{"id":17669,"date":"2007-05-24T07:24:52","date_gmt":"2007-05-24T07:24:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/fred-vargas-die-dritte-jungfrau\/"},"modified":"2022-06-15T21:58:10","modified_gmt":"2022-06-15T19:58:10","slug":"fred-vargas-die-dritte-jungfrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/fred-vargas-die-dritte-jungfrau\/","title":{"rendered":"Fred Vargas: Die dritte Jungfrau"},"content":{"rendered":"\n<p>Man handelt Fred Vargas als die Krimiautorin, die den Gordischen Knoten der Authentizit\u00e4t, der \u201enachvollziehbaren Logik\u201c mit einem Schlag aufgel\u00f6st hat \u2013 durch die Einf\u00fchrung eines eigenen Koordinatensystems. Seither schreibt sie Polizeiromane, in denen Polizisten agieren, wie Polizisten nirgendwo auf der Welt agieren, Kommissare kombinieren wie sonst nur Insassen von Nervenheilanstalten. \u201eMagischer Realismus\u201c hei\u00dft das und bedeutet: von Wirklichkeit keine Spur. \u201eDie Dritte Jungfrau\u201c ist, vielleicht mehr noch als der Vorg\u00e4ngerroman \u201eDer vierzehnte Stein\u201c, ein solches scheinbar abseits der Ratio angelegtes Werk. Verstehen wird es aber nur, wer die Wirklichkeit im Auge beh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Wirklichkeit, das sind immer die Verbrechen. Zwei Kleinkriminelle findet man erstochen auf, Dealer, ein Fall f\u00fcrs Rauschgiftdezernat, doch Adamsberg, der Kommissar zeigt sich st\u00f6rrisch, das ist sein Fall. Warum? Die Toten haben Spuren von Erde unter den Fingern\u00e4geln. Klingt logisch, doch die Art, wie Adamsberg und seine Brigade nun zu Werke gehen, ist es eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon dass Adamsberg sich ein Haus gekauft hat, in dem der nicht zur Ruhe kommende Geist einer m\u00f6rderischen Nonne spuckt, was wiederum von einem Nachbarn bezeugt wird, der im Spanischen B\u00fcrgerkrieg einen Arm verloren hat, der ihn immer noch juckt, weil er auch in dem Moment des Verlustes gejuckt hat, ist eigentlich schon \u00fcbersinnlich genug. Au\u00dferdem ist Adamsberg Vater geworden. Die Mutter des Kindes ist Musikerin, tritt sie irgendwo auf, reist Adamsberg mit und spielt den Babysitter. Einmal in der Normandie. Adamsberg in der Dorfkneipe, dort drei merkw\u00fcrdige M\u00e4nner, die sich \u00fcber ein abscheuliches Verbrechen unterhalten, ein stolzer Hirsch, der abgeschlachtet wurde, dem man das Herz aus dem Leib gerissen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ahnt Adamsberg sofort die Verbindung zwischen totem Hirsch und toten Kleindealern, auch die Spur der letzteren f\u00fchrt in die Gegend des normannischen Dorfes, dort n\u00e4mlich sind die frischen Gr\u00e4ber von Jungfrauen in den Drei\u00dfigern ge\u00f6ffnet worden, daher der Dreck unter den Fingern\u00e4geln, aber entwendet, besch\u00e4digt wurde scheinbar nichts. Merkw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p>Merkw\u00fcrdig auch der Neue in der Brigade, Veyrenc. Er stammt wie Adamsberg aus dem Pyren\u00e4en, einem Seitental, das mit dem Adamsbergs immer in Fehde gelebt hat. Veyrenc hat einen Tick, er neigt dazu, \u00e0 la Racine in zw\u00f6lf Versf\u00fc\u00dfen zu reden. Und ein Trauma hat er auch. Als Kind haben ihn f\u00fcnf Burschen aus Adamsbergs Tal \u00fcbel zugerichtet, vier von ihnen hat er erkannt, den f\u00fcnften nicht, aber wir wissen nat\u00fcrlich, wer das ist. Jetzt ist Veyrenc, der doch etwas zu ahnen scheint, hier um sich zu r\u00e4chen. Oder nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00fcbrige Personal kennen wir schon. Danglard, den Alleswisser und Hassfreund des Kommissars, die unvergleichliche Retancourt, die ihre Energien b\u00fcndeln und beliebig einsetzen kann. Und all die Nebenfiguren, die Servilen, die Aufm\u00fcpfigen, die Schl\u00e4frigen, die Naschhaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer hinter den Verbrechen steckt, Adamsberg wie einen Schatten zu verfolgen scheint, ergibt sich rasch: eine 75j\u00e4hrige Krankenschwester ists, Massenm\u00f6rderin, im Vergleich zum b\u00f6sen Richter aus \u201eDer vierzehnte Stein\u201c also geradezu