{"id":17690,"date":"2012-01-20T09:26:03","date_gmt":"2012-01-20T09:26:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-13\/"},"modified":"2022-06-08T19:50:19","modified_gmt":"2022-06-08T17:50:19","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-13\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 13"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit einiger Verz\u00f6gerung, aber jetzt geb\u00fcndelt: Nachrichten von Kitsch und Kunst, M\u00e4rchen und Wirklichkeit, Kuckucksuhren und ausgeleierten Unterhosen. Kurz: Neues vom Krimi.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 121:<\/strong> Welche Textsorte kommt dem Krimi am n\u00e4chsten? \u2013 Das M\u00e4rchen! Die urspr\u00fcngliche Bedeutung des M\u00e4rchens, sein tiefenpsychologischer Gehalt, der auch gesellschaftliche Zust\u00e4nde verarbeitet und verklausuliert hat, wurde wie der Krimikern im Laufe der Zeit auf kindliches Niveau verharmlost.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 122:<\/strong> Krimifreie Tage zwischen den Jahren geplant, nat\u00fcrlich nicht durchgehalten. Statt Jean Paul zu lesen in Leo Perutz geschm\u00f6kert. Aber ist der &#8222;Krimi&#8220;? Das ist doch&#8230; phantastische Literatur! Und seit Sherlock Holmes wissen wir: n\u00fcchterne deduktive Logik ist alles; und seit den neuesten Herolden des &#8222;realit\u00e4tshaltigen&#8220; Krimis wissen wir zudem: Immer n\u00fcchtern die Weltschweinereien beschreiben, wenn schon phantastisch, dann bitte mit Humor, ein wenig Ani&#8217;sches Moralphilosophieren ist ok. Aber Perutz? Wieder einmal die alte Erkenntnis: Wer etwas \u00fcber Logik erfahren will, muss Perutz lesen. Wer wissen will, wie man eine Geschichte dramaturgisch perfekt aufbaut: Perutz. Wen es interessiert, was aus Krimi werden k\u00f6nnte: Perutz. Wer herausm\u00f6chte aus dem von v\u00f6llig phantasielosen, staubtrockenen Literaturbuchhaltern aufgegitterten Genre: Perutz. Also ans Werk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 123: <\/strong>Im offizi\u00f6sen Krimideutschland h\u00e4ngt seit gesch\u00e4tzten 100 Jahren eine Kuckucksuhr an der Wand. Nach Altv\u00e4tersitte schleppt sie unter monotonem Ticktack ihre beiden Zeiger der Zeit nach. Mehrmals im Jahr \u00f6ffnet sich das Loch im Geh\u00e4use mit Get\u00f6se und ein Kuckuck \u2013 Wahrzeichen der Heiligen Insolvenz \u2013 schnellt, vorne an eine h\u00f6lzerne Zunge gebunden, heraus und kr\u00e4chzt: &#8222;Glauser Preis!&#8220; \u2013 &#8222;Die Besten!&#8220; \u2013 &#8222;Deutscher Krimi Preis!&#8220; Dann zieht sich die Zunge zur\u00fcck in die Dunkelheit des Kastens, das T\u00fcrchen f\u00e4llt zu. Wer dieses Bild nicht versteht, sei an die Sache mit den Reiss\u00e4cken und ihrem notorischen Umfallen verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 124:<\/strong> Mittendrin in George V. Higgins. Und ein weiterer Beleg der These, dass Sprache in erster Linie der Handlung und ihrer Konstruktion zu dienen habe, NICHT der intellektuellen Bequemlichkeit der Leser. Desweiteren: Wie emotional degeneriert muss man sein, um Spannung \/ Vergn\u00fcgen aus der alleinigen Tatsache gewaltsamer Tode zu ziehen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 125:<\/strong> Ja doch: Das ewige Krimischema \u2013 jemand wird ermordet, jemand wars, jemand findet die Wahrheit, alle lesenden Jemande am\u00fcsieren sich ganz n\u00e4rrisch dabei \u2013 bildet die generelle Misere der Welt im Kleinen ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 126:<\/strong> Wenn sich eine Figur bei George V. Higgins seitenlang dar\u00fcber Gedanken macht, wie sie sich einer ausgeleierten Unterhose entledigen kann, ist das allemal spannender als der xte Serienmord, bei dem das Opfer eine Narzisse im Arschloch stecken hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 127:<\/strong> &#8222;Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand so gut schreiben kann wie A(ndreas) Franz.