{"id":17622,"date":"2007-05-04T07:58:17","date_gmt":"2007-05-04T07:58:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/print-vs-blog\/"},"modified":"2022-06-07T00:40:11","modified_gmt":"2022-06-06T22:40:11","slug":"print-vs-blog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/print-vs-blog\/","title":{"rendered":"Print vs. Blog?"},"content":{"rendered":"\n<p>Vieles von dem, was j\u00fcngst in der \u2192<a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2007\/05\/02\/books\/02revi.html?_r=1&amp;oref=slogin\">New York Times<\/a> diskutiert wurde, kommt einem auch hierzulande bekannt vor: Der allm\u00e4hliche R\u00fcckzug der Literaturkritik aus den Feuilletons, die von den \u201eGedruckten\u201c misstrauisch be\u00e4ugte Konkurrenz aus dem Digitalen, die Irritationen ob dieser Entwicklung auf Seiten der Verlage und Autoren. Print versus Blog? Zwei Argumente aus dieser Diskussion wollen wir etwas genauer betrachten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal: Das Verschwinden der Buchbesprechungen aus den Tages- und Wochenzeitungen ist eine Entwicklung, die nichts mit neuen Medien allgemein, gar dem Bloggen im Speziellen zu tun hat. Sie begann, ich wei\u00df es aus eigener, schmerzlicher Erfahrung, irgendwann Anfang der Neunziger, als speziell in den regionalen Druckerzeugnissen Rezensionen immer seltener, immer k\u00fcrzer, immer beliebiger wurden. Dies vorweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Wann immer gegen Blogs polemisiert wird, ist, so auch in der NT-Diskussion, von \u201efehlender journalistischer Professionalit\u00e4t\u201c die Rede. Dieser Vorwurf hat universellen Charakter, er trifft die SchreiberInnen mehr oder weniger intimer Webtageb\u00fccher (\u201eHeute morgen aufgestanden, gleich wieder hingelegt.\u201c) ebenso wie die Betreiber \u201eliterarischer\u201c, sprich literaturkritischer Blogs. Genau diese fehlende Professionalit\u00e4t gilt indes bei Bef\u00fcrwortern der neuen Netzkultur als deren Pluspunkt, steht sie doch f\u00fcr die Demokratisierung der Medienszene, die Teilnahme der vox populi am \u00f6ffentlichen Meinungskonzert. Doch so oder so: Schon die Basisannahme ist falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schreiben von Buchbesprechungen ist n\u00e4mlich mitnichten ein genuines journalistisches Arbeitsfeld. Das Gros der Kritiken stammt aus den Federn freier Mitarbeiter, Menschen also, die man aus irgendwelchen Gr\u00fcnden f\u00fcr bef\u00e4higt h\u00e4lt, ein Buch nicht nur lesen, sondern seine Qualit\u00e4ten auch ad\u00e4quat beschreiben zu k\u00f6nnen. Mit \u201eJournalismus\u201c hat dies wenig bis gar nichts zu tun, mit Literaturkenntnis daf\u00fcr umso mehr. Ein f\u00e4higer Rezensent muss weder Journalist noch Literaturwissenschaftler sein.Was er neben einer gewissen Sprach- und Stilbeherrschung braucht, ist ein Kenntniskanon. Wer den neuen Roman von Thomas Pynchon bespricht, muss zwangsl\u00e4ufig im Nebel seiner Leseeindr\u00fccke stochern, wenn er nichts von moderner Literatur begriffen hat; wer den neuen Mankell rezensiert und nicht die Krimientwicklung der, sagen wir: letzten achtzig Jahre grob skizziert im Kopf hat, wird im Zweifelsfall Belangloses und Beliebiges absondern. Doch auch das gen\u00fcgt nicht. Das Rezensieren von Kriminalliteratur geschieht immer im Kontext des Rezensierens von Literatur allgemein, der Rezensent hat demzufolge ein Allrounder mit Spezialkenntnissen zu sein, so wie das Restaurieren alter M\u00f6bel ohne fundiertes allgemeines Tischlerwissen kaum denkbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut. Was aber hei\u00dft das? Vor allem eins: Rezensieren ist keine Profession im Sinne eines Berufsbildes, schon gar nicht des journalistischen. Es wird auch nicht dann professionell, wenn man f\u00fcr seine Arbeit bezahlt wird, ja, vielleicht sogar davon leben kann. Das nun ist der Kern. Als \u201eprofessionell\u201c gilt, wer seine Texte gegen Honorar oder Festgehalt ver\u00f6ffentlichen kann, als \u201eunprofessionell\u201c, wer es aus \u201eLiebhaberei\u201c tut. Sp\u00e4testens