{"id":17678,"date":"2011-12-15T09:20:50","date_gmt":"2011-12-15T09:20:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-12\/"},"modified":"2022-06-08T20:05:20","modified_gmt":"2022-06-08T18:05:20","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-12\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 12"},"content":{"rendered":"\n<p>Und weiter gehts beim lustigen Fragenbeantworten. Diesmal von NOIR bis MAGGI, von Glauser bis Manierismus. Ein Ende? Nicht abzusehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>LeserInnen-Beschimpfungszettel:<\/strong> Das eigentlich Erschreckende an all den kriminalliterarischen Hundsmiserabligkeiten ist nicht, dass sie geschrieben wurden, sondern dass sie gelesen werden. Keine Kritik an der ungelenken Sprache, den abgegriffenen Metaphern, den schiefen Bildern, der piefigen Attit\u00fcde moralischer Autorit\u00e4t. All das wird durchgewunken, es liest sich &#8222;fl\u00fcssig&#8220;, es durchquert das Hirn des Lesers folgenlos wie Gammelfleisch anscheinend den Magen. Oder der Tomatenvergleich: Nur wer noch nie richtige Tomaten gegessen hat, h\u00e4lt spanisch-holl\u00e4ndische rote Wasserbomben f\u00fcr Tomaten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 111:<\/strong> Noch was mit Banken und Spekulationen und \u00fcblen Spielchen auf politischer Ebene, Ulrich Ritzels &#8222;Schlangenkopf&#8220;. \u00dcberhaupt: Der Krimi als Spiegel der gesellschaftlichen Befindlichkeiten oder doch eher als Abbild der Nachrichten von Tagesschau und Printmedien? Bef\u00fcrchtung: letzteres. Pl\u00f6tzliche Sehnsucht nach einem irritierenden Text, der mir nicht nur erz\u00e4hlt, was ich schon wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 112:<\/strong> Was w\u00e4re Friedrich Glauser, w\u00fcrde er heute leben und schreiben, f\u00fcr Publikum und Kritik? Geisteskrank, kriminell, arbeitsscheu, Hartz IV-Empf\u00e4nger. Allenfalls ein bunter Hund, &#8222;interessanter Typ&#8220;, den man f\u00fcr den Wimpernschlag einer Saison durch das Feuilleton jagen k\u00f6nnte. Die Geschichte der Kriminalliteratur &#8222;in Echtzeit&#8220; unterscheidet sich gewaltig von der nachtr\u00e4glichen Kriminalliteraturgeschichtsschreibung. Langes Wort f\u00fcr einen Kurzschluss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 113:<\/strong> Warum tut sich der intellektuelle Diskurs so schwer mit dem Trivialen? Weil ihm das Kreuz wehtut, weil er immer nach unten schaut, der Gegenstand nicht auf der vielzitierten &#8222;Augenh\u00f6he&#8220; ist. Es ist keine Kunst, die Ma\u00dfst\u00e4be an das anzulegen, aus dem man die Ma\u00dfst\u00e4be selbst geschnitzt hat, das Hohe und Hehre. Es ist eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Kunst, diese Ma\u00dfst\u00e4be, sobald sie sich als untauglich erweisen, \u00fcber Bord zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 114:<\/strong> Gibt es, als Kontrast zum allgegenw\u00e4rtigen &#8222;noir&#8220;, eigentlich auch einen &#8222;blanc&#8220;? Den Krimi, der die Welt sch\u00f6nschreibt? Kann es nicht geben, weil dort, wo Verbrechen geschehen, immer auch Schatten sein muss? Andererseits: Wo &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220; ist, waltet immer auch Wei\u00dfwaschen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aktualienzettel:<\/strong> Die &#8222;Eurokrise&#8220; ist ein Roman Noir, in dem ein Roman Blanc seziert wird. Oder umgekehrt. Egal. Jedenfalls: Ein Roman Gris.