{"id":17626,"date":"2011-11-21T08:45:44","date_gmt":"2011-11-21T08:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-10\/"},"modified":"2022-06-08T20:20:49","modified_gmt":"2022-06-08T18:20:49","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-10\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 10"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute mit Dickens und Higgins, einigen notorischen Arschgesichtern und Arschgedanken, der propperen Psycho-Anneliese und anderen organisierten Verbrechen. Und einem Jubil\u00e4umszettel, auf den ihr schreiben k\u00f6nnt, was ihr wollt. Vielleicht verratet ihr es mir? Die Kommentarfunktion ist immer noch aktiv, ich muss nur freischalten, wegen Spam, sorry.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 91:<\/strong> Krimi und Psychoanalyse: Lesen wir Krimis, weil sie uns das &#8222;Ur-Verbrechen&#8220; rituell wiederholen lassen, die &#8222;primal scene&#8220; der Geburt, die Versto\u00dfung aus dem Mutterleib? Dazu gibt es tats\u00e4chlich wissenschaftliche Arbeiten und ich will das gar nicht ins L\u00e4cherliche ziehen, irgendwo her muss ja die menschliche Verkorkstheit kommen. Halte es in puncto Psychoanalyse aber eher mit Vladimir Nabokov als mit Arno Schmidt. Obwohl dessen Theorie von Poes &#8222;Ur-Erlebnis&#8220; im Zusammenhang mit &#8222;Pym&#8220;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Antiverschw\u00f6rungstheorienzettel:<\/strong> Gibt es in der deutschen Krimikritik &#8222;mafiose Strukturen&#8220;? Klare Antwort: NEIN! Eine solche Behauptung w\u00e4re ein Affront gegen die Professionalit\u00e4t des organisierten Verbrechens.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lesezettel:<\/strong> Sehr viel Freude an Higgins gehabt. Sehr viel Freude auch an Martin Comparts &#8222;Lucifer Connection&#8220;, obwohl ganz anders als Higgins. Eben! Der Krimi ist mitnichten \u00f6de Monokultur, auch wenn das der erste Augenschein Glauben machen will. Graben lohnt sich, dort, wohin die meisten Kritiker nicht kommen, nicht kommen wollen. Halt nicht nur dort, wo sie ihre St\u00f6ckchen in den Hype bohren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 92: <\/strong>Die Zukunft des Krimis ist seine Vergangenheit. Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 93:<\/strong> Conan Doyle und seine Vorliebe f\u00fcr das Okkulte. \u00c4hnliches bei Bram &#8222;Dracula&#8220; Stoker. Frage, wie Moderne und Okkultismus zusammenpassen. Bindeglied: die Logik. Unerkl\u00e4rliches erkl\u00e4ren, die Angst vor den Geistern weg-ratio-nalisieren. Wieder bei Poe landen, ohne den im 19. Jahrhundert gar nichts l\u00e4uft. Kein Wunder, er hat&#8217;s ja erfunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 94:<\/strong> Die zeitgen\u00f6ssische Kriminalliteratur ist ein Fuhrpark voller perfekter Bed\u00fcrfnisvehikel. Es gibt ein zumeist stillschweigendes \u00dcbereinkommen von Autoren und Lesern \u00fcber den affirmativen Charakter von Krimis, eine Ausdifferenzierung von Zielgruppen, was nicht nur die oft beschimpften Regioschmonzetten, Tier- und Fresskrimis betrifft, sondern auch die sogenannte &#8222;bessere&#8220; Kriminalliteratur wie den Noir oder den &#8222;politischen&#8220; Krimi. Das ist funktionierende Marktwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Psychozettel:<\/strong> Es gibt Gelegenheiten, bei denen man die ganze globale Misere im l\u00e4cherlich Kleinen vorgesetzt bekommt. Und erkennt: Die Leute lassen sich offenen Sinnes verarschen, auch dann, wenn sie den Betrug l\u00e4ngst erkannt haben. D\u00fcstere Gedanken. Alles hinwerfen, schon aus gedankenhygienischen Gr\u00fcnden, einfach ausklinken. Was ich hier tue, interessiert eh niemanden, das ist, wenn man den Larmoyanzanteil abzieht, eine n\u00fcchterne Erkenntnis. &#8222;Die da drau\u00dfen&#8220; fallen auf die dreistesten Plumpereien herein, lassen sich wie immer mit dem ekligsten K\u00f6der im Maul ans Ufer ziehen und in die Pfanne hauen. Eine Nacht dr\u00fcber geschlafen, nur unwesentlich besser.