{"id":17653,"date":"2007-05-17T08:26:51","date_gmt":"2007-05-17T08:26:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/titus-keller-aussortiert\/"},"modified":"2022-06-06T16:26:17","modified_gmt":"2022-06-06T14:26:17","slug":"titus-keller-aussortiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/titus-keller-aussortiert\/","title":{"rendered":"Titus Keller: Aussortiert"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eAussortiert\u201c: reichlich wirr, glanzlos, wenn auch halbwegs routiniert in Sprache gehauen, das Personal beliebig, das Ende \u00e4rgerlich, die Spannung nicht auffindbar. Punkt. Damit k\u00f6nnte es sein Bewenden haben. W\u00e4re nicht der Autor ein \u201eLiterat\u201c, der den Geheimniskr\u00e4mer spielt, aber eigentlich nichts zu verkaufen hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine Mordserie. Bei jedem Opfer ein Zettel mit lila Schrift: \u201eZu unsauber f\u00fcr Gott. Aussortiert. Halleluyah\u201c und \u00e4hnliche Scherze. Kein irrer Serienkiller, das wissen wir n\u00e4mlich von Anfang an, eine falsche Spur soll gelegt werden. So weit, so bekannt. Nat\u00fcrlich glauben die beiden Ermittler, Herr Nabel und Frau Rauch, zun\u00e4chst genau an diesen Serienkiller. Aber nicht lange. Sie kombinieren ein wenig, Rauschgift kommt ins Spiel, die Russenmafia, die T\u00fcrkenmafia, ein Polizist, der seine Kollegen mit Kokain versorgt, eine seltsame Gr\u00e4fin etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Es steckt also ein Plan dahinter. Aber, fragt sich der Leser, wozu eigentlich dieser ganze Aufwand? Irgendwann blickt man nicht mehr durch, auch die gegen Ende zunehmenden Erkl\u00e4rungen des Autors helfen da nicht, man ist v\u00f6llig ratlos. Wie bl\u00f6de sind eigentlich Verbrecher, dass sie von etwas ablenken wollen, indem sie die Polizei flei\u00dfig mit Hinweisen f\u00fcttern?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Polizei, Herr Nabel und Frau Rauch. Herr Nabel war fr\u00fcher mal gut, dann begann er zu saufen, jetzt ist er depressiv und total verliebt in Frau Rauch, die eigentlich ziemlich clever und streberhaft ist, aber auch \u00fcberarbeitet und deshalb Kokainkonsumentin, was sie aber schnell wieder aufgibt. Es k\u00f6nnte auch alles ganz anders sein, auf die Dramaturgie hat es n\u00e4mlich keinerlei Auswirkungen. Von den anderen Chargen ganz zu schweigen: ein Klatschreporter von der \u201eSchweinezeitung\u201c (boah!), gleichzeitig Kokainlieferant, ein Bulle, der f\u00fcr die andere Seite arbeitet, aber auch wieder nicht, so genau wei\u00df er es wohl selber kaum. Ein gro\u00dfer Coup, der im wirklichen Leben niemals h\u00e4tte gelingen k\u00f6nnen, in der Fiktion schon. Und so weiter. Man nimmt das ganze Szenario irgendwann nur noch kopfsch\u00fcttelnd zur Kenntnis. Spannend? Kein bisschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Schluss. Wir versetzen uns in Herrn \u201eTitus Keller\u201c, der, so klappentextet es nebul\u00f6s, ein bekannter deutscher Schriftsteller sein soll und sich wahrscheinlich gesagt hat: Ich bin ein bekannter deutscher Schriftsteller, der aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 ich kenne sie selber nicht \u2013 einen Krimi schreibt, es aber nicht kann, aber am Ende halt einmal zeigen will, wie man das Genre hoppsnimmt, mit den Konventionen bricht, einen Hauch \u201eNachdenken\u201c einbringt. H\u00e4tte er das doch blo\u00df gelassen. Der Schluss n\u00e4mlich ist aller\u00fcbelst, aufgesetzt, durch nichts aus dem Vorhergegangenen begr\u00fcndet, ein arrogantes Gespreize, Knalleffekt um des Knalleffekts willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Na ja: die Sprache. Da muss \u201eein bekannter deutscher Schriftsteller\u201c doch&#8230;vergessen Sies. Die Dialoge sind kraftlos und h\u00f6lzern <em>(\u201eOkay, vergi\u00df es. War doof.\u201c \u201eWas, Chef?\u201c \u201eWas ich eben vorgeschlagen habe.\u201c \u201eL\u00e4ngst vergessen, Chef.\u201c<\/em>), die Sprache das \u00fcbliche Transportmittel, nichts sonst. Wenn das alles ist, was hierzulande einen Schriftsteller bekannt macht, m\u00f6chte man f\u00fcrderhin unter einem dicken Stein vegetieren und sofort den Schwanz einziehen, wenn von irgendwo her das Wort \u201eLiteratur\u201c erschallt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, \u201eKrimi\u201c hat er nicht begriffen, der Mann mit dem Pseudonym. Widme er sich in Zukunft seinen seri\u00f6sen Projekten und erspare sich und uns weitere Zwangsausfl\u00fcge ins Genre.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Titus Keller: Aussortiert. <br \/>Eichborn Berlin 2007. 276 Seiten. 18,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAussortiert\u201c: reichlich wirr, glanzlos, wenn auch halbwegs routiniert in Sprache gehauen, das Personal beliebig, das Ende \u00e4rgerlich, die Spannung nicht auffindbar. Punkt. Damit k\u00f6nnte es sein Bewenden haben. 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