichen Handarbeit zur abstrakten Industrialisierung. Entfremdung. Schon Dupin l\u00f6st seine F\u00e4lle mit Vorliebe aus der Distanz als Teil einer medialen Fertigungskette. Er liest Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Off-Topic-Zettel:<\/strong> F\u00fcr manche Kritiker sind Krimis wie Kinderschokolade: Lutschen, bis das Wei\u00dfe kommt. Lesen als s\u00fc\u00dfester Blowjob mit der l\u00e4ngsten Praline der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 58:<\/strong> Die gro\u00dfen Erfindungen der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts: Fotografie, Eisenbahn. Werkzeuge zur Beherrschung einer Welt, die, von diesen Werkzeugen traktiert, ihre Unbeherrschbarkeit offenbart.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 59:<\/strong> Deutschland wird psychotisch, die \u00fcblichen Neurosen gen\u00fcgen nicht mehr. Burnout, w\u00fcrdiger Nachfolger des Blackouts in Zeiten des \u00f6konomischen Sellouts. Wie hat sich die Kriminalliteratur in den 170 Jahren zwischen Poe und Mankell entwickelt? Hin zur offenen Psychose. Aus dem logisch ratternden Maschinengehirn springen pl\u00f6tzlich bipolar gest\u00f6rte Kommissare, Sedidativa-Junkies. Kein Happy End mehr, Autoren, die an den guten Enden der Krimis verzweifeln. Alles hat ein Ende, nur der Krimi hat zwei(fel).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 60: <\/strong>&#8222;&#8230;detective stories have nothing to do with works of art. It is possible, however, that an analysis of the detective story, i.e., of the kind of detective story I enjoy, may throw light, not only on its magical function, but also, by contrast, on the function of art.&#8220; (W.H. Auden)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit f\u00fcr die n\u00e4chsten Zettel. Affen, die Kinderschokolade lutschen, Fritz Lang gr\u00fc\u00dft aus der Ferne und Titeleindeutscher, Polizisten, Hacker brauchen Therapien. Na dann. 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