{"id":17685,"date":"2007-05-30T07:59:49","date_gmt":"2007-05-30T07:59:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/sehr-verehrter-herr-dpr\/"},"modified":"2022-06-07T01:06:45","modified_gmt":"2022-06-06T23:06:45","slug":"sehr-verehrter-herr-dpr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/sehr-verehrter-herr-dpr\/","title":{"rendered":"Sehr verehrter Herr dpr,"},"content":{"rendered":"\n<p>es ist nicht meine Art, mich in die verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit eines Krimikritikers einzumischen und \u00fcberhaupt bin ich nat\u00fcrlich f\u00fcr die Freiheit von Kunst und Kritik, ja, solln auch meinetwegen demonstrieren da oben an dem Zaun da. Aber JETZT, verehrter dpr, ist Not am Mann! Ich sp\u00fcre \u2013 nein, ich WEISS, dass Sie im Begriff sind, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen, und ich wei\u00df, dass Sie das auch wissen, dass Sie z.B. letzte Nacht nicht schlafen konnten, hin und her gerissen zwischen falschverstandener Loyalit\u00e4t und dem moralethischen Impetus Ihres ehrbaren Handwerks. Und worum geht es dabei? Nat\u00fcrlich um die Paprotta und ihren neuen Roman. Dpr \u2013 ich warne Sie! Wehe, Sie loben den!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sehen Sie, lieber dpr, ich kann das alles nachvollziehen. Ich bin seit 34 Jahren in der Leichtmetall verarbeitenden Industrie t\u00e4tig, Sachbearbeiter Einkauf, da schicken einem die Leute jede Weihnachten Sechserpacks Rotwein und LINDT-Auswahlpralinenschachteln, das sind schon Dilemmen, sag ich Ihnen, fast griechische Trag\u00f6dien. Selbstverst\u00e4ndlich beeinflusst mich das in meiner Entscheidung, bei wem wir unser Aluminium beziehen, in keinster Weise. Sie wiederum haben ein Buch \u00fcber die Paprotta geschrieben. Es ist bestimmt sehr, sehr gut, ich habe es noch nicht gelesen, es ist mir auch zu teuer, ehrlich gesagt, 12 Euro, daf\u00fcr krieg ich ja einen Original-Paprotta, tja, und das ist eigentlich schon der springende Punkt. Aber ich wollte Ihnen nur sagen: Ich verstehe Sie gut. Wenn Sie \u201eFeuertod\u201c (so hei\u00dft ja das Buch wohl) so rezensieren, wie es dieses Machwerk verdient hat, kauft doch keiner mehr IHR Buch. Dann sagen sich die Leute: Mensch, die Paprotta kann ja wohl nix sein, was soll ich \u00dcBER die lesen, wenn mir abgeraten wird, etwas VON der zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also werden Sie wohl jetzt dazu neigen, wider Ihre \u00dcberzeugungen \u201eFeuertod\u201c positiv zu besprechen. Vielleicht nicht gaaaanz so euphorisch, aber vor der Wahrheit schrecken Sie zur\u00fcck. Und diese Wahrheit lautet: DAS IST EIN V\u00d6LLIG VERUNGL\u00dcCKTES BUCH, DAS IST EINE BELEIDIGUNG F\u00dcR JEDEN LIEBHABER DES GENRES!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen kurz schildern, wie es mir ergangen ist. Freitagnachmittag komm ich heim, das Buch ist in der Post, fein, denk ich, das Wochenende ist gerettet. Ich fange gleich mit dem Lesen an, so zehn Seiten. Klasse!, denke ich, ein Whodunnit mit viel Action! Es wird gez\u00fcndelt, keiner wei\u00df wers war, Erna, ruf ich (Erna ist meine Frau. Wir sind seit 29 Jahren relativ gl\u00fccklich verheiratet), mach mal die Knabberschale voll, ich hab da einen WHODUNNIT mit vielen Leichen!<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n, der Stil von der Paprotta&#8230;\u201cBrandleichen, da ging man n\u00e4mlich in die Knie\u201c und solche Sachen, also ich wei\u00df nicht, ob das korrektes Deutsch ist, wahrscheinlich doch nicht, oder? \u201eDer Anblick von Brandleichen bewirkte, dass einem mulmig wurde\u201c, so ist das wohl richtiger. Aber sei\u2019s drum. Ich lese weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wirklich nicht schlecht! Gleich darauf brennts n\u00e4mlich noch mal! Wieder Brandleichen, und eine hei\u00dft Brecht! Das hat, denke ich, die Frau Paprotta ganz sensibel umschrieben, dass n\u00e4mlich der Sozialismus irgendwie auch verbrannt ist, denn der Brecht war doch Sozialist, oder? Dann zitiert sie den Brecht auch noch, nicht den tats\u00e4chlich verbrannten, sondern den ideologisch verkohlten (Wortspiel!), und da denk ich mir schon: Hm, Frau Paprotta, das muss jetzt aber nicht sein, dass Sie quasi hier Ihren eigenen Sozialismus raush\u00e4ngen lassen, w\u00e4hlen Sie meinetwegen die