{"id":17623,"date":"2007-05-07T07:56:23","date_gmt":"2007-05-07T07:56:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/aus-dem-tagebuch-einer-krimiautorin\/"},"modified":"2022-06-07T01:08:52","modified_gmt":"2022-06-06T23:08:52","slug":"aus-dem-tagebuch-einer-krimiautorin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/aus-dem-tagebuch-einer-krimiautorin\/","title":{"rendered":"Aus dem Tagebuch einer Krimiautorin"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Schon hatten wir uns damit abgefunden, dass unser freundliches \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/04\/autorinnen-bloggen.php\">Blogangebot<\/a> f\u00fcr AutorInnen ohne Resonanz verhallen w\u00fcrde &#8211; da erreichte uns die Mail einer nicht ganz unbekannten (aber auch nicht sonderlich bekannten) Krimischreiberin. Ja, sie sei dabei! Allerdings nur anonym, denn schlie\u00dflich wolle sie hier nicht plump Werbung in eigener Sache betreiben. Au\u00dferdem tangiere das von ihr gef\u00fchrte Tagebuch nicht selten &#8222;den Intimbereich&#8220;. Nat\u00fcrlich haben wir freudig zugesagt und ver\u00f6ffentlichen nun folgend die ersten, sehr aufschlussreichen Notizen aus dem Alltag der Kollegin. Zur Nachahmung empfohlen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>7 Uhr 17: Der Tag einer Kriminalautorin beginnt immer gleich. Aufstehen, duschen, fr\u00fchst\u00fccken, googeln. W\u00e4hrend ich meinen Namen eingebe, breitet sich ein wohliges Kribbeln unter der Bauchdecke aus, fast wie Sex, nur sch\u00f6ner. Aber genauso lang: f\u00fcnf Sekunden. Dann steht fest: Niemand hat mich neu auf seiner Webseite verewigt, nicht einmal der Schleimer von krimiblog.de. Erste Entt\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n<p>7 Uhr 25: Eher lustlos lese ich mich durch die Blogs. Da! Das gibt es nicht! Was f\u00e4llt denn DEM ein! Eine positive Rezension des neuen Krimis von B., dieser alten, arroganten Kuh! Die sich bei der CRIMINALE an Norbert Horst rangeschmissen hat \u2013 oder wars Horst Eckert? Einerlei. Null Talent, aber geliftet wie Patricia Highsmith. Kurz zum Alligator, ohne gro\u00dfe Hoffnung. Der ist noch gar nicht auf Sendung.<\/p>\n\n\n\n<p>8 Uhr 12: An den Schreibtisch. Leer. Nicht der Schreibtisch \u2013 ich. Seite 112 meines neuen Thrillers, langsam muss ich mich entscheiden, wo ich hin will. Eher realit\u00e4tst\u00fcchtig oder psychologisch? Wei\u00df noch nicht. Bis Seite 200 kann ich noch vor mich hin fabulieren, das merkt keine Sau. Vielleicht mal eine Sexszene? Immer gut. \u201eVoller Begierde \u00f6ffnete Kowalski Lindas obersten Blusenknopf und begann zu grunzen.\u201c Grunzen ist gut. Sonst weiterhin leer. Ich starre auf den Bildschirm \u2013 oh, jetzt hab ich doch glatt drei Seiten geschrieben! Na, werden schon okay sein.<\/p>\n\n\n\n<p>9 Uhr 44: Eigentlich m\u00fcsste ich dringend einkaufen, aber die Post war noch nicht da. Soll ich warten? Ich warte.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Uhr 22: Der Postmann. Das Scheppern des Briefkastens. Schnell hin. Reklame und eine Geburtstagskarte von Mutter. Habe ich heute Geburtstag? Dann muss mich der Alligator heute w\u00fcrdigen! Muss er! Ist seine Pflicht! &#8212; Nein. Die Karte ist f\u00fcr meine Schwester, Mutter hat nur wieder die Vornamen verwechselt. Wird auch nicht j\u00fcnger. Kein Autogrammwunsch. Kein Vertragsangebot von S. Fischer.<\/p>\n\n\n\n<p>10 Uhr 52: Stehcaf\u00e9 bei Tchibo. Ich stelle mich ans Schaufenster an der belebten Stra\u00dfe, gucke raus. Vielleicht erkennt mich jemand. Immerhin war ich vor drei Monaten im Lokalteil der Zeitung, \u201eunsere bekannteste Krimiautorin\u201c. Okay, es gibt nur eine in diesem Kaff, die andere ist vor zwei Jahren gestorben. Alle gehen vorbei, na ja. Ich habe meine Autogrammkarten eh auf dem K\u00fcchentisch vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>11 Uhr 47: Essen gehen. Aber nicht oben beim KAUFHOF. Seit die meine B\u00fccher nicht mehr f\u00fchren, k\u00f6nnen sie von mir aus gucken, wer ihnen den lauwarmen, pampigen Nudelauflauf abkauft. Lieber zu McDonalds.