{"id":17661,"date":"2011-12-08T10:41:32","date_gmt":"2011-12-08T10:41:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/die-scharmuetzel-der-phantome\/"},"modified":"2022-06-08T20:11:01","modified_gmt":"2022-06-08T18:11:01","slug":"die-scharmuetzel-der-phantome","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/die-scharmuetzel-der-phantome\/","title":{"rendered":"Die Scharm\u00fctzel der Phantome"},"content":{"rendered":"\n<p>Es herrscht Krieg. Kein hei\u00dfer, kein kalter, eher ein lauwarmer, wie es dem Gegenstand angemessen ist. Es geht um etwas h\u00f6chst Belangloses, um Kriminalliteratur, die nur f\u00fcr wenige mehr ist als das feierabendliche Quantum Entspannung und Ablenkung, Abzittern und Ablachen. In gewisser Weise also das, was man einen akademischen Krieg nennen k\u00f6nnte, w\u00e4re nicht &#8222;Krieg&#8220;, wenn ich es mir so recht \u00fcberlege, die unpassende Bezeichnung. Nennen wir es also Scharm\u00fctzel. Ein ulkiges Wort f\u00fcr eine im Grunde ulkige Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer steht sich gegen\u00fcber? Hier &#8222;Print&#8220;, dort &#8222;Web&#8220;. Hier &#8222;Feuilletonisten&#8220;, dort &#8222;Blogger&#8220;. Klare Fronten. Klare Fronten? Bereits hier seien Zweifel gestattet. Denn, technische Details beiseite gelassen, wird fast ausschlie\u00dflich im &#8222;Netz&#8220; scharm\u00fctzelt. Aus gutem Grund. Denn es ist eine schlichte Tatsache: Gibt es so etwas wie einen Diskurs in Sachen Krimi, findet er im Internet statt. Und was ich dort nicht verlinken kann, existiert nur am Rande, wenn \u00fcberhaupt. Printmedien? Gibt es. Sind sie aber nichts sonst als in mehr oder weniger hoher Auflage unter das Papiervolk gestreute Beitr\u00e4ge, erleiden sie das Schicksal des Gelesen- und zum Altpapiergegebenwerdens. Im zeitlosen, wirren Topf des Digitalen, diesem so un\u00fcberschaubaren wie reichen Informationscluster, kommen sie nicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nat\u00fcrlich sind die meisten Print- auch schon l\u00e4ngst Digitalprodukte. Unsere Ausgangssituation muss also gleich modifiziert werden. Es geht nicht um K\u00e4mpfe zwischen traditionellen und neuen Medien, es geht um die Positionierung in letzterem. Wiewohl auch das noch einmal auf den Pr\u00fcfstand geh\u00f6rt, aber der Reihe nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ins Internet verpflanzten Printprodukte unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von den original Digitalen. Ihre Verfasser werden \u2013 in der Regel \u2013 f\u00fcr die geleistete Arbeit entlohnt, sie sto\u00dfen an quantitative Grenzen (Artikell\u00e4nge!) und bisweilen auch an qualitative. Wer jemals f\u00fcr Zeitungen gearbeitet hat, kennt die Angst der Redakteure vor dem Fassungsverm\u00f6gen des imagin\u00e4ren Durchschnittslesers, dem man am besten nicht zuviel zumutet, nicht zu lang, nicht zu komplex, nicht zu viele Fremdw\u00f6rter, thematisch dort verwurzelt, wo die gr\u00f6\u00dfte Schnittmenge vermutet wird, also sehr gerne mit Mankell-Erw\u00e4hnung, f\u00fcr ganz K\u00fchne auch Verweise auf Ross Thomas oder Friedrich Glauser, aber bitte nicht Jim Nisbet, kennt eh niemand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es Ausnahmen gibt: geschenkt. Und dass die genannten Punkte beileibe nicht nur ex negativo wirken, sei zugegeben. Menschen f\u00fcr ihre Arbeit zu bezahlen, ist eine faire Sache. Die Leserschaft nicht vors\u00e4tzlich zu \u00fcberfordern auch. Die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen haben es schwer genug, der Gegenstand ihres Interesses wird h\u00e4ufig genug nur halbherzig durch die Feuilletons gejagt (die inzwischen oft auch gar nicht mehr &#8222;Feuilleton&#8220; hei\u00dfen, sondern als &#8222;Kulturelles Leben&#8220; daherkommen), man will nicht abseits stehen, auch Krimis sind eine Art Kultur, wenngleich viel zu h\u00e4ufig \u00dcbungsgel\u00e4nde f\u00fcr Hospitanten, Praktikanten, Volont\u00e4re. Auch das trifft nicht immer zu, genauso wenig wie der hier nur pars pro toto erw\u00e4hnte Jim Nisbet durchaus auch von Printkritikern gesch\u00e4tzt und behandelt