{"id":17666,"date":"2007-05-23T07:26:28","date_gmt":"2007-05-23T07:26:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/john-sandford-kaltes-fieber\/"},"modified":"2022-06-14T19:39:51","modified_gmt":"2022-06-14T17:39:51","slug":"john-sandford-kaltes-fieber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/john-sandford-kaltes-fieber\/","title":{"rendered":"John Sandford: Kaltes Fieber"},"content":{"rendered":"\n<p>Das gesamte Buch hindurch versucht Lucas Davenport eine Liste mit seinen 100 liebsten Songs der \u201eRock-\u00c4ra\u201c zu erstellen. Kollegen und Personal am Rande versuchen ihm zu helfen; einem in der Psychiatrie einsitzenden Patienten f\u00e4llt sogar ein eklatanter Mangel dieser Liste auf. Im Anhang wird sie endlich ver\u00f6ffentlicht, und ist Kennzeichen f\u00fcr den kompletten Roman, eigentlich sogar f\u00fcr die ganze Reihe um den zielstrebigen Cop Lucas Davenport: Lucas musikalischer Geschmack ist solide Hausmannskost, mit einigen Ausrutschern. Positiven wie negativen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Davenport-Roman ist wie ein Besuch bei guten Freunden; man freut sich, sie zu sehen, wird ansprechend und spannend unterhalten; manchmal sind sie schlecht drauf und man geht fr\u00fch, daf\u00fcr gibt\u2019s aber auch die richtig guten Tage, an denen man gerne l\u00e4nger verweilt. \u201eKaltes Fieber\u201c ist ein wohl geratener Besuch, dessen Erinnerungswert aber eher bescheiden bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Worum geht\u2019s? Ein Doppelmord wird in Verbindung gebracht zu einem ungel\u00f6sten Mordfall, und ehe man sich versieht, schreit alle Welt: \u201eSerienkiller\u201c. Ein Verd\u00e4chtiger ist schnell ermittelt, doch unauffindbar, und sein Profil \u2013 das eines tumben, gewaltt\u00e4tigen Vergewaltigers &#8211; passt nicht zum Verhalten des planenden und strukturierten Serienm\u00f6rders. Aber da gibt es in der psychiatrischen Klinik unweit entfernt diese drei durchgeknallten Superverbrecher \u2013 sollten SIE ein Werkzeug erschaffen haben, welches ihre perversen Gel\u00fcste stellvertreterhaft befriedigt? \u00dcberraschung, \u00dcberraschung \u2013 soo einfach ist es nun doch nicht\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Sandford f\u00fchrt den Leser an sicherer Hand geschmeidig durch die sich immer weiter aufdr\u00f6selnden und verzweigenden Geschehnisse. Ab und an gelingen ihm herrlich absurde Episoden; Gewalt und Brutalit\u00e4t werden nur explizit dargestellt, wenn es der Geschichte dient (was mittlerweile ja schon viel wert ist). Am Ende steht die oben erw\u00e4hnte Liste, und der R\u00fcckzug eines verdienten Kollegen aus dem Polizeidienst, konsequent durchgef\u00fchrt mit der naheliegendsten Begr\u00fcndung: irgendwann ist es einfach genug mit der Gewalt, den Leichen, den Besuchen in der Pathologie, die mehr Zeit in Anspruch nehmen als Unternehmungen mit Familie, Freunden oder schlichte Ausfl\u00fcge in den Park (ohne dabei \u00fcber eine misshandelte, zerfetzte Leiche zu stolpern).