{"id":17609,"date":"2011-11-07T07:53:39","date_gmt":"2011-11-07T07:53:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-8\/"},"modified":"2022-06-16T00:59:52","modified_gmt":"2022-06-15T22:59:52","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-8\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 8"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Zettelkrieg geht weiter. Krisen, Weisheiten und Erkenntnisse, dumme Ideen und Vorschl\u00e4ge, Schwarmintelligenz und Schwarmidiotie. Keine Ahnung, was das noch werden soll.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 71:<\/strong> Seit vorgestern verfolgt mich das Wort &#8222;Schwarmintelligenz&#8220;. Die Summe der Einzelmeinungen in einer Menschengruppe ergibt, als statistischer Mittelwert, die bestm\u00f6gliche Ann\u00e4herung an eine Probleml\u00f6sung. Der Einfluss von Menschenmassen auf die Entwicklung des Genres: Massen bei Dickens, Massen bei Poe. Immer ist &#8222;Masse&#8220; synonym f\u00fcr den N\u00e4hrboden von Verbrechen. Bei Le Bon fungiert die Masse als Organismus, der aus Zivilisiertheit Triebhaftigkeit generiert. Das Internet: bester Beweis daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krisenzettel:<\/strong> Ich bin nichts weiter als ein verfluchter Hirnwichser.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krisenbew\u00e4ltigungszettel:<\/strong> Satz des Tages: &#8222;Oder weil, ganz im Gegenteil, Generationen von Krimilesern durch die politisch korrekte Schule von Sj\u00f6wall\/Wahll\u00f6\u00f6s Politkrimis gegangen sind, wo die Welt sch\u00f6n handlich in die da oben, wir da unten aufgeteilt ist?&#8220; Hm, dann doch lieber Schwarmintelligenz. Oder Hirnwichserei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 72:<\/strong> Der Erfolg des &#8222;Schwedenkrimis&#8220; fu\u00dft auf der Vermenschlichung der Serienfigur. Sie entwickelt sich in Richtung Verzweiflung oder Erkenntnis, die Grenzen sind flie\u00dfend. Nat\u00fcrlich wurde das inzwischen l\u00e4ngst automatisiert, aber das ist das Schicksal von Genres generell: Sie setzen auf Massenproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 73:<\/strong> Die Urkonstellation von Protagonist \/ Sidekick hat eine quasitherapeutische Funktion. Indem das Genie dem Durchschnittsmenschen das Unerkl\u00e4rliche erkl\u00e4rt, nimmt es ihm die Angst vor den Fragezeichen des Lebens. Der Part des Sidekick sieht vor, dass diese Therapie von ihm schriftlich fixiert wird (nicht umsonst verwandeln bei Poe und Conan Doyle diese Sidekicks das Erlebte in Beschreibbares). Indem sie schreiben, lesen sie ihr Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 74<\/strong>: Wer von einem &#8222;Krimiboom&#8220; redet, kann auch gleich von einem &#8222;Musikboom&#8220; reden. Das Genre ist von Natur aus erfolgreich, weil es ein Urbed\u00fcrfnis befriedigt. Analogie zur Musik: Harmonischer Wohlklang. Freejazzer und Neut\u00f6ner sind hier wie da verp\u00f6nt. Vorschlag: Wenn es schon &#8222;Musikantenstadel&#8220; geben muss, dann bitte auch &#8222;Krimistadel&#8220;. Ach so, gibt\u2019s ja schon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 75:<\/strong> Die Zukunft des Krimis liegt in der Sprache. Sprache ist das einzige, mit dem man noch schockieren kann, die letzte t\u00f6dliche Waffe f\u00fcr das perfekte Verbrechen. Sprache ist der Einbruch der Irritation in das Idyll der alten teetrinkenden Lady Dummheit. Wenn sie nicht fatalerweise die Dummheit selbst ist. Womit wir wieder beim Krimi w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weisheitszettel:<\/strong> Wenn du etwas \u00fcber die geistige Begrenzung wissen willst, lasse intelligente Menschen von Krimis reden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 76:<\/strong> Der erste Satz eines Krimis muss immer der letzte sein und der letzte der erste. Seeeehr mysteri\u00f6s. Also muss es wahr sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 77:<\/strong> Immer wieder ersch\u00fctternd: die Kommentare von Sch\u00fclern auf der Krimicouch zu Pflichtlekt\u00fcrekrimis. Man sollte Jugendliche vor Begegnungen mit Dingen sch\u00fctzen, die (noch) nichts mit ihrem Leben zu tun haben k\u00f6nnen. Wer mit Paulus Hochgatterer gepeinigt wird, entwickelt sich zwangsl\u00e4ufig zum Hochleistungs-Wegleser (funktioniert auch mit Goethe, Thomas Mann et al). Vorschlag: Lasst Sch\u00fcler schreiben statt lesen, lasst sie ihre eigenen Krimis von der Welt verfassen. Ihr w\u00fcrdet euch wundern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 78:<\/strong> Hab gerade eine v\u00f6llig dumme Idee. Bin Wiederholungst\u00e4ter. Sollte die Finger davon lassen. Ok, ich fang dann man an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 79:<\/strong> Der Krimi bildet die Wirklichkeit nicht ab; die Wirklichkeit schafft den Krimi. Wer also fragt, inwiefern Krimi Wirklichkeit zu reflektieren vermag, muss ber\u00fccksichtigen, dass das Analysewerkzeug Krimi aus dem Analyseobjekt entstanden ist und somit selbst analysiert werden sollte. Gilt f\u00fcr alle Literatur, f\u00fcr den Krimi aber besonders, wegen der ihm innewohnenden Dialektik von Aufkl\u00e4rung und Verschleierung. Er ist gleichzeitig T\u00dcV und Reparaturbetrieb von Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erkenntniszettel:<\/strong> Wer &#8222;kulinarische Krimis&#8220; liest, kauft auch italienische Staatsanleihen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 80: <\/strong>Werbemail f\u00fcr einen &#8222;gewaltfreien Kinderkrimi&#8220;. &#8222;Spannendes Abenteuer unterm Weihnachtsbaum&#8220;. Warten auf eine Werbemail f\u00fcr &#8222;fleischloses Rinderhack&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zettelkrieg geht weiter. Krisen, Weisheiten und Erkenntnisse, dumme Ideen und Vorschl\u00e4ge, Schwarmintelligenz und Schwarmidiotie. 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