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 95: <\/strong>Man k\u00f6nnte die aktuelle Diskussion um das Quo Vadis der deutschen Kriminalliteratur komplett mit Beispielen aus den Jahren 1870 bis 1930 illustrieren. Der Krimi als Gesellschafsroman, als politischer Roman, als Seismograph psychischer Kollektivbefindlichkeit, zwischen Kunst und Kommerz&#8230; Ist also die Vergangenheit die wahre Avantgarde zur Besch\u00e4mung des Gegenw\u00e4rtigen? Oder die Gegenwart hoffnungslos antiquiert?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 96:<\/strong> Ein Krimi, den man nicht als Nichtkrimi lesen kann, ist kein Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erkenntniszettel:<\/strong> Immer wieder lustig, wenn sich die kecken Belobhudler des Ewiggleichen, die Bremskl\u00f6tze der Entwicklung, die hinter dem Stillstand hinterher Hechelnden zu Fortschrittsfurien aufschwingen. So viel Blamage ist selten, der liebe Gott pupst nass und sprenkelt seiner missratenen Sch\u00f6pfung hohle H\u00e4upter mit geistigem D\u00fcnnpfiff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 97:<\/strong> Zu behaupten, mit Hammett \/ Chandler habe &#8222;die Wirklichkeit&#8220; Einzug in die Kriminalliteratur gehalten, ist in etwa so zutreffend wie die Behauptung, mit der Erfindung des Sahnebonbons sei die Milch als Lebensmittel entdeckt worden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 98:<\/strong> Bl\u00e4ttere gerade in Arno Schmidts &#8222;Der Triton mit dem Sonnenschirm&#8220;, Dickens-Nachtprogramm. <em>&#8222;Achduliebezeit! \u2013 &#8218;Realistische Verbrecherwelten&#8216; finden Sie nicht einmal beim \u2013 in dieser Beziehung zu Recht ber\u00fchmteren \u2013 Dostojewski : selbst der nur mittelm\u00e4\u00dfig erfahrene Polizeibeamte in irgendeinem &#8218;Sankt Pauli&#8216; oder &#8218;Harlem&#8216; wei\u00df, und erf\u00e4hrt t\u00e4glich, Komplizierteres und \u00dcbelriechenderes bez\u00fcglich &#8218;Schuld &amp; S\u00fchne&#8216; ! \/ Nein : am TWIST ist das Merkenswerteste, da\u00df er in sp\u00e4teren-kl\u00fcgeren Jahren die Gestalt des Verbrecher-Juden Fagin bereute (&#8230;).&#8220; <\/em>Und, schwupps, sind wir wieder im Aktuellen und bei gewissen neuen &#8222;Eindeutschungen&#8220; des OLIVER TWIST. \u00dcberhaupt &#8222;aktuell&#8220;: Dickens lesen, BLEAKHOUSE lesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Befindlichkeitszettel:<\/strong> Mein Wort der Woche: ausklinken. Es gibt Tage, da wird einem alles so elend-tr\u00fcbsinnig klar, die Geschichte mit den allerd\u00fcmmsten K\u00e4lbern und ihrer Wahl des Schlachters, dieses halbherzig emp\u00f6rte Aufmucken und das dem automatisch folgende \u00e4ngstliche Kuschen, dieses ganze biederlich-widerliche &#8222;Protestieren&#8220;, das sich, unter anderem, in der Art und Weise spiegelt, wie sie ihre Welten bauen. Schei\u00dfehaufen mit gepflegten Vorg\u00e4rten. Aber okay: Die Woche ist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 99:<\/strong> Krimi als Reaktion auf allgemeine Orientierungslosigkeit, das Wissen um das Ende einer alten Ordnung, in banger Erwartung einer neuen. Prognose: Das Tier erh\u00e4lt eine aktualisierte greifbare Gestalt und wird, wie gehabt, pausenlos in seine Schranken verwiesen und &#8222;bestraft&#8220;. Wir blicken neuen sch\u00f6nen Krimiwelten entgegen, die doch nur Aufg\u00fcsse der alten sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 100:<\/strong> Bleibt leer. Viel Platz f\u00fcr eigene Notizen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute mit Dickens und Higgins, einigen notorischen Arschgesichtern und Arschgedanken, der propperen Psycho-Anneliese und anderen organisierten Verbrechen. Und einem Jubil\u00e4umszettel, auf den ihr schreiben k\u00f6nnt, was ihr wollt. Vielleicht verratet ihr es mir? Die Kommentarfunktion ist immer noch aktiv, ich muss nur freischalten, wegen Spam, sorry.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17626","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17626","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17626"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17626\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17626"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17626"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17626"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}