{"id":17637,"date":"2011-11-25T10:10:12","date_gmt":"2011-11-25T10:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/martin-compart-die-lucifer-connection\/"},"modified":"2022-06-08T20:17:05","modified_gmt":"2022-06-08T18:17:05","slug":"martin-compart-die-lucifer-connection","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/11\/martin-compart-die-lucifer-connection\/","title":{"rendered":"Martin Compart: Die Lucifer Connection"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"229\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/compart_l.jpg\" alt=\"compart_l.jpg\"\/> Der Weg zwischen Kunst und Trash ist lang. Jedenfalls wenn man sich das literarische Wertigkeitssystem als ein Geb\u00e4ude vorstellt, der Krimitrash im von Schimmel und Schwamm heimgesuchten Souterrain und der fein-, tief-, hintersinnig komponierte &#8222;literarische Krimi&#8220; ganz Penthouse-Resident mit den Annehmlichkeiten eines intellektuellen Dachgartens. Aber man kann sich das Ganze auch anders vorstellen. Als einen Kreis, der beim Krimi als reiner Kolportagekost beginnt und beim &#8222;Krimi als literarisches Kunstwerk&#8220; endet. Dann kommt einem die Strecke zwischen den Extremen immer noch lang vor \u2013 doch eigentlich liegen sie ganz dicht beieinander.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diese kleine theoretische \u00dcberlegung sei gestattet, um Martin Comparts &#8222;Die Lucifer Connection&#8220; dort zu verankern, wo sie steht. Was zun\u00e4chst kein Probleme zu machen scheint, allein der Blick auf das Cover gen\u00fcgt doch, oder? Sex und Gewalt und m\u00e4nnlich-destruktive Coolness, &#8222;Pulp&#8220;, Trash, grobgerastertes Actionkino zur Befriedigung niederster Bed\u00fcrfnisse, meilenweit entfernt von n\u00fcchterner, austarierter Wirklichkeit. Ein Ex-Geheimdienstmann namens Gill, der jetzt in Dortmund als Privatermittler t\u00e4tig ist, erh\u00e4lt einen l\u00e4ppischen Auftrag \u2013 er soll die verschwundene Katze eines kleinen Jungen suchen \u2013 und ger\u00e4t in eine bestialische Weltverschw\u00f6rung des B\u00f6sen, mit unvorstellbaren Grausamkeiten an Kindern, Snuff-Movies, durchgeknallten afrikanischen Despoten und ihren drogenzugedr\u00f6hnten Mordmaschinen, satanistischen Politikern aus der westlich zivilisierten Welt. Dann wird eine Freundin Gills, Kriminalkommissarin, entf\u00fchrt und im zweiten Teil des Romans quasi permanent vergewaltigt. Gill nimmt den Kampf auf. Sehr dubiose Typen kreuzen seinen Weg: Bordellbesitzer, S\u00f6ldner, manchmal auf Gills Seite, manchmal auf der anderen. Der Oberb\u00f6sewicht mit dem genretypischen Namen Zaran w\u00fctet zwischen Dortmund und Sierra Leone, London und Wien, ein gr\u00f6\u00dfenwahnsinniges Genie wie aus dem Lehrbuch f\u00fcr Heftchenkrimis, inmitten seiner entmenschten J\u00fcnger. Da werden Babys bei lebendigem Leib zerrissen, da wird gen\u00fcsslich gefoltert und die spezifischen Eigenschaften von Schusswaffen flie\u00dfen wie Mantras aus den M\u00fcndern der Protagonisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch korrekt liest sich anders. Abgrundtiefe Verachtung des durch die &#8222;Medienkellner&#8220; vermittelten Normalen durchzieht den Text, die Vereinten Nationen sind eine Verbrechensorganisation wie die EU, Afrika ein Kontinent des immerw\u00e4hrenden Grauens. Nie war das B\u00f6se b\u00f6ser und das Gute suspekter.<\/p>\n\n\n\n<p>Uff. So stellen sich Lieschen M\u00fcller oder wahlweise der sensible, akademisch geschulte Gro\u00dfkritiker X. die Niederungen des Genres vor. Mit spitzen Fingern entsorgen oder, ganz elegant in der bew\u00e4hrten Manier der Literaturgeschichtsschreibung, einfach ignorieren. Dabei macht Compart nur, was dieses Genre seit seiner Geburt tut. Er unterh\u00e4lt im Wortsinne gnadenlos, er verwischt in seiner rigorosen Starkgeb\u00e4rdigkeit die k\u00fcnstliche Begrenzung zwischen dem Dreck der Stra\u00dfe und dem gebohnerten Parkett der literarischen bel etage. Mit anderen Worten: Compart gibt dem Genre zur\u00fcck, was ihm seine Vereinnahmung durch &#8222;die Literatur&#8220; genommen hat, jenes unb\u00e4ndig Triviale, und er bel\u00e4sst ihm das, was schon immer unter dieser grellen Oberfl\u00e4che steckte: sehr unangenehme Wahrheiten \u00fcber das Leben, der genaue Blick auf die Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, zugegeben, das alles ist nicht &#8222;ausgewogen&#8220;. Das Buch hat philosophische Passagen von geradezu exaltierter \u00dcberdrehtheit, in Gill vereinen sich Mitleid und Mordlust, sensibelste und grobschl\u00e4chtigste Rezeptoren f\u00fcr menschliches Leid und brachialste Zerst\u00f6rungswut. Das irritiert, polarisiert, sucht so gar nicht nach dem Kompromiss, bringt Dinge zueinander, die wir nicht beisammen sehen wollen \u2013 oder kurz und knapp: &#8222;Die Lucifer Connection&#8220; ist brillante Unterhaltung, bevor sie von der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit des Marktes kastriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Martin Compart: Die Lucifer Connection. <br \/>Evolver Books 2011. 395 Seiten. 16,80 Euro<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg zwischen Kunst und Trash ist lang. Jedenfalls wenn man sich das literarische Wertigkeitssystem als ein Geb\u00e4ude vorstellt, der Krimitrash im von Schimmel und Schwamm heimgesuchten Souterrain und der fein-, tief-, hintersinnig komponierte &#8222;literarische Krimi&#8220; ganz Penthouse-Resident mit den Annehmlichkeiten eines intellektuellen Dachgartens. Aber man kann sich das Ganze auch anders vorstellen. Als einen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17637","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17637"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17637\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}