eine juvenile Erscheinung. Sie ist eine \u201eDissoziierte\u201c, wie die freundliche Pathologin, mit der Adamsberg gerne ein amour\u00f6ses Abenteuer h\u00e4tte, erkl\u00e4rt. Sie muss es wissen, sie hat ein Buch dar\u00fcber geschrieben, \u201eZu beiden Seiten der Wand des Verbrechens\u201c, es geht also um das beliebte Thema der gespaltenen, um nicht zu sagen der \u201emultiplen\u201c Pers\u00f6nlichkeit, beliebt vorz\u00fcglich in Kriminalromanen, wo man sich so sehr um Logik k\u00fcmmern mag. Aber Achtung: Wohl wird Adamsberg am Ende den Verdacht \u00e4u\u00dfern, sie seien ja alle irgendwie dissoziiert, aber diese F\u00e4hrte ist eine falsche. Die Logik des Normalen und die Logik des Abseitigen (des \u201eWolkenschaufelns\u201c, wie es Adamsberg selbst nennt) sind nicht von einander getrennt, sie sind Mixturen, wie es denn in diesem Roman vor allem um Mischungen geht. Auch die Motive des B\u00f6sen haben mit Mixturen und Mischungen zu tun, alle Taten (Jungfrauenmorde, Grabsch\u00e4ndungen, Hirschmassaker, Reliquienraub, Katerentmannung) zielen darauf ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, \u201eDie dritte Jungfrau\u201c ist eben doch kein in sich geschlossenes logisches und poetisches Koordinatensystem, in dem man dank Wolkenschaufeln die Dinge zurechtr\u00fccken kann. Denn \u00fcbergangslos versuchen sich Adamsberg und die Brigade in der Anwendung \u201enormaler Logik\u201c, sie kombinieren dann wie Sherlock Holmes, sezieren wie n\u00fcchterne Wissenschaftler, entwerfen Theorien, verwerfen sie wieder. Aber diese Logik ist halt nicht zu denken ohne die andere, die man intuitiv oder anarchisch oder poetisch nennen k\u00f6nnte. Und beide, als Mischung, werden zum Schluss als gesteuert entlarvt, \u00fcber allem n\u00e4mlich thront das B\u00f6se und zieht seine F\u00e4den, an denen die Handelnden wie Marionetten h\u00e4ngen re-agieren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das Ende von \u201eDie dritte Jungfrau\u201c ein mit den Mitteln der uns gebr\u00e4uchlichen Logik herbeigef\u00fchrtes, der Fall wird aufgekl\u00e4rt, so wie jeder Kriminalfall jedes xbeliebigen Autors aufgekl\u00e4rt werden w\u00fcrde. Fakten, Fakten, Fakten. Fred Vargas indes hat uns gezeigt, dass diese faktische Wirklichkeit immer von der irrealen durchdrungen ist, unsere Schl\u00fcsse, unsere Interpretationen von Welt nichts weiter sind als das d\u00fcnne H\u00e4utchen der Vernunft auf einer brodelnden Fl\u00fcssigkeit ohne feste Kontur. Das Dissoziierte als menschlicher Naturzustand, gewisserma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen, sind die Romane der Vargas in einer Weise \u201eauthentisch\u201c, gegen die die Authentizit\u00e4t der Fakten, der qua Dienstanweisung geregelten Abl\u00e4ufe nichts weiter sein kann als ein willk\u00fcrliches Kunstprodukt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fred Vargas ist ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Kriminalliteratur. Nicht nur, dass sie es versteht, Atmosph\u00e4re zu schaffen. Man f\u00fchlt sich, w\u00e4hrend man liest, immer wie in einem geschlossenen Kasten, der aber in der Wirklichkeit steht und mit ihr kommuniziert. Die Stimmung ist dunkel, das Wetter in der Vargas-Welt irgendwie regnerisch-d\u00fcster, selbst wenn die Sonne scheint. Nein, der eigentliche Gl\u00fccksfall scheint mir darin zu liegen, dass Vargas ein unendlich komplexes Thema \u2013 was ist Wirklichkeit, was ist Logik, was ist Vernunft? \u2013 als spannende, nicht selten auch komische Literatur unter die Leute bringt. Gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Fred Vargas: Die dritte Jungfrau. <br \/>AufbauVerlag 2007 <br \/>(Original: \u201eDans les bois \u00e9ternels\u201c, 2006, deutsch von Julia Schoch). <br \/>474 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man handelt Fred Vargas als die Krimiautorin, die den Gordischen Knoten der Authentizit\u00e4t, der \u201enachvollziehbaren Logik\u201c mit einem Schlag aufgel\u00f6st hat \u2013 durch die Einf\u00fchrung eines eigenen Koordinatensystems. 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