{"id":17691,"date":"2007-05-31T07:56:40","date_gmt":"2007-05-31T07:56:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/astrid-paprotta-feuertod\/"},"modified":"2022-06-05T22:19:56","modified_gmt":"2022-06-05T20:19:56","slug":"astrid-paprotta-feuertod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/05\/astrid-paprotta-feuertod\/","title":{"rendered":"Astrid Paprotta: Feuertod"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kennt das mit den Krimis. Zuerst bringen sie die Welt in Unordnung und dann r\u00e4umen sie die Welt wieder auf und am Ende wissen wir, was wir wissen sollen. Oder ein wenig elaborierter: Krimis beginnen immer damit, dass sie uns suggerieren, nichts zu wissen. Und sie enden mit der tr\u00f6stlichen Erkenntnis, alles zu wissen. Manchmal kommt es aber anders; hei\u00dft auch Krimi; auf den Kopf gestellt. Astrid Paprottas \u201eFeuertod\u201c wird zuk\u00fcnftig als ein Referenzwerk f\u00fcr diesen Zweig der Kriminalliteratur zu gelten haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eFeuertod\u201c beginnt damit, dass er seinem Titel gerecht wird. Die Anw\u00e4ltin Ellen Rupp, als Law-and-Order-Schreierin auch politisch ambitioniert und entsprechend verhasst, wird Opfer einer Brandstiftung, ihr Liebhaber r\u00f6stet gleich mit. Nat\u00fcrlich liegt es auf der Hand, in jenen Kreisen, die Rupp attackierte, nach den T\u00e4tern zu suchen, in der \u201eUnterschicht\u201c, bei den \u201eLinken\u201c eben. Kein leichter Job f\u00fcr die Kommissare Niklas und Potofski, der eine schon \u00e4lter und besonnener, der andere undiplomatisch und geradeaus. Sie nehmen das Leben der Rupp unter die Lupe und kommen einem besonders widerw\u00e4rtigen Fall von Immobilienmachenschaften auf die Spur. Dann brennt ein zweites Haus, wieder gibt es Tote \u2013und eine Verbindung zu Ellen Rupp. Ein Privatdetektiv befindet sich parallel dazu auf einer anderen F\u00e4hrte.<\/p>\n\n\n\n<p>So entwickelt sich die Geschichte und mit ihr ein Ausschnitt deutscher Wirklichkeit. Wir werden mit den Besserverdienenden und den Aussortierten bekannt, den F\u00e4denziehern und Helfershelfern, nach und nach versammeln sich die Protagonisten des Romans. Claude Czerny etwa, bei seinem Namen kann der nur Friseur sein, ein ganz kleiner im sch\u00e4bigen Salon. Sein Nachbar Blume, Privatdetektiv mit Hund, hat f\u00fcr die Rupp Drecksarbeiten erledigt. Rupps Sozia in der Anwaltskanzlei, Anna Westheim, mit dem Unternehmer Florian verheiratet, der wiederum ein Jugendfreund der Rupp, dazu ein paar Nebenfiguren, Sch\u00f6nheitschirurgen und gestrandete Arbeitslose, hochn\u00e4sige Sekret\u00e4rinnen und hilflose Geistliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir es von Astrid Paprotta nicht anders kennen, l\u00e4sst sie die Geschichte aus den Blickwinkeln ihrer ProtagonistInnen erz\u00e4hlen. Dritte Person Singular, das hat sich vier Ina-Henkel-Krimis lang bew\u00e4hrt, jetzt aber fokussiert sich die Handlung auf mehrere Personen, deren Welt-Anschauungen sich in ihrem Sprachduktus offenbaren, in Redewendungen, Nebens\u00e4tzen. Nichts wirkt deklamatorisch und ist folglich auf der H\u00f6he der Paprotta\u2019schen Erz\u00e4hlkunst und damit automatisch an der Spitze dessen, was deutsches Krimischaffen zu bieten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und dann passiert es. Wir sind mitten in dieser Geschichte, die nat\u00fcrlich eine mysteri\u00f6se Geschichte ist, Krimi eben, siehe oben, ein Setting, Abl\u00e4ufe, Konturen, die langsam sichtbar werden, bittere deutsche Wirklichkeit mit Ober- und Unterschichten, wir h\u00e4ngen in den Figuren, lernen sie kennen, verfolgen sie misstrauisch, eine von denen muss es schlie\u00dflich gewesen sein, vielleicht doch der Friseur oder doch die Sozia, oder wer auch immer. Das