<\/p>\n\n\n\n<p>So weit so gut. Denn so angenehm das Buch zu lesen ist \u2013 vollauf gl\u00fccklich wird man nicht damit. Und das liegt an der Konstruktion: schon wieder ein Serienkiller, schon wieder \u00fcberragende Geister, \u00fcberragend haupts\u00e4chlich in ihrer Derangiertheit und ihrem Verm\u00f6gen grausamste Verbrechen zu planen, durchzuf\u00fchren und zu genie\u00dfen. Das braucht mehrere Drehungen, um spannend zu sein, und Killer, die noch extraordin\u00e4rer agieren als der Durchschnittsm\u00f6rder von nebenan. Das man Sandford all diese Kniffe abnimmt, das innerhalb seines hermetischen Universums Personal, Geschichte und Entwicklung stimmig sind, zeugt von seinem K\u00f6nnen als Autor. Dass dieses Universum zerf\u00e4llt wie eine Pusteblume im Orkan, sobald es die eigens erschaffene Welt verl\u00e4sst, ist sein Manko. Es gibt keine Bedrohung mehr, die \u00fcbers Papier hinausweist, keine Beziehungen, deren Analyse in der wirklichen Welt bestand h\u00e4tte. Hier f\u00e4hrt eine Kunstfigur in seinem schnittigen Porsche durch eine k\u00fcnstliche Welt, in der eine Hauptfrage zu sein scheint: \u201ewie kann ich den n\u00e4chsten noch extremeren Psychopathen kreieren?\u201c Sandford legt ihn in einem Nebenstrang bereits an, wir d\u00fcrfen gespannt sein, ob sich daraus die n\u00e4chste Episode entwickelt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dahin behalten wir \u201eKaltes Fieber\u201c in angenehmer Erinnerung, werden aber das ein und andere Buch gelesen haben, das wesentlich nachhaltigere Eindr\u00fccke hinterlassen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen K\u00f6nig, in Laune f\u00fcr Nachtr\u00e4ge\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Zu schade, dass Lucas Davenports ehemaliger(?) Zweitberuf, Entwickler von Spielesoftware, \u00fcberhaupt keine Rolle mehr spielt. Diese Erdung, auch \u00fcber die \u2013 meist kurze \u2013 Schilderung seiner Kompagnons in diesem Bereich, hob Sandfords Romane ebenfalls noch einen Tick \u00fcber das Gros der Starken-Ermittler-mit-Macken-Thriller heraus.<br \/>&#8211; Die Musikliste. Das Einpr\u00e4gsamste. Wenn die Geschichte vergessen ist, Davenports Liste sorgt f\u00fcr anhaltende Diskussionen. Nicht nur beim fiktiven Personal.<br \/>&#8211; 3 mal Guns N\u2019 Roses und \u201cNovember Rain\u201c ist nicht dabei. Stattdessen das mediokre Cover von Dylans \u201eKnockin\u2019 on Heaven\u2019s Door\u201c! Wo das Original bereits in der Liste vorhanden ist. Redundant.<br \/>&#8211; Nat\u00fcrlich wei\u00df jeder intelligente Mensch, dass eine angenehme Autofahrt NICHT mit ZZ Top beginnt. Sondern mit: \u201eDriving away from home\u201c von It\u2019s Immaterial; \u201eInstant Street\u201c vom Deus Album \u201cThe Ideal Crash\u201c und \u201eAutobahn\u201d von Kraftwerk.<br \/>&#8211; Was Musik und Krimis angeht, sollte Sandford bei Ian Rankin und vor allem John Connolly vorbeischauen. Das ist Perlentauchen.<br \/>&#8211; \u2026this ist the end. Fehlt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Sandford: Kaltes Fieber. <br \/>Page &amp; Turner 2006 <br \/>(Original: \u201cBroken Prey\u201d. G.P. Putnam\u2019s Sons, 2005, deutsch von Manes H. Gr\u00fcnwald). <br \/>475 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gesamte Buch hindurch versucht Lucas Davenport eine Liste mit seinen 100 liebsten Songs der \u201eRock-\u00c4ra\u201c zu erstellen. Kollegen und Personal am Rande versuchen ihm zu helfen; einem in der Psychiatrie einsitzenden Patienten f\u00e4llt sogar ein eklatanter Mangel dieser Liste auf. 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