{"id":17604,"date":"2011-10-31T07:11:32","date_gmt":"2011-10-31T07:11:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-7\/"},"modified":"2022-06-16T01:05:15","modified_gmt":"2022-06-15T23:05:15","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/10\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-7\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 7"},"content":{"rendered":"\n<p>Und immer turbulenter wirbeln die Zettel. Warum es tr\u00f6stlich sein kann, wenn Schulkinder ermordet werden und das Lesen eine gr\u00f6\u00dfere Kunst ist als das Schreiben, \u00fcber Kanzlerinnen und andere Eiserne Jungfrauen, Prostituierte und \u00fcberhaupt: die Zeit, die \u00fcber sich zusammenbricht. Wie immer live bei Facebook.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 61:<\/strong> Eines der Hauptverdienste Poes ist der praktische Nachweis, das die Fiktion als etwas Wirkliches zu behandeln ist und das Wirkliche als eine Fiktion. Dies NICHT zu tun, f\u00fchrt zu dem bekannten Ph\u00e4nomen der Verdr\u00e4ngung, des Eskapismus, in seiner Spitze dazu, unsere nat\u00fcrliche Angst vor dem Verbrechen durch fiktionales Zelebrieren zu verharmlosen. Siehe Krimi&#8220;events&#8220;, siehe aufgemotzte Leichen, den ganzen Unfug des Schmunzelmordens und der seriell gek\u00e4mmten G\u00e4nsehaut.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 62<\/strong>: Die Entwicklung der Kriminalliteratur erfolgt in zwei Zeitbewegungen. Die erste ist linear, chrono-logisch und winkt mit dem Schicksal aller Weltreiche: Aufstieg \u2013 H\u00f6hepunkt \u2013 Niedergang. Die andere beschreibt einen Kreis, die Entwicklung l\u00e4uft zur\u00fcck zum Anfang. Sehr kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 63:<\/strong> Am Einsteig rummurksen. Nicht WAS zu sagen ist, bereitet Schwierigkeiten, sondern das WIE. Die LeserInnen nicht gleich abschrecken, sie werden sich noch fr\u00fch genug verfluchen, das Buch gekauft zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 64:<\/strong> Krimis sind \u00dcbersteigerungen, Zuspitzungen, Verzerrungen glattgeb\u00fcgelter Realit\u00e4t. Also: Krimis sind von Natur aus Satiren. Sie machen etwas fassbar, sie malen schwarz\/wei\u00df, sie l\u00f6sen Angstblockaden, indem sie das Licht im Keller der \u00c4ngste anknipsen. So wie uns die Satire zum Lachen bringt, damit wir weinen k\u00f6nnen. Krimi und Angst geh\u00f6ren zusammen. Satirische Krimis? Ein Pleonasmus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 65:<\/strong> Wie verbl\u00fcffend leicht man Poes &#8222;Die Morde in der Rue Morgue&#8220; in die Gegenwart umschreiben kann! Der unm\u00f6gliche Mord als der perfekte Mord, das B\u00f6se als animalische Kraft. Man muss den Lesern nur erkl\u00e4ren: Was bei Poe in der M\u00f6rderfigur des Affen steckt, das steckt heute in der M\u00f6rderfigur eines kollektiven und &#8222;entmenschten&#8220; Mechanismus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 66:<\/strong> Noch immer wunderbar: Poes &#8222;The Man in the Crowd&#8220;. Nicht nur ein entschieden &#8222;moderner&#8220; Text, sondern auch ein Urdokument zum Entstehen von Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aktualit\u00e4tszettel<\/strong>: Wie immer: Ein unl\u00f6sbarer Kriminalfall, an den ein Happyend geklebt wird. Commissaria Angela versammelt alle Verd\u00e4chtigen in Br\u00fcssel, legt die Fakten auf den Tisch, kombiniert und ruft: Der Affe wars! Alle Blicke richten sich auf Berlusconi. Ackermann schwitzt hinter seiner Menschenmaske und freut sich auf den Feierabend, wenn ihm seine Gehilfen die L\u00e4use aus dem Pelz puhlen, der dann gewaschen wird, aber nicht nass.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 67:<\/strong> Warum freut man sich beim Lesen von Rob Alefs &#8222;Kleine Biester&#8220; \u00fcber jedes ermordete Schulkind? Ernste Anzeichen moralischer Verrohung oder ein tieferer Blick in das Wesen von Literatur? Gro\u00dfe Hoffnung: Der M\u00f6rder m\u00f6ge nie gefasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 68:<\/strong> Einen Krimi zu lesen ist schwieriger, als einen Krimi zu schreiben. Betriebe ich eine Schreibschule f\u00fcr angehende KrimiautorInnen (jenes h\u00f6here Wesen m\u00f6ge mir diese Form des unsittlichen Broterwerbs ersparen!), ich w\u00fcrde meine Sch\u00fclerschar lesen lassen! Nichts als lesen! Denn lesen hei\u00dft denken und wer das verstanden hat, wird erkennen, dass denken schreiben hei\u00dft und umgekehrt. Traurige Prognose: Nach drei Wochen m\u00fcsste ich meine Schule mangels Sch\u00fclern schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 69:<\/strong> Ich habe nicht die Bohne gegen Prostitution. Wer seinen K\u00f6rper freiwillig verkauft, bietet eine solide Dienstleistung. Wer seine Seele verschachert, betreibt spekulative Leerverk\u00e4ufe. Spontane Weisheit beim Zurkenntnisnehmen einer &#8222;Krimirezension&#8220; (g\u00e4be es keine G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen, man m\u00fcsste sie erfinden).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 70:<\/strong> 2011 ist ein pr\u00e4chtiges Jahr f\u00fcr deutschsprachige Kriminalliteratur! (1872 war vielleicht noch besser) Namen? Borrmann, Geier, Goldmann, Rohm, Kiesbye, Horst, Alef&#8230; Woran erkennt man gute Kriminalliteratur? An den bescheuerten Rezensionen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Materialien zu einer Studie \u00fcber die Wirkung des Krimischreibens als P\u00fcrierstab f\u00fcr Hirnmasse, Zettel 184.981: <\/strong>&#8222;&#8230;diesmal kein Krimi, sondern ein literarischer Text&#8230;&#8220; Pl\u00f6tzliche, doch sehr heftige Sehnsucht nach den glorreichen Zeiten der Inquisition, ergebnisloses Suchen bei ebay nach &#8222;Eiserner Jungfrau, gebrauchst\u00fcchtig, leicht in der Handhabung, bei Barzahlung kostenlose Streckbank obendrauf&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und immer turbulenter wirbeln die Zettel. Warum es tr\u00f6stlich sein kann, wenn Schulkinder ermordet werden und das Lesen eine gr\u00f6\u00dfere Kunst ist als das Schreiben, \u00fcber Kanzlerinnen und andere Eiserne Jungfrauen, Prostituierte und \u00fcberhaupt: die Zeit, die \u00fcber sich zusammenbricht. 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