{"id":17700,"date":"2012-01-02T08:00:16","date_gmt":"2012-01-02T08:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/matthias-wittekindt-schneeschwestern\/"},"modified":"2022-06-08T20:00:07","modified_gmt":"2022-06-08T18:00:07","slug":"matthias-wittekindt-schneeschwestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/matthias-wittekindt-schneeschwestern\/","title":{"rendered":"Matthias Wittekindt: Schneeschwestern"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/wittekindt.jpg\" alt=\"wittekindt.jpg\" width=\"180\" height=\"300\"\/> Reden wir \u00fcber Kitsch. Was ist das? Kitsch ist die Nachahmung des Originellen, das Errichten potemkinscher Fassaden vielzimmriger Worth\u00e4user, aber eben nur die Fassaden, ein T\u00e4uschungsman\u00f6ver f\u00fcr fl\u00fcchtige Augen. Im Kitsch offenbart sich falsches, weil oberfl\u00e4chliches Lesen. Alles etwa, was heutzutage &#8222;romantisch&#8220; daherkommt, hat Romantik nie wirklich verstanden, ahmt den Ton nach, trifft ihn aber nicht. Kitsch will mehr sein, Kitsch will Kunst sein, unbedingt, Kitsch strebt nach dem H\u00f6heren und l\u00f6st sich doch nie von seinem traurigen Ausgangspunkt: dem Unverm\u00f6gen zur originellen sch\u00f6pferischen Leistung.<br \/>Kitsch zu erkennen, ist nicht immer leicht, denn entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung steckt er nicht nur in &#8222;Lore&#8220;-Romanen und schw\u00fclstigen TV-Arztserien. Er verbirgt sich in Worth\u00fclsen, ist Modeschmuck, Talmi, er schwingt sich zu Gedanken auf, die einen in Ehrfurcht erstarren lassen, gro\u00dfe Gedanken \u00fcber die Menschen und die Welt und die Moral und \u00fcberhaupt. Das beeindruckt, wenn man es beim ersten Blick und der wie mit Kanonen verschossenen Botschaft bel\u00e4sst. Und die Claqueure tun, was Claqueure nun mal tun: sie applaudieren. Bis irgendwann die Klatschh\u00e4ndchen erlahmen, weil die Zeit (nein, nicht die Wochenzeitung, die nicht) einen b\u00f6sen Verdacht mit sich gebracht hat: Das ist alles Kitsch. Das ist das gute daran: Irgendwann entlarvt sich Kitsch von selbst, mal fr\u00fcher, mal sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hegen also die begr\u00fcndete Hoffnung, dass es auch einmal MatthiasWittekindts &#8222;Schneeschwestern&#8220; erwischen wird. Der Inhalt des Buches kann lapidar in wenigen S\u00e4tzen zusammengefasst werden: Ein M\u00e4dchen wird ermordet. Und h\u00e4tte die Polizei von Anfang an ihre Arbeit vern\u00fcnftig getan, w\u00e4re der Fall nach 80 Seiten gel\u00f6st gewesen. H\u00e4tte sie zum Beispiel nach der Tatwaffe gesucht anstatt Polizistinnen &#8222;den Mond anschreien&#8220;, sie durch den Schnee stolpern und viele tiefgr\u00fcndelnde Flachheiten vom Stapel hauen zu lassen. Aber auch die potentiellen T\u00e4ter sind nicht besser. Was sind sie eigentlich? Wei\u00df man nicht so genau. Irgendwie Getriebene, die sich nicht im Griff haben oder st\u00e4ndig beim Pfarrer Dinge beichten wollen, die sie nicht getan haben. Und die Opfer? Jugendliche halt. Als potentiell dreidimensionale Wesen in der Handlung abgeladen und dort von der Sprachwalze des Autors kundig platit\u00fcdiert. Das Ganze spielt \u00fcbrigens in Lothringen, unweit der deutschen Grenze, auch in Saarbr\u00fccken wird mal ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber am schlimmsten sind die Polizisten. Der eine hat ein Problem mit seiner Freundin, der andere damit, keine zu haben. Eine Polizistin (die den Mond angeschrieen hat) findet zwar einen Freund, aber es ist irgendwie nicht der richtige. Ginge ja alles in Ordnung, w\u00fcrden die Leutchen nur ihren Job richtig machen und sich nicht st\u00e4ndig daran erinnern, dass sie sich gerade an etwas nicht erinnern, das aber nat\u00fcrlich h\u00f6chst wichtig ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Korrektur: Am schlimmsten sind doch nicht die Polizisten, am schlimmsten ist die Sprache, denn die ist Kitsch pur. Wir erinnern uns: Kitsch ist die Nachahmung des Originellen etc. Also eine Sentenz wie diese etwa:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die Stra\u00dfe. Wei\u00df. Sein BMW. Schwarz. Noch immer eine kleine Freude, der Anblick. Roland Colbert steigt ein, startet den Motor, schaltet das Licht ein. Blau. Die Tachobeleuchtung ist blau. Roland Colbert achtet nicht darauf. Es geht jetzt um Wichtigeres.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Nicht die Sprache an sich ist hier kitschig und der Rezensent ist auch nicht der letzte Ritter dudenkonformer vollst\u00e4ndiger S\u00e4tze. Sprache ist \u00fcberhaupt selten kitschig, viel mehr sind es die Absichten dahinter. Und die Absicht hinter diesen S\u00e4tzen lautet: Literatur. Weder dienen hier die Ein-\/Zweiworts\u00e4tze dazu, einen bestimmten physischen (Eile) oder psychologischen ( sich vergewissern) Zustand zu unterstreichen. Noch wird hier ein Erz\u00e4hlduktus konsequent durchgehalten. Nein, es ist viel simpler: Jemand setzt sich in sein Auto und f\u00e4hrt weg. Es einfach hinschreiben? ZU einfach. Denn Wittekindt m\u00f6chte Literatur herstellen, leider hat er vergessen, dass die nicht nur darin besteht, ein paar halbtiefe Gedanken (gerne auch mit Schopenhauer-Erw\u00e4hnung) in einer Untiefe aus sprachlicher Pseudoartistik zu baden, um sie sch\u00f6n manieriert zum Trocknen aufzuh\u00e4ngen. Stimmt ja. <em>&#8222;Die Stra\u00dfe. Wei\u00df. Sein BMW. Schwarz&#8220;:<\/em> Das klingt nicht nach Schulaufsatzdeutsch, das klingt nach &#8222;mehr&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses &#8222;Mehr&#8220; treibt gelegentlich in aberwitzige Sph\u00e4ren, so wie der Wind den Schnee auf einer Wehe. <em>&#8222;Es schneit keine dicken Flocken, sondern mitteldicke. Und sie fallen nat\u00fcrlich auch nicht von oben, sie bewegen sich schr\u00e4g.&#8220; <\/em>Aha. Was schr\u00e4g runterf\u00e4llt, f\u00e4llt nicht von oben? Good to know.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun denn. Kitsch ist, wenn die Sprache ein eitles Eigenleben f\u00fchrt, eine K\u00f6nigin ohne Land, ohne Bezug zum Inhalt. Was bleibt \u00fcbrig? Ein reichlich \u00fcberfl\u00fcssiger und wirrer Krimi, der 350 Seiten ben\u00f6tigt, um nichts zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Matthias Wittekindt: Schneeschwestern. <br \/>Nautilus 2011. 349 Seiten. 18 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reden wir \u00fcber Kitsch. Was ist das? 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