{"id":17630,"date":"2007-05-10T07:09:26","date_gmt":"2007-05-10T07:09:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/dieter-kuehn-geheimagent-marlowe\/"},"modified":"2022-06-15T22:28:41","modified_gmt":"2022-06-15T20:28:41","slug":"dieter-kuehn-geheimagent-marlowe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/dieter-kuehn-geheimagent-marlowe\/","title":{"rendered":"Dieter K\u00fchn: Geheimagent Marlowe"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer Dieter K\u00fchns Biografien kennt, den wird das Motto, das er seiner neuesten voranstellt, nicht schockieren. Ein Zitat von Johannes Bobrowski ist es: <em>\u201eWir h\u00e4ufen hier eine historische Unwahrheit auf die andere, um ein zutreffendes Bild zu bekommen.\u201c <\/em>Wohlan. Das hat Dieter K\u00fchn schon immer so gehalten, von Oswald von Wolkenstein bis Maria Sybilla Merian oder Clara Schumann. Die sogenannte ernsthafte Wissenschaft meldete nicht selten \u00e4chzend ihre Bedenken an, aber am Ende hat K\u00fchn Bobrowskis Credo immer gl\u00e4nzend best\u00e4tigt. So auch diesmal mit \u201eGeheimagent Marlowe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Leben des englischen Dramatikers Christopher Marlowe (1564-1593) war ein Krimi, sein Tod genregerecht. Gerade einmal 29j\u00e4hrig, wurde er bei einer Wirtshausstreitigkeit erstochen, Jahre zuvor hatte man ihn selbst einer \u00e4hnlichen Tat beschuldigt. Mit ihr beginnt K\u00fchns Roman. Marlowe, der Hitzkopf windet sich im Polizeiverh\u00f6r, seine Chancen stehen schlecht. Hinrichtung oder lebenslanges Dahinvegetieren in den nicht gerade komfortablen Kerkern Ihrer Majest\u00e4t Elisabeth I, die mit der Liquidierung der schottischen Konkurrentin Maria Stuart einen Karriersprung gemacht hat, also nicht zimperlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Rettung ist nahe, der Geheimdienst bietet Marlowe an, in Paris zu spionieren. Die Beziehungen zu Frankreich sind denkbar schlecht. Wohl hat man die spanische Armada vernichtend geschlagen, doch deren gallische Verb\u00fcndete scheinen aufzur\u00fcsten. Stichwort Bartholom\u00e4usnacht, als 30.000 Hugenotten hingeschlachtet wurden, noch immer ein Trauma. Das katholische Frankreich gegen das protestantische England, Religion gegen Religion. Mit der Legende eines irischen Studenten, der in Paris Festungsbau studieren will, schickt man Marlowe in die franz\u00f6sische Metropole. Das geht nicht lange gut. Marlowe, trink- und spielfreudig, rauflustig und auch noch homosexuell, wird enttarnt, der franz\u00f6sische Geheimdienst presst ihn zum Doppelagententum, was den englischen Kollegen nicht verborgen bleibt. Sie beordern Marlowe zur\u00fcck, verh\u00f6ren ihn, willigen scheinbar ein, ihn au\u00dfer Landes zu bringen, wo er sich an ruhigem Ort ganz seiner dramatischen Kunst widmen kann, doch eine Intrige im Hintergrund macht den idyllischen Lebensentwurf des Dichters zunichte. Marlowe muss sterben, Marlowe stirbt. Oder auch nicht. Zweifel bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles an K\u00fchns Geschichte entspricht der \u201eWahrheit\u201c, wie man sie aus den sp\u00e4rlichen Fakten, die von Marlowes Leben geblieben sind, herausdestillieren kann. Er arbeitete wohl schon als Student f\u00fcr den Geheimdienst und man vermutet, er habe es auch sp\u00e4ter noch getan. Die Umst\u00e4nde seiner Ermordung sind mysteri\u00f6s, der offizielle Tathergang mit Fragezeichen versehen, zumal Marlowe zu dieser Zeit tats\u00e4chlich in politischer Bedr\u00e4ngnis war, wartete doch eine Anklage wegen Atheismus, Homosexualit\u00e4t und anderer Schwerverbrechen auf ihn. Ein politischer Mord also? Ein gefundenes Fressen f\u00fcr KrimiautorInnen auf jeden Fall, wie Leslie Silberts \u201eDer Marlowe-Code\u201c von 2004 beweist. Marlowes Tod nur vorget\u00e4uscht, hat als Shakespeare weitergeschrieben&#8230;nein, da ist K\u00fchn schon ein ganz anderes Kaliber.