{"id":17620,"date":"2011-11-14T08:02:48","date_gmt":"2011-11-14T08:02:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-9\/"},"modified":"2022-06-16T00:37:35","modified_gmt":"2022-06-15T22:37:35","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-9\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 9"},"content":{"rendered":"\n<p>Von W.H. Auden bis zu geworfenen Tampons, \u00fcber fl\u00fcchtende Leserschaft und Hamster bei Facebook: Wieder einmal steckt in diesem Zettelkonvolut alles, was wir so am Krimi lieben. Live dabei sein k\u00f6nnt ihr bei Facebook.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 81: <\/strong>W.H. Auden 1948 \u00fcber Krimis: &#8222;the story must conform to certain formulas (I find it very difficult, for example, to read one that is not set in rural England&#8220; H\u00e4tte Auden, der stilbildende Lyriker, seine Kunst mit \u00e4hnlicher Konsequenz kaserniert, er w\u00e4re zeitlebens nicht \u00fcber den Endreim hinausgekommen. Aber: &#8222;detective stories have nothing to do with works of art&#8220;. Interessant aber seine Anmerkungen zu den Lesern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 82:<\/strong> Der Krimi als eskapistische Literatur. Was hei\u00dft das eigentlich? Vor etwas in etwas fl\u00fcchten. Gegenwelt? Parallelwelt? Arno Schmidts &#8222;L\u00e4ngeres Gedankenspiel&#8220; und seine Ausformungen im Hinterkopf behalten. Wichtigere Frage: WARUM fl\u00fcchtet man, wenn \u00fcberhaupt? Wenn ja: Was machen eigentlich Leser von Goethe, Grass und Charlotte Roche? Sch\u00f6n verkanteter Ansatz bei Auden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gegenwartszettel:<\/strong> Hei\u00dfer Anw\u00e4rter auf den Dummdeutsch-Titel: &#8222;MEHRWERT&#8220;. Wenn jemand bei der Krimilekt\u00fcre auf einen MEHRWERT aus ist, sollte ihm das Wort angesichts der aktuellen Situation im Halse stecken bleiben. Das ist Krimikapitalismus, Verzinsungswahn, die Schei\u00dfe in den K\u00f6pfen. Aparte Gedanken m\u00f6glich zum Missverh\u00e4ltnis Kapital und Arbeit, zum Lesen zu doof, der Intellekt solle sich bittesch\u00f6n selbstst\u00e4ndig vermehren, die Kohle auf dem Konto tuts ja auch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 83:<\/strong> Die Zeit f\u00fcr ein Krimischisma r\u00fcckt immer n\u00e4her. Trennung in Krimis, die komplexe Dinge auf etwas \u00dcberschaubares zusammenfalten und Krimis, die das uns als \u00fcberschaubar Vermittelte in ihre Komplexit\u00e4t auffalten. Zwei Pyramiden. Die eine reckt wie gehabt ihre Spitze in den Himmel, die andere rammt ihre Spitze in den Boden und steht kopf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erkenntniszettel:<\/strong> Alle Massenmedien, inklusive Internet, sofort abschaffen. Lieber dumm bleiben als verdummt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 84:<\/strong> George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle. Zwei, manchmal auch drei Personen treffen sich und reden \u00fcber ihre Arbeit. Sie arbeiten nicht im B\u00fcro, sondern im Verbrechergewerbe. Gro\u00dfartiges Buch, nat\u00fcrlich nur noch antiquarisch erh\u00e4ltlich. Besser als 99 Prozent etc&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tabuzettel: <\/strong>So etwas w\u00fcrde ich NIE behaupten!: Sich langsam verfestigender Eindruck, dass EINIGE Damen \u00fcber B\u00fccher (auch Krimis) schreiben, weil ihnen das die Hormonspritzen im Klimakterium erspart. (Sofort Liste der Ausnahmen anfertigen, bevor ich hier mit \u00fcberfl\u00fcssig gewordenen Tampons gesteinigt werde. Aber noch einmal: So etwas w\u00fcrde ich NIE&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 85:<\/strong> Die Frage &#8222;Was ist Krimi?