seit Schopenhauers Einlassungen zu den Vorteilen des Dilettantismus und den Nachteilen der Lohnschreiberei sollte man aber vorsichtig sein, aus dem materiellen Gegenwert einer Arbeit auf ihre Qualit\u00e4t zu schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Blogger schreiben in aller Regel \u201eumsonst\u201c. Sie schreiben deswegen nicht besser oder schlechter als andere, denen die Gnade einer Honorierung zuteil wird. Es handelt sich auch nicht per se um Menschen, die \u201eeben keine Zeitung drucken will, weil sie so schlecht sind\u201c und denen folglich nur der Weg ins Netz geblieben ist, ihre Ansichten unter die Leute zu bringen. Solche F\u00e4lle mag es geben; andersrum funktioniert das aber genauso. Viele der in \u201erichtigen Zeitungen\u201c publizierten Krimirezensionen w\u00fcrden bei wtd niemals ver\u00f6ffentlicht werden, weil \u2013 ein bisschen Arroganz muss sein \u2013 sie einfach den dort gepflegten Qualit\u00e4tskriterien nicht gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n. Aber, ich bitte Sie: Wer liest schon Blogs? Hingegen die Zeitungen! Selbst \u00f6deste Regionalbl\u00e4tter erscheinen in 100.000er-Auflage, DAS ist doch relevant, DORT werden die Ums\u00e4tze gemacht oder eben nicht. Falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel aus der j\u00fcngeren Vergangenheit. Bei wtd erschien Anfang 2006 eine der ersten Besprechungen von \u201eTann\u00f6d\u201c. Schon nach wenigen Wochen \u2013 der Erfolg des Titels war noch gar nicht abzusehen \u2013 konnte ich feststellen, dass dieses schmale B\u00fcchlein einer bis dato v\u00f6llig unbekannten Deb\u00fctantin auf ein geradezu verbl\u00fcffendes Interesse stie\u00df und immer mehr gezielte Anfragen \u00fcber Suchmaschinen zu verzeichnen waren. Dies betraf nat\u00fcrlich nicht nur wtd, sondern alle Internetmedien, die den Titel zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt besprochen hatten. Schon lange vor dem massenmedialen Hype nach der Zuerkennung des Deutschen Krimipreises war \u201eTann\u00f6d\u201c einer der erfolgreichsten deutschen Krimis des Jahres, nicht zuletzt durch die positive Resonanz in den Internetmedien, wozu nat\u00fcrlich die digitalen Angebote der Zeitungen geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist die wtd-Rezension von \u201eTann\u00f6d\u201c viele tausendmal GEZIELT aufgesucht worden. Und das ist der Unterschied zu herk\u00f6mmlichen, das hei\u00dft entweder gar nicht oder nur zeitlich begrenzt oder nur gegen Bezahlung digital zug\u00e4nglichen Rezensionen: die Zeit arbeitet f\u00fcr uns. W\u00e4hrend eine Buchbesprechung in der Tageszeitung von den meisten Konsumenten schlichtweg nicht oder nur fl\u00fcchtig zur Kenntnis genommen werden d\u00fcrfte, erreichen Blogs (und digitalisierte Zeitungen, Internetportale etc. selbstverst\u00e4ndlich auch) ihre LeserInnen gezielt. Und zwar \u00fcber die Kurzlebigkeit von Tagesaktualit\u00e4t hinaus. Das macht uns noch lange nicht zu \u201eMassenmedien\u201c, relativiert aber die oft ins Feld gef\u00fchrten David-Goliath-Verh\u00e4ltnisse zwischen Blogs und Printerzeugnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Verlage haben inzwischen erkannt, dass ihre Produkte ohne die \u201eDilettanten der Netzwelt\u201c schlichtweg ins kommunikative Abseits geraten k\u00f6nnten. Vor allem kleinere Unternehmen, aber nicht nur sie, profitieren davon. Wer Blogs hingegen als eher l\u00e4stige Begleiterscheinungen des digitalen Zeitalters wahrnimmt und demgem\u00e4\u00df behandelt, darf sich auf b\u00f6se \u00dcberraschungen gefasst machen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vieles von dem, was j\u00fcngst in der \u2192New York Times diskutiert wurde, kommt einem auch hierzulande bekannt vor: Der allm\u00e4hliche R\u00fcckzug der Literaturkritik aus den Feuilletons, die von den \u201eGedruckten\u201c misstrauisch be\u00e4ugte Konkurrenz aus dem Digitalen, die Irritationen ob dieser Entwicklung auf Seiten der Verlage und Autoren. Print versus Blog? 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