{"id":17596,"date":"2011-10-17T07:52:52","date_gmt":"2011-10-17T07:52:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-5\/"},"modified":"2022-06-16T01:07:25","modified_gmt":"2022-06-15T23:07:25","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-5\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 5"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie einem der Kopf so wirr wird&#8230; wie sich die Zeit in den Schwanz bei\u00dft&#8230; dazu und zu vielem mehr zehn neue Zettel zum Was-ist-Krimi?-Projekt. Wie immer eine Zusammenfassung der Facebook-Pr\u00e4sentation.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 41: <\/strong>Manche Krimis lesen sich wie umst\u00e4ndliche Beschreibungen der Standbilder aus TV-Thrillern. Da parkt ein Polizeiauto in der zweiten Reihe und ein anderes auf der Stra\u00dfenseite gegen\u00fcber etc&#8230; Sind die K\u00f6pfe der LeserInnen wirklich so unf\u00e4hig zu eigenen Bildern geworden, dass man ihnen selbst die gr\u00f6\u00dften Belanglosigkeiten von au\u00dfen zuf\u00fchren muss? Steht zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 42:<\/strong> Apropos Bilder: Kardinar \/ Schlechts Graphic Novel &#8222;Das Fr\u00e4ulein von Scuderi&#8220; lesen, um zu erkennen, wie anders Bilder sprechen als W\u00f6rter. Hernach sogleich den mit abgedruckten Text von ETA Hoffmann lesen, um wahrzunehmen, welche anderen Bilder W\u00f6rter erzeugen als Bilder W\u00f6rter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 43:<\/strong> Die Entwicklung der Kriminalliteratur ist die Abl\u00f6sung alter Klischees durch neue. Ist das Krimikulturpessimismus? Ach was!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 44:<\/strong> Gramsci erkennt in der Trivialliteratur die Indikatoren gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse. Was auch bedeutet: Die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse formen die Trivialliteratur. Sch\u00f6ne Best\u00e4tigung der Theorie, wonach das 19. Jahrhundert den Krimi und der Krimi das 19. Jahrhundert erfunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 45:<\/strong> Intellektualisierung des Krimis. Gleichzeitig: Der Krimi als Manifest der fatalen menschlichen Neigung zum Verbl\u00f6den. Oder: Verbl\u00f6den als intellektuelle Leistung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 46:<\/strong> Kolumbus (oder wer auch immer) entdeckt die Indianer. Die Indianer entdecken dabei die Europ\u00e4er, waren aber schlauer. Sie haben einfach gewartet. Was das eventuell mit Krimi zu tun hat? Wird mir schon noch einfallen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 47:<\/strong> &#8222;Einst kategorisch als Trivial- und damit blo\u00dfe Unterhaltungsliteratur eingestuft, disqualifizierte sich das Genre lange Zeit f\u00fcr jede ernstzunehmende literaturwissenschaftliche Untersuchung.&#8220; (Alexandra Krieg, Der Kriminalroman und seine Entwicklung von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, 2002) Aha. Das bedeutet logischerweise: Da sich das Genre selbst disqualifiziert hat, muss es sich auch selbst eingestuft haben. H\u00e4tten es n\u00e4mlich andere eingestuft, h\u00e4tte es sich nicht selbst disqualifizieren k\u00f6nnen, sondern w\u00e4re disqualifiziert worden. Hm. Jetzt m\u00fcsste man Fu\u00dfballschiedsrichter sein und gen\u00fcgend rote Karten im Sack haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 48:<\/strong> Wie schlie\u00dft Sherlock Holmes von der Beschaffenheit eines Spazierstocks auf die Biografie seines Besitzers (Deduktion)? Indem zuvor der Autor Conan Doyle von der Biografie seines Besitzers auf die Beschaffenheit des Spazierstocks geschlossen hat (Induktion). Man steckt in eine Geschichte das, was man aus ihr herausholen will. Die Wirklichkeit ist das, was ich als Wirklichkeit deklariere. Jeder ist Conan Doyle. Jeder erschafft sich seinen Holmes. Jeder l\u00f6st einen Fall. Es ist immer der eigene.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 49:<\/strong> Einen belesenen Mann getroffen, der sich nicht f\u00fcr Krimis interessiert und sich daf\u00fcr entschuldigt. Er wisse eh nie, wer am Ende der T\u00e4ter gewesen sei. Aha. Krimi als Wer-wars-R\u00e4tselkiste. Ist ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrde man Rockmusik ablehnen, weil das ja nur diese vier pilzk\u00f6pfigen Buben sind, die immer &#8222;yeah yeah&#8220; schreien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 50:<\/strong> D\u00e9j\u00e0 vu: Vor \u00fcber zehn Jahren beim Joni-Mitchell-Buch, als man nur englische und amerikanische Quellen gefunden hat und feststellen musste, dass hierzulande keine kompetente Popmusikliteratur existierte. Entweder abstruses Theoriezeug oder Flachsinn auf Fanzine-Niveau. Jetzt beim Krimi: genauso. In den USA Leute wie Daniel Stashower, &#8222;The beautiful cigar girl. Mary Rogers, Edgar Allan Poe, and the invention of murder.&#8220; Informativ, konzentriert. In Deutschland? Akademische Kacke oder peinliches Liebhabergew\u00e4sch (Ausnahmen, ja, aber wenige). Kein Markt, kein Interesse auf beiden Seiten der Registrierkasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie einem der Kopf so wirr wird&#8230; wie sich die Zeit in den Schwanz bei\u00dft&#8230; dazu und zu vielem mehr zehn neue Zettel zum Was-ist-Krimi?-Projekt. 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