<\/p>\n\n\n\n<p>12 Uhr 30: Schnell noch bei Hugendubel vorbei. Ich liege immer noch auf dem Novit\u00e4tentisch in der zweiten Reihe, aber jetzt ganz links, da m\u00fcssen sich die Kunden ganz sch\u00f6n verrenken, um den Titel lesen zu k\u00f6nnen. Die Chaplet liegt ganz vorne, typisch! Und der Bottini, dieser Zenm\u00f6nch, auch! Unauff\u00e4llig austauschen, die Chaplet ins Regal \u201eEisenbahnromantik\u201c stellen. So.<\/p>\n\n\n\n<p>14 Uhr 02: Wieder Internet. Alligator. Nat\u00fcrlich keine Erw\u00e4hnung. Daf\u00fcr Paprotta, Paprotta, Paprotta! Ist doch gar keine richtige Kriminalautorin! Macht diese Echse doch nur, weil im angeschlossenen Verlag gerade dieses Schmierheft erschienen ist, \u201eSekund\u00e4rliteratur\u201c, pah! Dass die sich nicht sch\u00e4men! Ist heute Freitag? Tats\u00e4chlich! W\u00f6rtche! Schnell hin! &#8212; Nichts. H\u00e4tte mich auch gewundert, wenn schon einer \u201eDoktor\u201c ist! Die stecken doch alle unter einer Decke, der Noller, der Gohlis, diese ganzen Gro\u00dfkritiker!<\/p>\n\n\n\n<p>14 Uhr 29: Weiterschreiben. Die Sexszene fertigmachen. \u201eLindas Br\u00fcste lagen wie fleischfarbener Wackelpudding auf seinen Handfl\u00e4chen.\u201c Wie ist immer gut. Literarisch. Ihre Augen leuchteten wie Taschenlampen. Mal notieren, f\u00fcr sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>16 Uhr 55: Mensch, beinahe h\u00e4tte ich die Lesung heute abend vergessen! Gemeindehaus Oberrammelsbach, kleiner Saal. Immerhin. Hier hat schon Peter Handke gelesen, 1973, erz\u00e4hlt man sich heute noch von. Was zieh ich an? Ganz in schwarz, den \u201eKrimilady\u201c-Fummel? Oder mehr sportlich, trendy, neue deutsche Krimipower? Nach zerm\u00fcrbenden drei\u00dfig Minuten vor dem Kleiderschrank entscheide ich mich f\u00fcr das Jeansoutfit. F\u00fcr die paar Hanseln wird das reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>18 Uhr 09: Anruf Verleger. \u201eDer Tod kennt keine Begierde\u201c l\u00e4uft nicht so richtig, \u201eWir m\u00fcssen da mal dr\u00fcber nachdenken, liebe K.\u201c Nachdenken? Rausekeln will man mich! Das hat Tradition im deutschen Kulturstaat! Was einem nicht passt, wird einfach rausgeekelt! Wenn das so weitergeht, lande ich noch beim NordPark Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>19 Uhr: Gemeindehaus Oberrammelsbach. Sind alle da? Ich erkenne Mutter und meine Schwester Gudrun \u2013 hat die nicht heute Geburtstag? -, zwei Schulfreundinnen, schon lange nicht mehr gesehen, dazu die f\u00fcnf Greise vom \u201eLiterarischen Zirkel\u201c der Volkshochschule, zwei Buchh\u00e4ndlerinnen, die aber gerade im Mutterschaftsurlaub sind, &#8212; und einen ganz stattlichen, schon leicht angegrauten Herrn. Interessant. Dann wollen wir mal. Hab ich das Buch dabei?<\/p>\n\n\n\n<p>21 Uhr 01: Tolle Lesung! Ganz angespannt waren die, einer der Greise hat fast keine Luft mehr gekriegt, das sah fast nach Exitus aus, damit w\u00e4re ich \u00fcberregional in die Presse gekommen! Hat sich aber doch noch mal berappelt. Nach der Lesung die obligatorischen Fragen. Wann ich schreibe, wieviel ich schreibe, woher ich meine Ideen nehme, ob ich wegen meines Lispelns jemals in Behandlung gewesen w\u00e4re, warum ich ihr noch nicht zum Geburtstag gratuliert h\u00e4tte \u2013 meine Schwester, die Schlange, typisch. Gl\u00e4schen Sekt zum Abschluss. Mit dem stattlichen, angegrauten Herrn zwanglos ins Gespr\u00e4ch gekommen. Da k\u00f6nnte was laufen!<\/p>\n\n\n\n<p>23 Uhr 57: Im Bett. Allein. Der Kerl war schwul wie Winnetou, wollte eine \u201eSeelenfreundschaft\u201c! M\u00fcde. Mein letzter, resignierter Gedanke: Frauen schreiben Kriminalromane, weil sie M\u00e4nner kennenlernen wollen. Das ist die ganze, die bittere Wahrheit. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht habe ich ja morgen Geburtstag.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon hatten wir uns damit abgefunden, dass unser freundliches \u2192Blogangebot f\u00fcr AutorInnen ohne Resonanz verhallen w\u00fcrde &#8211; da erreichte uns die Mail einer nicht ganz unbekannten (aber auch nicht sonderlich bekannten) Krimischreiberin. Ja, sie sei dabei! Allerdings nur anonym, denn schlie\u00dflich wolle sie hier nicht plump Werbung in eigener Sache betreiben. 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