&#8220; An dieser Stelle betritt man eine fremde Welt, ein fremdes Universum, in dem man sich nicht vorstellen kann, dass jenseits des eigenen Fr\u00fchst\u00fcckstellers Mohnbr\u00f6tchen existieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 128:<\/strong> Das f\u00fcr den Krimi an der &#8222;Aff\u00e4re Wulff&#8220; Interessante ist nicht die Handlung, sondern der Plot, also die dramaturgische Konstruktion der Ereignisse. Doch ganz gleich, wie man sich entscheidet: ein nennenswerter Krimi w\u00e4re das Ganze nur, wenn der Leser am Ende das Buch ohne die letzte Befriedigung einer Aufl\u00f6sung aus der Hand legen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaftszettel:<\/strong> Bescheidener Vorschlag zur Einf\u00fchrung eines Koeffizienten zur Berechnung der mittleren Verweildauer eines Krimis im Hirn des Lesers (KVKHL oder kurz: &#8222;Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen&#8220;-Koeffizient). Er wird mit der absoluten Lesezeit multipliziert und ber\u00fccksichtigt sowohl die in Zeiteinheiten umgewandelte Zunahme \/ den Verlust an Hirnzellen wie die intellektuelle Aktivit\u00e4t (Vorurteil dividiert durch Irritation, multipliziert mit der Summe der best\u00e4tigenden Kopfnickereien). Es darf vermutet werden, dass der KVKHL im Allgemeinen unter Null sinkt, also die absolute Lesezeit die bereinigte \u00fcbersteigt, was wiederum bedeutet: Man hat seine Zeit verschwendet. Steigt der Wert \u00fcber Null, liest man gerade gute Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 129:<\/strong> Anl\u00e4sslich einer Krimipause ist mir Karlheinz Deschners &#8220; Kitsch, Konvention und Kunst&#8220; in die H\u00e4nde gefallen, 1957 geschrieben, sp\u00e4ter \u00fcberarbeitet und in einem wesentlichen Punkt revidiert. Dem n\u00e4mlich, dass Deschner den Kitsch zun\u00e4chst als ein Kunstph\u00e4nomen begriffen und die These, auch das Leben selbst k\u00f6nne Kitsch sein, von sich gewiesen hat. Das also stellt er jetzt richtig: &#8222;Millionen Leben \u2013 total verkitscht!&#8220; Und Kitsch ist, so Deschner, gef\u00e4hrlich, &#8222;die m\u00f6rderischste Droge der Welt&#8220;. Er zitiert Hermann Broch: &#8222;Wer Kitsch erzeugt, ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts- oder Wenigk\u00f6nner, er ist durchaus nicht nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des Ethischen zu werten, sondern er ist ein ethisch Verworfener, er ist ein Verbrecher, der das radikal B\u00f6se will.&#8220; Aber was ist Kitsch nun konkret? Was ist Krimikitsch? Das Unechte, das Schablonenhafte, die \u2013 Deschner \u2013 &#8222;Als-ob-Kunst&#8220;. Richten wir unser Augenmerk also weniger auf den literarischen Schund, die naiven Schreib\u00fcbungen, das blo\u00dfe Weglesefutter, richten wir unser Augenmerk lieber dorthin, wo um den Kitsch das M\u00e4ntelchen der Kunst weht, das M\u00e4ntelchen der Moral, des Tiefsinns.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 130:<\/strong> &#8222;Was ist Krimi?&#8220; Zun\u00e4chst ist das eine viel zu vage, unvollst\u00e4ndige Frage. &#8222;Was ist Krimi f\u00fcr wen und warum?&#8220; Krimi als der kleinste gemeinsame Nenner, eine Handvoll Konventionen und Erwartungen, die jedoch selbst bei n\u00e4herer Betrachtung dubios werden. Was ist Spannung? Wozu dient sie, wenn \u00fcberhaupt zu etwas? Andererseits: So ergeht es allen Dingen, die man unter ein Mikroskop legt (und sei es ein so ungen\u00fcgendes wie mein Gehirn). Sie zerfallen in immer kleinere Teile, ihre organisatorischen Strukturen werden obsolet und durch andere, neue ersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einiger Verz\u00f6gerung, aber jetzt geb\u00fcndelt: Nachrichten von Kitsch und Kunst, M\u00e4rchen und Wirklichkeit, Kuckucksuhren und ausgeleierten Unterhosen. 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