PDS oder wie die gerade hei\u00dft, das hier ist eine Demokratie und auch Krimischaffende sind nur Menschen, die verblendet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine beginnende Liebesgeschichte entsch\u00e4digt mich dann ein wenig. Sex auf dem Friseurstuhl, das ist ja mal ganz was Neues, das macht nicht mal diese eine Rothaarige, die aus Offenbach, Sie wissen schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann! Mir bleiben die Erdn\u00fcsse im Hals stecken! Gerade lehne ich mich behaglich zur\u00fcck und denke: Mensch, das ist aber so richtig sozialkritisch! Diese Paprotta, nein, nein, nein, die gibt\u2019s den Gro\u00dfkopfeten da oben jetzt aber mal richtig! Immobilienspekulation! Toll! \u2013 Und pl\u00f6tzlich: VERR\u00c4T DIE DEN\/DIE T\u00c4TERIN (ich halte das jetzt geschlechtsneutral)! Das ist doch verboten! Das macht man doch nicht im Genre! Gerade mal die H\u00e4lfte rum, man ist schon am R\u00e4tseln, da verr\u00e4t die Autorin, wers war!<\/p>\n\n\n\n<p>So sind sie, die Frauen. Erst machen sie einen hei\u00df und dann&#8230;in Ordnung, ich schweife jetzt ab, aber so ist es doch, nicht wahr? Das haben Sie doch auch schon erlebt, ich lese ja das mit der Anna Beller, scharf, scharf, kann ich nur sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jedenfalls schockiert, lese aber weiter, das Wochenende ist ja noch nicht vorbei, und wenn Erna sieht, dass ich nicht lese, muss ich den Rasen m\u00e4hen, da lese ich doch lieber, obwohl es mir schwerf\u00e4llt. Denn das mit der Liebesgeschichte ist auch nicht mehr so weit her. Es wird, wie nicht anders zu erwarten, \u201epsychologisch\u201c. Klar, wenn kein Whodunnit, dann eben psychologisch, dagegen hab ich auch nix einzuwenden \u2013 ABER DOCH NICHT IN EINUNDDEMSELBEN BUCH! Und unlogisch ists auch, das ganze Ding da mit dem Motiv von dem oder der, die Paprotta ist doch Psychologin, die m\u00fcsste doch wissen, dass man die Psyche erkl\u00e4ren muss, haarklein, versteht doch sonst keiner. Macht die aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Verdacht: Die will hier LITERATUR abliefern! Der ist Krimi einfach nicht mehr gut genug! Und deshalb trampelt sie so auf einem rum, wo man doch nur einen Krimi lesen m\u00f6chte, zur Unterhaltung gewisserma\u00dfen, ein bisschen Nervenkitzel, ein paar gro\u00dfe Feuer, m\u00f6glichst viele Leichen (da l\u00e4sst sich die Paprotta nicht lumpen, muss man ihr lassen), und am Ende wird der B\u00f6sewicht respektive die B\u00f6sewichtin dingfest gemacht und&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das Ende. Es hat mich dann gar nicht mehr schockiert. Ich hab nur gedacht: Die Paprotta m\u00fcsste man bestrafen, gar nicht auszudenken, wenn KINDER das lesen und sich dann sagen: Also wenn das so ist, dann steck ich doch auch mal gleich unsere Mietskaserne in Brand, macht ja nix.<\/p>\n\n\n\n<p>Genug, verehrter Herr dpr. Sie wissen das ja alles selbst, Sie habens ja auch gelesen, Sie sind ja auch entsetzt und der Herr W\u00f6rtche, der schon \u201erealit\u00e4tstauglich!\u201c an den Rand geschrieben hat, der ist ganz sprachlos und w\u00fcrde das am liebsten wieder durchstreichen, aber er findet die Stelle nicht mehr, w\u00fcrd ich nach einer Flasche Doppelkorn auch nicht. So ein Schmarren! Das muss doch gegei\u00dfelt werden, da muss doch der verantwortungsvolle Kritiker dreinschlagen wie der Donnergott pers\u00f6nlich! Also tun Sie\u2019s! Geben Sie sich einen Ruck! \u00dcbernehmen Sie Verantwortung und wenns nur an den Pralinen liegt, die Ihnen die Paprotta zu Weihnachten schickt, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir reden, ich krieg ja auch immer welche, die k\u00f6nnen Sie gerne haben! Seien Sie ein Mann! Oder ich abonniere Ihre Krimizeitung nicht und Ihre Crime School k\u00f6nnen Sie sich auch an den Hut stecken!<\/p>\n\n\n\n<p>Einer, der es nur gut mit Ihnen meint<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>es ist nicht meine Art, mich in die verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit eines Krimikritikers einzumischen und \u00fcberhaupt bin ich nat\u00fcrlich f\u00fcr die Freiheit von Kunst und Kritik, ja, solln auch meinetwegen demonstrieren da oben an dem Zaun da. Aber JETZT, verehrter dpr, ist Not am Mann! 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