wird. Im Kern ist es aber schon so. Fundierte Krimikritik in Zeitungen? Eher selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und im Netz? Sitzen etwa dort die wahren Experten? Um ehrlich zu sein: auch nicht. Wer die Szene (die keine ist) seit Jahr und Tag verfolgt, stellt fest, dass mit dem Web 2.0, seinen Blogs und sozialen Netzwerken, vor allem eines Einzug gehalten hat: die freiflottierende, von Handwerk und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr (Kriminal-)Literatur unbeleckte Meinungs\u00e4u\u00dferung. Ich kenne etliche AutorInnen (und geh\u00f6re auch dazu), die sich vor der &#8222;Rezension&#8220; ihrer Werke in bestimmten Blogs f\u00fcrchten wie der Teufel vor dem Weihwasser, die selbst auf positive Besprechungen inzwischen allergisch reagieren, weil auch dort, wo gelobt wird, ein solch kritisches St\u00fcmpertum offenbar wird, dass es einem die Schuhe auszieht. Klingt jetzt arrogant, sicher, doch wer nur ein wenig von der Arbeit des Kritisierens versteht, wird mir zustimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier: Gilt nicht f\u00fcr alle. Was zudem auff\u00e4llt: Die meisten der Netzschreiber tun ihre Arbeit so, als w\u00fcrden sie am liebsten sofort f\u00fcr das Feuilleton ihrer Tageszeitung t\u00e4tig werden. Sie folgen den alten Regeln des Print, haben zwar ihre &#8222;Kommentarfunktion&#8220; aktiviert, doch regt sich dort so etwas wie &#8222;Kritik&#8220; (gemeint ist die negative; f\u00fcr die meisten dieser Leute ist Kritik schon im Wortsinn negativ, was ihre Auffassung von dem, was sie tun, schon hinl\u00e4nglich entlarvt), reagieren sie wie wildgewordene Schw\u00e4ne im harmonischen Teich und pochen darauf, alles sei &#8222;Geschmacksache&#8220; und wer das nicht so sehe eben ein ziemlich \u00fcbellauniger Charakter. Wieder: Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>So verwischen sich die Fronten. Die einen, die das im Netz aktive Sichbesch\u00e4ftigen mit dem Genre aus einer Position des &#8222;Wir sind die Profis&#8220; attackieren, sind l\u00e4ngst selbst ein Teil des Digitalen. Die anderen, die &#8222;Blogger&#8220;, sind entweder verhinderte Printler oder generell \u00dcbelnehmer. Dabei wissen doch alle, um was es geht, um die bereits erw\u00e4hnten Verteilungsk\u00e4mpfe n\u00e4mlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Von denen gibt es derzeit so manche. Das gedruckte Buch wehrt sich gegen das digital verf\u00fcgbare, der in einem &#8222;richtigen&#8220; Verlag verlegte Autor gegen die falschen Kollegen des Book on Demand. Es geht um Urheberrechte, um Einschr\u00e4nkungen und Sanktionen auf der einen, um Ausweitungen, neue Formen der Honorierung auf der anderen Seite. Wobei das manchmal schon komische Z\u00fcge annimmt, wenn etwa AutorInnen harmlosester Regionalkrimis f\u00fcrchten, alle Welt werde sie jetzt &#8222;bestehlen&#8220; und ihnen Honorare vorenthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also, kurz, um Geld und Macht. Um Meinungs- und Deutungshoheit, um Pfr\u00fcnde und Renommee. Der Schl\u00fcssel zu allem liegt im Internet, soviel steht fest. F\u00fcr den Normalleser, die Normalleserin ist das alles l\u00e4ngst nicht mehr zu durchschauen, sie ahnen nichts von den Intrigen hinter den Kulissen, von den unsichtbaren Netzen, die da zum Behufe des Geldverdienens und der Machtergreifung gesponnen werden. Wenn es sie denn \u00fcberhaupt interessiert. Und wenn: Dann suchen sie, vielleicht, nach den Schlachtfeldern, auf denen diese Scharm\u00fctzel ausgetragen werden. Nur: Es gibt sie nicht. Der Ort f\u00fcr diese K\u00e4mpfe sind die vielen B\u00fcsche im digitalen Dschungel, hinter denen man mit geladenen Gewehren sitzt und gelegentlich einen Schuss auf den Feind abfeuert. Auf den Feind? Auf ein Phantom. Auf etwas, das einem im Wege ist. Mit offenem Visier wird nicht gek\u00e4mpft. Wer das t\u00e4te, m\u00fcsste auch sehr schnell offenbaren, WOF\u00dcR er eigentlich k\u00e4mpft. F\u00fcr die Kriminalliteratur? Sch\u00f6n w\u00e4rs.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es herrscht Krieg. 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