&#8220; erh\u00e4lt interessante Antworten nur dann, wenn man sich ihr von der Seite der Leserschaft n\u00e4hert. Deren Bed\u00fcrfnisse entscheiden \u00fcber die Ausformung des Genres. Die gute alte Rezeptions\u00e4sthetik also. Zentraler Begriff: Eskapismus. Merkw\u00fcrdig auch hier, dass damit sofort &#8222;Trivialliteratur&#8220; assoziiert wird, als eine Art Scheide-Charakteristikum von &#8222;guter&#8220; und &#8222;schlechter&#8220; Literatur. Wobei diese Trennung ja schon selbst eskapistisch ist, die Flucht ins \u00dcberschaubare, wenn an jeder literarischen Klamotte bereits das Preisschildchen baumelt mitsamt Wasch- und Pflegeanleitung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 86:<\/strong> Ansatz f\u00fcr ein paar l\u00e4ngere Gedanken zu &#8222;Krimi und Eskapismus&#8220;: Das Leben ist eine Geschichte als Interpretation von Nichtgeschichten. Eine Geschichte ist immer Flucht in die Sinnhaftigkeit. Sie ist gut oder schlecht, weil sie Sinn ergibt oder nicht. Schon weil sie Sinn ergibt, ist sie eskapistisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 87:<\/strong> Zehn Kriterien f\u00fcr einen genie\u00dfbaren Kriminalroman. Die ersten f\u00fcnf.<br \/>1. Ich m\u00f6chte am Ende weniger wissen als am Anfang.<br \/>2. Bei gewissen S\u00e4tzen klinke ich mich sofort aus. Nenne jetzt aber keinen, um niemanden vorzuwarnen.<br \/>3. Wer in vier S\u00e4tzen hintereinander mit &#8222;hatte&#8220; oder &#8222;war&#8220; arbeitet, sollte Journalist werden. Ausnahme: Es ist stilistisch so angelegt und ergibt einen Sinn. Gilt auch f\u00fcr &#8222;kommen&#8220;, &#8222;gehen&#8220; etc.<br \/>4. Bitte keine &#8222;glaubw\u00fcrdigen Charaktere&#8220;, die nach drei Seiten wie ein offenes Buch sind. Kenne ich schon genug im wirklichen Leben.<br \/>5. Kein Text, der von hinten nach vorne geschrieben wird. Ich schreibe auch nicht von rechts nach links.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 88:<\/strong> Zehn Kriterien f\u00fcr einen genie\u00dfbaren Kriminalroman. Die zweiten f\u00fcnf.<br \/>6. Keine Traumschilderungen! Ich hasse das!<br \/>7. Wenn Sex, dann bitte richtig und nicht wie in &#8222;Eltern&#8220; oder &#8222;Bravo&#8220;.<br \/>8. Ich erwarte keine wasserdichte Logik, ich erwarte l\u00f6chrige Ideologien.<br \/>9. Kein Lachen, das einem &#8222;im Halse stecken bleibt&#8220;. Das ist total iiiiih.<br \/>10. Werft endlich die &#8222;Wie schreibt man einen geilen Krimi&#8220;-Schwarten weg. Entfernt bei der Gelegenheit die Bretter vor euren K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 89<\/strong>: Auden erkl\u00e4rt den Unterschied zwischen einem (literarischen) Kunstwerk und einer Detektivgeschichte am Beispiel von Kafkas &#8222;Der Proze\u00df&#8220;. In einer Detektivgeschichte ist bekannt, dass ein Verbrechen geschehen ist, nicht jedoch, wem man daf\u00fcr die Schuld zuschieben soll (jedenfalls nicht so lange, bis das Verbrechen aufgekl\u00e4rt ist, versteht sich). Bei Kafka ist die Schuldfrage gekl\u00e4rt, kann aber keinem Verbrechen zugeordnet werden. K.s Ziel ist es also nicht, seine Unschuld zu beweisen (er ist n\u00e4mlich zweifelsohne schuldig), sondern das konkrete Verbrechen zu entdecken, mit dem er sich schuldig gemacht hat. Und jetzt kommt der spannendste Satz in Audens Essay: &#8220; K, the hero, is, in fact, a portrait of the kind of person who reads detective stories for escape&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 90:<\/strong> Wenn ich Kafkas &#8222;Die Verwandlung&#8220; als Bindeglied einbaue, kann ich Auden die Hand reichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rezeptionszettel:<\/strong> Diese Seite hat bei FB 27 Fans. Ich muss mir das Foto eines Gold- oder Feldhamsters besorgen, ihm eine Fanseite einrichten. &#8222;Wetten, dass dieser Hamster mehr Fans bekommt als Dieter Bohlen?&#8220; Und ICH wette dann, dass diese Seite mindestens 100x mehr &#8222;Gef\u00e4llt mir&#8220;&#8217;s erntet als &#8222;Was ist Krimi?&#8220; Wundert mich das? Nein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von W.H. Auden bis zu geworfenen Tampons, \u00fcber fl\u00fcchtende Leserschaft und Hamster bei Facebook: Wieder einmal steckt in diesem Zettelkonvolut alles, was wir so am Krimi lieben. 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