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 115:<\/strong> Wer sich \u00fcber das Schwarz\/Wei\u00df in der Kriminalliteratur mokiert, darf am NOIR nicht vorbeihuschen, als sei er ein sakrosankte Ph\u00e4nomen jenseits der Kritik. Wer von der nat\u00fcrlichen Verderbtheit der Welt ausgeht, ist nicht automatisch auf der besseren Seite des Krimis. Er ist momentan wohl auf der sicheren, denn einem Noir unterstellen wir instinktiv h\u00f6here Einsichten in den Zustand der Welt. Aber auch nur, weil er sich als Antipode der antiquierten Philosophie von der grunds\u00e4tzlich m\u00f6glichen Wiederherstellung eines Alltagsidylls geriert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 116:<\/strong> Zu den gr\u00f6\u00dferen Missverst\u00e4ndnissen z\u00e4hlt die Auffassung, Kriminalliteratur habe sich aus den Trivialmustern des dichotomischen Gut\/B\u00f6se-Universums zu immer differenzierteren Formen von Welt-Betrachtung herausentwickelt \/ veredelt. Es stimmt einerseits nicht, weil am Anfang keineswegs das Triviale stand. Und andererseits: Weil Kriminalliteratur sui generis trivial sein muss. (Muss? Hm. Dr\u00fcber nachdenken). Man k\u00f6nnte aber auch einfach sagen: So lange der Begriff &#8222;trivial&#8220; in der Diskussion negativ besetzt ist, kann er auf Literatur nicht angewendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Subsubgenrezettel:<\/strong> Regionalkrimi? War gestern. Hei\u00dft ab sofort &#8222;schauplatzorientierte Spannungsromane&#8220; (laut EMONS-Katalog). Immerhin besser als &#8222;kundenorientiertes Fremdenverkehrsmarketing mit Literaturklecks&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 117:<\/strong> Wir befinden uns im Zeitalter der Lehr- und Lernkrimis. Interessantes \u00fcber Ibbenb\u00fcren, die Weimarer Republik, die Bankenkrise, die s\u00fcdafrikanischen Verh\u00e4ltnisse. Der Krimi als Infotainment, in der Luxusausf\u00fchrung mit integrierter moralischer Entr\u00fcstung. Und was lernen wir? In Ibbenb\u00fcren ist es langweilig, in der Weimarer Republik tanzten Inflation und Dekadenz bis in die Puppen Charleston, die Bankenkrise kriegt uns alle und die s\u00fcdafrikanischen Verh\u00e4ltnisse sind mies. Abhaken. Krimis, die wie durchgearbeitete Schulb\u00fccher im menschenleeren Raum schweben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 118: <\/strong>Traum von Kriminalliteratur, die in uns explodiert, die Ur-Teilchen (nicht: Urteil-chen) freisprengt: menschliche Hybris und menschliche Erb\u00e4rmlichkeit, das Idyll Armageddons, wie wir gefressen werden, w\u00e4hrend wir fressen. Was tut das Kunstwerk? Es verbindet zwei Gehirne miteinander und schafft ein drittes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 119:<\/strong> Literatur ist wie KNORR Gem\u00fcsebr\u00fche oder MAGGI. Ein k\u00fcnstlicher Geschmack, der etwas Nat\u00fcrliches von A nach B transportiert. Mal ehrlich: Wer l\u00f6ffelt KNORR Gem\u00fcsebr\u00fche aus dem Glas? Wer trinkt \u2013 au\u00dfer Arno Schmidt \u2013 MAGGI pur? Warum liest man Kriminalromane, als seien sie schon die Gem\u00fcsesuppe? Literatur ist das zu Geschichten vereinfachte Leben, das von einem Hirn zum n\u00e4chsten gereicht wird. Beispiel: Glauser.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 120:<\/strong> Wieder einen Krimi abgebrochen, der seine schlichte Story im Ton eines oberfl\u00e4chlichen Manierismus erz\u00e4hlt. Einen anderen begonnen, der noch manieristischer ist. Beide stehen auf einer &#8222;Bestenliste&#8220;. Skelette unter wallenden Gew\u00e4ndern. Der letzte gro\u00dfe Manierist war Thomas Mann, der konnte das. Aber das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man &#8222;literarisch&#8220; schreiben m\u00f6chte. Man landet im Museum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und weiter gehts beim lustigen Fragenbeantworten. Diesmal von NOIR bis MAGGI, von Glauser bis Manierismus. Ein Ende? 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