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fchn schildert die letzten Monate des Dichters in Verh\u00f6rprotokollen, Briefen, Berichten. Der \u201eRoman eines Mordes\u201c, so der Untertitel, wird zum Roman der Geheimdienste, deren Strukturen und Automatismen K\u00fchn in nicht selten witziger Stilistik und genau damit sehr klar und einleuchtend schildert. Dies w\u00e4re, neben der biografischen, die zweite Ebene des Buches, das ewige Funktionieren von geheimen Organisationen mit ihren Hierarchien und R\u00e4nkespielen. Aber es gibt noch mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Carr\u00e9 ahnen wir, dass wirklich gute Spionageromane immer auch ein Abbild der Normalwelt liefern, die Umrisse der Geheimdienste zugleich Umrisse des \u00f6ffentlichen Lebens sind. Der einzelne ist Spielball, Man\u00f6vriermasse, das Spiel selbst hat sich l\u00e4ngst eigendynamisch verselbstst\u00e4ndigt. K\u00fchn setzt nun Marlowe, den K\u00fcnstler und, wohl doch, \u201eAtheisten\u201c in den K\u00e4fig der Gesellschaft, die ihn umgibt, bedroht, umwirbt, letztlich zwischen den Fronten Katholizismus und Protestantismus, sprich Ideologien verheizt. Marlowe ist erpressbar, Homosexualit\u00e4t ein Verbrechen, jede Meinungs\u00e4u\u00dferung, die den Herrschenden nicht genehm ist, kann ebenfalls sanktioniert werden. So wird Marlowe, der doch nur eines will, n\u00e4mlich Dramen schreiben, zur tragischen Figur in seinem Lebensdrama. Er passt einfach nicht in diese Welt mit ihren l\u00e4cherlichen H\u00e4ndeln, und diese Welt k\u00fcmmert sich einen Dreck um den Dichter. Sie gebraucht ihn, sie missbraucht ihn, sie wirft ihn weg, wenn sie seiner \u00fcberdr\u00fcssig geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zeitlos, aber auch aktuell. Wir erinnern uns an die Stasiaktivit\u00e4ten mancher DDR-Literaten, wir erinnern uns generell an Menschen des Geistes, die in die M\u00fchlen der Wirklichkeit geworfen und dabei besch\u00e4digt wurden. Der Mord, der hier geschieht, ist auch ein metaphorischer, die Ebenen sind ineinander geschachtelt, Marlowes Biografie eine K\u00fcnstlerbiografie, das Spezielle des Geheimdienstunwesens das Allgemeine einer \u201efunktionierenden Gesellschaft\u201c, der die Kunst, pardon, am Arsch vorbeigeht und erst dann wichtig wird, wenn es den eigenen Kulturstand als eine historische Leistung abzufeiern gilt und man entsprechende Belegst\u00fccke braucht. Dann sind die K\u00fcnstler meistens schon tot, und auf ihre erb\u00e4rmlichen Leben schaue man besser nicht so genau, w\u00e4hrend die Weihrauchkessel geschwenkt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeheimagent Marlowe\u201c ist nicht \u201emehr\u201c als ein Kriminalroman oder gar &#8222;zu literarisch&#8220;. Es ist ein wunderbarer Kriminalroman von einem, der seine Sprache fast be\u00e4ngstigend souver\u00e4n im Griff hat und damit, ganz nebenbei, auch zeigt, was Kriminalromane sein k\u00f6nnen, wenn ihre UrheberInnen des Schreibens m\u00e4chtig sind.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Dieter K\u00fchn: Geheimagent Marlowe. Roman eines Mordes. <br \/>S. Fischer 2007. 263 Seiten. 18,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Dieter K\u00fchns Biografien kennt, den wird das Motto, das er seiner neuesten voranstellt, nicht schockieren. Ein Zitat von Johannes Bobrowski ist es: \u201eWir h\u00e4ufen hier eine historische Unwahrheit auf die andere, um ein zutreffendes Bild zu bekommen.\u201c Wohlan. 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