{"id":17625,"date":"2011-11-18T10:29:57","date_gmt":"2011-11-18T10:29:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/george-v-higgins-die-freunde-von-eddie-coyle\/"},"modified":"2022-06-09T10:08:02","modified_gmt":"2022-06-09T08:08:02","slug":"george-v-higgins-die-freunde-von-eddie-coyle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/george-v-higgins-die-freunde-von-eddie-coyle\/","title":{"rendered":"George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/higgins.jpg\" alt=\"higgins.jpg\" width=\"158\" height=\"173\"\/>Eine gelesene Geschichte ist immer auch eine gesehene Geschichte. Unser Kopfkino verwandelt W\u00f6rter in Bilder, schnappt sich den Handlungsfaden und zieht ihn m\u00f6glichst logisch-straff, um auf diesem Seil, dieser Sinn-Einheit, \u00fcber den Abgrund zu tanzen, in den zu schauen man uns abgeraten hat. Vorsicht, Absturzgefahr, Vorsicht, disparate Teilchen unseres Daseins. Um dieses Kunstst\u00fcck bewerkstelligen zu k\u00f6nnen, hat man u.a. die erz\u00e4hlende Literatur erfunden. Aber Literatur w\u00e4re nicht Literatur, wenn sie den Erwartungen nicht gelegentlich davonliefe, indem sie sie erf\u00fcllt und gleicherma\u00dfen untergr\u00e4bt. Einen solchen Text hat man bei &#8222;Die Freunde von Eddie Coyle&#8220; vor sich.<br \/>Beginnen wir mit dem filmischen Teil, was deshalb auch nahe liegt, weil dieser 1971 ver\u00f6ffentlichte (und erst 1989 ins Deutsche \u00fcbersetzte) Roman von George V. Higgins gleich nach seinem Erscheinen mit Robert Mitchum verfilmt wurde. Wir folgen dem Titelhelden, einem Kleinkriminellen, durch die letzten Tage und Stationen seines Lebens. Doyle besorgt Schusswaffen, er ist Zwischenh\u00e4ndler, ein kleines R\u00e4dchen im kriminellen Getriebe wie andere auch, mit denen er sich trifft. Momentan gehen die Gesch\u00e4fte gut, denn der Gangster Scalisi und seine Gang haben Bedarf an hei\u00dfer Schussware f\u00fcr clever inszenierte Bank\u00fcberf\u00e4lle. Die ganze Geschichte ist eine Abfolge von Kalk\u00fcl und Verrat, jeder ist sich selbst der n\u00e4chste, jeder will \u00fcberleben, und am Ende wird Eddie Coyle eben tot sein. Ein reinrassiges Gangsterdrama w\u00e4re das \u2013 wenn Higgins nicht etwas anderes im Sinn gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man lockt die Leserschaft am zuverl\u00e4ssigsten in die Falle, wenn man sie mit besonders krassen Lockstoffen k\u00f6dert. Genau das tut Higgins. &#8222;Die Freunde von Eddie Coyle&#8220; liest sich wie ein Drehbuch, das immer nach dem gleichen Muster operiert. Die jeweilige Szenerie wird knapp und n\u00fcchtern geschildert \u2013 Wer trifft sich wann wo warum mit wem? \u2013 und dann unterhalten sich zwei, selten auch drei Menschen miteinander \u00fcber ihren Beruf. Nat\u00fcrlich vergisst man zu keinem Zeitpunkt, dass man es mit Gangstern und Polizisten zu tun hat, aber nach und nach ertappt man sich dabei, von diesem dicken gespannten Seil der Handlung hinab in eben jenen Abgrund zu schauen \u2013 und etwas Unerwartetes zu erkennen: das allt\u00e4gliche Leben, die allt\u00e4glichen Gespr\u00e4che, wie man sie in einem B\u00fcro f\u00fchrt oder nach Feierabend in der Kneipe. Wenn Doyle und seine Kumpane kommunizieren, tun sie das nach den gleichen Regeln, mit den gleichen Strategien wie xbeliebige Personen aus dem ganz normalen Berufsleben. Sie schildern die Schwierigkeiten ihrer Arbeit, betonen ihr Berufsethos, taktieren, suchen ihren Vorteil, drohen gelegentlich oder schmeicheln. Nat\u00fcrlich sprechen sie auch \u00fcber Privates, \u00fcber frustrierende Beziehungen oder Zukunftspl\u00e4ne, und ganz allm\u00e4hlich blendet man aus, um was es im Konkreten geht, man ersetzt Schusswaffen durch Brath\u00e4hnchen oder Maschinenteile, man steigt vom Seil der filmischen Handlung \u2013 und st\u00fcrzt in sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir f\u00e4llt f\u00fcr diesen Roman kein anderes Attribut ein als &#8222;genial&#8220;. Da benutzt einer die filmischen Mittel, schreibt einen beinahe Dialogroman, der geradezu nach seiner Visualisierung schreit, und torpediert genau damit das Offensichtliche. Etwas Erz\u00e4hltes wird zu etwas, das selbst zu erz\u00e4hlen beginnt, auf einer anderen Ebene allerdings, dort, wo s\u00e4mtliche F\u00e4den der Kontinuit\u00e4t, des Anfangs einer Story und ihres Endes gerissen sind. Nun wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht, wie Higgins seinen Roman recherchiert hat, aber ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass er viel in Bars und Kneipen, Vorortz\u00fcgen, Wartezimmern von \u00c4rzten etc. herumsa\u00df und einfach nur zugeh\u00f6rt hat. Daraus wurde dann ein Krimi \u2013 und an uns ist es nun, ihn zu dem zur\u00fcckzuverwandeln, was er einmal war: die Art, wie wir zusammenleben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle. \nGoldmann 1989 \n(The Friends of Eddie Coyle. 1971. Deutsch von J\u00fcrgen Langowski). \n158 Seiten. \nZur Zeit nur antiquarisch erh\u00e4ltlich. \nMehr zu diesem Roman auch bei \u2192<a href=\"https:\/\/martincompart.wordpress.com\/tag\/george-v-higgins\/\">Martin Compart<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gelesene Geschichte ist immer auch eine gesehene Geschichte. 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