{"id":17611,"date":"2007-04-30T07:56:25","date_gmt":"2007-04-30T07:56:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/james-crumley-land-der-luegen\/"},"modified":"2022-06-14T19:41:41","modified_gmt":"2022-06-14T17:41:41","slug":"james-crumley-land-der-luegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/04\/james-crumley-land-der-luegen\/","title":{"rendered":"James Crumley: Land der L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"\n<p>Milo Milodragovitch, eigentlich alt genug in Rente zu gehen, finanziell versorgt dank seines letzten Auftrags als Privatdetektiv, der ihm Unmengen an schmutzigem Geld bescherte, sitzt mitten in Texas, als Barbesitzer und Geldw\u00e4scher in eigener Sache, verbandelt mit einer attraktiven Frau. Alles k\u00f6nnte eigentlich einfach und sch\u00f6n sein. Eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Doch je mehr die Liebe verblasst, desto mehr beginnt sich Milo zu langweilen und den Staat Texas und seine internen, famili\u00e4ren Machtstrukturen zu hassen. So besorgt er sich erneut eine Lizenz als Privatermittler, jagt allem hinterher, was sich ihm anbietet. Auf der nicht besonders nervenzerfetzenden Suche nach der sprunghaften Ehefrau CJ Warren st\u00f6\u00dft er auf den h\u00fcnenhaften Enos Walker, der nach einer Kneipenschl\u00e4gerei, die Milo als Chronist begutachten darf, einem windigen Barbesitzer weite Teile seines Kopfes raubt. Unanger\u00fchrt bleiben die Kokainvorr\u00e4te des toten Mannes, die sich Milo selbst gern unter den Nagel und sp\u00e4ter die Nase rei\u00dft, bzw. reibt.<br \/>Und pl\u00f6tzlich sitzt er mittendrin im tiefsten Schlamassel. Die Begegnung mit Walker l\u00e4sst sein nicht allzu beschauliches Leben komplett aus dem Ruder laufen. So wird er in eine attraktive Falle gelockt, darf als mutma\u00dflicher Polizistenm\u00f6rder seine Unschuld beweisen, muss mehrfache Misshandlungen \u00fcber sich ergehen lassen, jagt einer Sehnsucht hinterher, findet erf\u00fcllte Momente in der N\u00e4he der Frau, die ihn in die Falle gelockt hat und steckt am Ende ganz tief im Morast einer inzestu\u00f6sen Familiengeschichte; in einem Gewirr aus Habgier, Machtbesessenheit und der Angst den gewohnten Status Quo zu verlieren. Showdown. Menschen sterben oder landen auf irgendeinem Abstellgleis; Milo verl\u00e4sst Texas und schw\u00f6rt Stein und Bein nie wieder zur\u00fcck zu kehren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLand der L\u00fcgen\u201c macht es seinen Lesern nicht leicht. Auf den ersten Blick eine typische, harte und schn\u00f6rkellose Detektivgeschichte, entpuppt sich der Roman bei genauerem Hinsehen als topographisches Schreckensbild, als bitterb\u00f6se Familiensaga, dichter bei Jim Thompson angesiedelt als bei Raymond Chandler. Der Begriff \u201eFamilie\u201c zieht sich durch\u2019s gesamte Buch, weniger als roter Faden, denn als Modell unterschiedlichster Bindungen, die Menschen eingehen. Von den niedersten Instinkten, Verrat, Mord und Inzest bis zu Aufopferung, Mitleid und intensiver Verbundenheit finden sich viele der Aspekte, die den Topos Familie ausmachen. Und nat\u00fcrlich hat dieses Beziehungsgeflecht nicht unbedingt etwas mit Genetik zu tun; manchmal findet Milo tiefe Loyalit\u00e4t dort, wo er\u2019s gar nicht erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p>So nimmt es auch nicht Wunder, dass der, bzw. die Kriminalf\u00e4lle des Romans eher Schwachpunkte darstellen. Da zaubert Crumley schon mal L\u00f6sungen aus dem Hut, die man schlucken muss; da verlieren sich Figuren und Motive im breiten F\u00e4cherwerk des Personals, das Crumley aufbietet, um Milo und uns zu verwirren. Das gelingt mitunter pr\u00e4chtig; wer Pausen beim Lesen einlegt, kann davon ausgehen, die ein oder andere Romanfigur aus den Augen zu verlieren oder ganz zu verpassen. Ist nat\u00fcrlich die beste Motivation das Buch ein zweites Mal zu lesen und sei es festzustellen, dass der Roman arschkalt und spr\u00f6de ist, und sei es, um Milos Behauptung zu belegen, dass Montana das \u201eeigentliche\u201c Texas ist. \u201eLand der L\u00fcgen\u201c verlangt einiges von seinen Lesern: mitdenken, Augen zudr\u00fccken ob der Ungereimtheiten, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine sehr liberale Drogenpolitik, das Mythische Realit\u00e4t werden zu lassen und mehr. Aber: es gibt kein Gejammer; auf die ein oder andere Art akzeptiert jedes noch zu rettende Wesen, dass das, was gerade passiert auch die Chance ist, etwas zu \u00e4ndern. Diejenigen, die dies nicht erkennen sind unweigerlich verloren. Und sei es nur in sich selbst. Einem Selbst, das stinkt.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Ein ganz gro\u00dfer Fehler w\u00e4re es, die James Crumley Lekt\u00fcre mit dem \u201eLand der L\u00fcgen\u201c zu beginnen. Seht euch \u2013 antiquarisch (?!) \u2013 nach dem tanzenden B\u00e4r, dem letzten echten Kuss und den folgenden Milodragovitch\/ Sughrue B\u00fcchern um. Es lohnt sich.<br \/>PPS.: \u201cDer letzte echte Kuss\u201c ist das Herz, das uns der Privatdetektivroman rausschneiden kann.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">James Crumley: Land der L\u00fcgen. <br \/>Shayol Verlag (funny crimes) 2007 <br \/>(Original: \"The Final Country\", 2001, \u00fcbersetzt von Katrin Mrugalla). <br \/>344 Seiten. 14,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milo Milodragovitch, eigentlich alt genug in Rente zu gehen, finanziell versorgt dank seines letzten Auftrags als Privatdetektiv, der ihm Unmengen an schmutzigem Geld bescherte, sitzt mitten in Texas, als Barbesitzer und Geldw\u00e4scher in eigener Sache, verbandelt mit einer attraktiven Frau. Alles k\u00f6nnte eigentlich einfach und sch\u00f6n sein. 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