{"id":17607,"date":"2007-04-26T07:00:31","date_gmt":"2007-04-26T07:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/peter-temple-kalter-august\/"},"modified":"2022-06-07T01:10:45","modified_gmt":"2022-06-06T23:10:45","slug":"peter-temple-kalter-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/peter-temple-kalter-august\/","title":{"rendered":"Peter Temple: Kalter August"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Erwartungen sind hoch bei Peter Temples \u201eKalter August\u201c. Als \u201ebestes Buch \u00fcber Australien\u201c ausgezeichnet, Spitzenreiter der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste: Dutzendware sollte das also kaum sein. Oder doch?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Ausgangssituation: Nach einem traumatischen Berufserlebnis (selbst schwer verwundet, ein unerfahrener Kollege tot) hat sich Joe Cashin aus der gro\u00dfst\u00e4dtischen Mordkommission aufs Land zur\u00fcckgezogen, in seine Heimatstadt, wo er jetzt eine Polizeistation leitet. In ihm w\u00fcten also \u201edie D\u00e4monen der Vergangenheit\u201c, was seit ungef\u00e4hr 30 Jahren kein wirklich origineller Einstieg in einen Kriminalroman ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall: Charles Bourgoyne, reicher Mann und Philantrop, wird in seinem Haus ermordet. Drei junge Aborigines geraten in Verdacht, zwei von ihnen sterben im Kugelhagel der Polizei, der dritte begeht kurz darauf Selbstmord. Cashin ahnt, dass der Fall damit nicht ad acta gelegt werden kann und ermittelt, sehr zum Missfallen der Kollegen, weiter. Dass sich die Dinge tats\u00e4chlich anders darstellen \u2013 man braucht es uns versierten Krimilesern nicht eigens zu erl\u00e4utern. Cashin ger\u00e4t im Verlauf seiner Ermittlungen auf eine andere Spur, die tief in Bourgoynes Leben und Familie f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Personal: Den innerlich zerrissenen, sehr labilen Cashin erw\u00e4hnten wir ja schon. Ein Stereotyp. Das trifft leider auch auf den Rest der Handelnden zu: eine Kollegin mit nicht weniger traumatischer Vergangenheit, ein durch und durch korrupter, rassistischer Polizist aus der Nachbarstadt, \u00fcberhaupt: eine ganze Reihe rassistischer Australier, ein Aborigines-Politiker, Onkel eines der erschossenen Jungen, Bourgoynes Stieftochter, gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig kalt, Cashins Jugendliebe, jetzt Rechtsanw\u00e4ltin, bald mit Cashin im Bett \u2013 nichts als Standardfiguren, wie sie jeder x-beliebige Krimi durch die Story paradieren l\u00e4sst. Wirklich interessieren tun sie einen nicht, daf\u00fcr sind sie von Anfang an mit zu grobem Stift gezeichnet. Sie erf\u00fcllen eine Funktion, stehen f\u00fcr irgend etwas &#8211; nur nicht f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer wenigstens f\u00e4llt aus dem Rahmen: der Landstreicher, den Cashin bei sich aufgenommen hat und der sich daran macht, den zerfallenen Familiensitz des Polizisten wieder aufzubauen. Er bleibt mysteri\u00f6s und erst zum Schluss erfahren wir ein Detail aus seinem Leben, das uns in die Psyche dieses Mannes blicken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Temples Stil ist streckenweise lakonisch-knapp, durchaus atmosph\u00e4risch. Nur, was macht er daraus? Der Aborigines-Strang baumelt irgendwann im Nichts. Auch Australier k\u00f6nnen Rassisten sein. H\u00e4tten wir auch ohne Temple gewusst. Eine relativ fr\u00fch wie beil\u00e4ufig eingestreute Information l\u00e4sst uns aufhorchen. Die Weiche zu einer weiteren Stereotypenwelt, und der erfahrene Leser hofft: Nein, Peter Temple, das wirst du uns doch nicht antun, mit dieser Nummer arbeiten sie seit 100 Jahren und so langsam wird das langweilig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber er tut es uns an, aus diesem Detail w\u00e4chst ein neuer Strang, Cashin ist endlich auf der richtigen Spur (und wir kommen, gelangweilt, immer mehr davon ab). Von jetzt an geht alles ziemlich schnell und polizeim\u00e4\u00dfig, werden die richtigen Schl\u00fcsse gezogen, obwohl es uns schwerf\u00e4llt, sie immer nachzuvollziehen, gibt es die \u00fcblichen Komplikationen und das erwartete dramatische Finale, das aber so dramatisch nicht ist, sondern eher: sehr lustlos inszeniert. Es muss irgendwie zusammenpassen, schl\u00fcssig sein \u2013 ist es nur leider nicht. Mord nach Muster.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Man k\u00f6nnte \u201eKalter August\u201c als Krimidutzendware abhaken. Aus Klischees gebaute Personen und Handlung, fein s\u00e4uberliche Trennung von Gut und B\u00f6se, etwas wohlfeile Gesellschaftskritik, schlie\u00dflich der Zwang, den Fall genregerecht krachend zu Ende zu bringen. Bliebe tats\u00e4chlich nur dieser einzige Pluspunkt, der Landstreicher, an dem Temple wenigstens andeutet, was einen guten von einem allenfalls mittelm\u00e4\u00dfigen Kriminalroman unterscheidet: die M\u00f6glichkeit, uns selbst ein Bild von etwas oder jemandem machen zu k\u00f6nnen. Das ist alles? Das ist alles.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Peter Temple: Kalter August. <br \/>C. Bertelsmann 2007. 444 Seiten. 19,95 \u20ac<br \/>(Original: \u201eThe Broken Shore\u201c, 2005, deutsch von Hans M. Herzog)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erwartungen sind hoch bei Peter Temples \u201eKalter August\u201c. 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