{"id":17684,"date":"2011-12-20T11:56:12","date_gmt":"2011-12-20T11:56:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/historisierend-und-historisch-zwei-krimis\/"},"modified":"2022-06-08T20:10:19","modified_gmt":"2022-06-08T18:10:19","slug":"historisierend-und-historisch-zwei-krimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/12\/historisierend-und-historisch-zwei-krimis\/","title":{"rendered":"Historisierend und historisch: zwei Krimis"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Historische<\/em> Krimis sind Mogelpackungen. Jeder Krimi ist historisch, hinterl\u00e4sst er doch den Nachgeborenen etwas \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse, die Denkweisen seiner Entstehungszeit. Was allgemein als historisch etikettiert wird, ist hingegen <em>historisierend<\/em>, ein Nachbau von Vergangenem, der weder seine Abh\u00e4ngigkeit von der Zeit seiner Entstehung noch seine zwangsl\u00e4ufige didaktische Absicht leugnen kann. Uns Lesern soll etwas vermittelt werden, wir sollen etwas lernen, bestenfalls bietet man uns Infotainment, schlechtestenfalls das Dr\u00f6ge einer faktenvollen und blutleeren Geschichtsstunde im zeitlos morschen Ger\u00fcst eines 08\/15-Krimis.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"155\" height=\"260\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/pecherot.jpg\" alt=\"pecherot.jpg\"\/>Zwei gelungene Beispiele historisierender \/ historischer Kriminalliteratur seien hier kurz vorgestellt. Zun\u00e4chst Patrick P\u00e9cherots &#8222;Boulevard der Irren&#8220;, dritter Band eines Projekts, das eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt war \u2013 und wider Erwarten doch pr\u00e4chtig gelungen ist. Denn P\u00e9cherot hat sich nicht weniger vorgenommen als L\u00e9o Malets legend\u00e4ren Privatdetektiv Nestor Burma durch neue literarische Abenteuer zu schicken. In &#8222;Boulevard der Irren&#8220; finden wir ihn im Paris des Jahres 1940, einer Stadt in Aufruhr, denn die deutschen Invasoren stehen vor der Metropole. Alles l\u00f6st sich auf, alles bricht zusammen \u2013 und Burma, der einen suizidgef\u00e4hrdeten Psychiater im Auge behalten soll, kann dessen Ableben \u2013 ob freiwillig oder unfreiwillig ist nat\u00fcrlich die gro\u00dfe Frage \u2013 nicht verhindern. Bei seinen Recherchen ger\u00e4t Burma in Chaos einer sich pulverisierenden Gesellschaft, in eine Verschw\u00f6rung zudem, bei der Geld- und Machtgier, abstruse Theorien von Rassehygiene und schauriger Alltag in &#8222;Irrenh\u00e4usern&#8220; ebenso miteinander verbunden sind wie Widerstand und Kollaboration mit dem Feind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Technik hat P\u00e9cherot vor allem von Malet \u00fcbernommen: Die Geschichte lebt von geradezu unwahrscheinlichen Zuf\u00e4llen. Sie ist im besten Sinne Konstrukt und trifft so die literarische Intention Malets auf den Punkt. Der n\u00e4mlich war gepr\u00e4gt von Anarchie und poetischer Sinneslust, ein Anh\u00e4nger Andr\u00e9 Bretons und des Surrealismus. In diesem Konzept wird das Unwahrscheinliche zum Bauprinzip, um das Allt\u00e4gliche abzubilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das gelingt auch P\u00e9cherot. Er \u00fcberh\u00e4uft uns nicht mit historischen Erkl\u00e4rungen (dazu gibt es ein ausf\u00fchrliches Glossar im Anhang), er l\u00e4sst sein Personal einfach handeln und denken. Das ist bisweilen nicht nur turbulent, sondern auch irritierend, am Ende jedoch so ziemlich die bestm\u00f6gliche Ann\u00e4herung an das, was historische Romane vermitteln k\u00f6nnen: Wir verstehen dieses Handeln und Denken.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/webb.jpg\" alt=\"webb.jpg\" width=\"155\" height=\"240\"\/>Szenenwechsel in das New York unserer Tage. Dort spielt Cynthia Webbs &#8222;Die Farbe der Leere&#8220;, ein Gegenwartsroman also, der doch in einigen Jahrzehnten ein historisch aufschlussreiches Dokument sein d\u00fcrfte. Katherine McDonald arbeitet in Harlem, einem &#8222;sozialen Brennpunkt&#8220; f\u00fcr eine Organisation, die wir uns in etwa wie unsere Jugend\u00e4mter vorstellen k\u00f6nnen. Sie k\u00fcmmert sich also um vernachl\u00e4ssigte, straff\u00e4llig gewordene, misshandelte und missbrauchte Kinder und Jugendliche, ein Knochenjob nat\u00fcrlich. Als ein ehemaliger Sch\u00fctzling ihrer Beh\u00f6rde bestialisch ermordet wird und nicht der einzige bleibt, dem dies widerf\u00e4hrt, arbeitet Katherine mit Staatsanwalt und Polizei zusammen, um den T\u00e4ter zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rein formal ist &#8222;Die Farbe der Leere&#8220; ein Whodunit mit den \u00fcblichen Thrillerbeigaben. Interessant die Erz\u00e4hlperspektive, neben der Katherines lernen wir auch die der beiden ermittelnden PolizistInnen Russo und Malone kennen. Noch interessanter allerdings das Soziogramm, das Webb mit ihrem Roman gelingt. Es ist nicht einfach &#8222;ein Fall&#8220;, es sind genaue Beobachtungen aus einer v\u00f6llig aus dem Lot geratenen Wirklichkeit, in der sich die gesellschaftlichen \/ politischen Gro\u00dfverh\u00e4ltnisse in den verqueren Biografien der Akteure spiegeln \u2013 und umgekehrt. Die vorgebliche Abgebr\u00fchtheit von Katherine und ihren Kolleginnen, der an Hilflosigkeit grenzende lakonische Ermittlungsstil der Beamten, die verzweifelten Don-Quichoterien der Jugendlichen in ihrem Kampf um Lebenschancen \u2013 das alles ergibt das Bild einer ratlosen Gesellschaft, die vielleicht noch nicht wei\u00df, dass sie am Abgrund steht, es in Zukunft jedoch aus Romanen wie diesem erfahren kann.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Patrick P\u00e9cherot: Boulevard der Irren. <br \/>Nautilus 2011. 256 Seiten. 14,90 \u20ac<br \/>(Boulevard de Branques. 2005. Deutsch von Katja Meintel)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Cynthia Webb: Die Farbe der Leere. <br \/>Ariadne 2011. 250 Seiten. 12,90 \u20ac<br \/>(The Color of Emptiness. 2004. Deutsch von B. Szelinski und Else Laudan)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historische Krimis sind Mogelpackungen. Jeder Krimi ist historisch, hinterl\u00e4sst er doch den Nachgeborenen etwas \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse, die Denkweisen seiner Entstehungszeit. Was allgemein als historisch etikettiert wird, ist hingegen historisierend, ein Nachbau von Vergangenem, der weder seine Abh\u00e4ngigkeit von der Zeit seiner Entstehung noch seine zwangsl\u00e4ufige didaktische Absicht leugnen kann. Uns Lesern soll etwas vermittelt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17684","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17684"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17684\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}