Buch ist etwa zur H\u00e4lfte bew\u00e4ltigt \u2013 und pl\u00f6tzlich \u00fcberw\u00e4ltigt es uns. H\u00e4tten wir uns denken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Astrid Paprottas Trick ist so simpel wie verp\u00f6nt wie genial. Sie hat \u201eFeuertod\u201c als eine Art \u201eR\u00e4tselkrimi\u201c auf h\u00f6chstem Niveau gestartet \u2013 und jetzt verr\u00e4t sie uns unvermittelt, wer denn f\u00fcr all diese Verbrechen verantwortlich ist. Aus dem Whodunnit mit sozialkritischem Dressing wird ein \u201epsychologischer Krimi\u201c \u2013 glaubt man, nein, glaubt man nicht, denn man kennt ja die Paprotta. Sie hat uns konditioniert, uns vorgegaukelt, wir bewegten uns auf festem Terrain \u2013 und dann ist das alles nur das H\u00e4utchen auf der kochenden Milch gewesen, das Kompakte einer frisch gem\u00e4hten Krimiwelt mit den Guten und den B\u00f6sen. Wir st\u00fcrzen aus dieser Welt in eine andere, aufr\u00fchrerische. Die Personen deformieren sich, mit ihnen die beruhigende Welt, die da peu \u00e0 peu in Ordnung gebracht werden sollte, mit allen Ingredienzien des Genres, Verbrechen &#8211; Detektion &#8211; Aufkl\u00e4rung, am Ende zwei Seiten Gest\u00e4ndnis und Motivauslegung f\u00fcr diejenigen, die das immer gerne schwarz auf wei\u00df haben wollen. Es hier aber nicht bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich im folgenden ausbreitet, ist die Geschichte einer Emanzipation, einer, wie man so sagt: Selbstverwirklichung. Da erkennt sich jemand, aber wir werden ob dieses Erkennens immer verwirrter, ein anderes, \u00e4lteres Verbrechen wird aktuell und beide greifen ineinander wie die Zahnr\u00e4der einer so zynischen wie ergreifenden Maschinerie. Das verdaut sich nicht so leicht. Etwas Besseres kann einem aber gar nicht passieren, wenn man liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen und ihre Motivationen verdeutlichen sich bis zur Unkenntlichkeit, da kommt zusammen, was nach den Standardnormen des Genres nicht zusammengeh\u00f6rt. Die Wirklichkeit, von der Autorin im ersten Teil des Romans scheinbar in die richtigen, weil eingez\u00e4unten Bahnen gelenkt, bricht aus und \u00f6ffnet sich, die traditionelle Inszenierung wird von einer geradezu unglaublich anderen abgel\u00f6st, \u201eFeuertod\u201c steht genrem\u00e4\u00dfig buchst\u00e4blich auf dem Kopf und sch\u00fcttet seine eingepferchte Wirklichkeit \u00fcber uns, wo sie als die wahre und wahnwitzige auseinanderflie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>LeserInnen, die in der Hoffnung auf ein St\u00fcck selbsterkl\u00e4rende Kriminalliteratur an die Lekt\u00fcre gegangen sind, werden am Ende wohl entt\u00e4uscht sein. Die Logik dieser Emanzipation ist verquer, das Dichotomische (gut \/ b\u00f6se, Opfer \/ T\u00e4ter) l\u00f6st sich auf, da liebt einer eine, dann erpresst er sie, aber liebt sie doch und die da geliebt wird, l\u00e4sst sich erpressen und findet das gut und liebt zur\u00fcck und sie werden gl\u00fccklich miteinander oder auch nicht. So in etwa. Das ist nicht die Wirklichkeit, die beruhigt. Man wird noch eine Zeitlang dar\u00fcber gr\u00fcbeln, das ist die Literatur nach den 315 Seiten Papier, daf\u00fcr zahlen Sie also nichts, aber das zahlt sich aus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Astrid Paprotta: Feuertod. <br \/>Piper 2007. 315 Seiten. 12,00 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kennt das mit den Krimis. Zuerst bringen sie die Welt in Unordnung und dann r\u00e4umen sie die Welt wieder auf und am Ende wissen wir, was wir wissen sollen. Oder ein wenig elaborierter: Krimis beginnen immer damit, dass sie uns suggerieren, nichts zu wissen. Und sie enden mit der tr\u00f6stlichen Erkenntnis, alles zu wissen. 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