{"id":17707,"date":"2007-06-06T07:53:16","date_gmt":"2007-06-06T07:53:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/crime-school-das-partywissen-3\/"},"modified":"2022-06-06T14:36:22","modified_gmt":"2022-06-06T12:36:22","slug":"crime-school-das-partywissen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/crime-school-das-partywissen-3\/","title":{"rendered":"Crime School &#8211; das Partywissen -3-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dem komplexen Thema der Geburt des Kriminalromans wollen wir uns auf einer Zeitschleife n\u00e4hern, die ihren Ausgangspunkt im Jahr 1909 hat, wo wir das Genre in seiner vollen Bl\u00fcte erleben, aber immer noch \u2013 bis heute \u2013 gepr\u00e4gt von den Umst\u00e4nden seines Indieweltkommens.<\/p>\n\n\n\n<p>1909 ver\u00f6ffentlicht der Norweger \u2192<a href=\"http:\/\/alte-krimis.de\/autoren_elvestad.htm\">Sven Elvestad<\/a> (1883-1934) unter dem Pseudonym Stein Riverton seinen Kriminalroman \u201eDer eiserne Wagen\u201c (\u201eJernvognen\u201c), der vier Jahre sp\u00e4ter erstmals in deutscher \u00dcbersetzung erscheint. Elvestad ist nicht irgendwer, er ist ein international anerkannter, vielgelesener Autor von Krimis, auch und gerade in Deutschland. So nimmt es nicht wunder, dass \u201eDer eiserne Wagen\u201c 1923 und 1938 wiederaufgelegt wird, 1988 erscheint sogar eine weitere Ausgabe bei Heyne, 2003 ein d\u00e4nischer Comic, der die Geschichte in Bildern nacherz\u00e4hlt. Ein Klassiker also.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit eingeschlagenem Sch\u00e4del wird, in der N\u00e4he eines Hotels in der norwegischen Provinz, der Forstmeister Blinde aufgefunden. Er hatte sich soeben mit der Schwester eines Gutsbesitzers verlobt und war dann, pr\u00e4chtiger Stimmung, zur\u00fcck zum Hotel gewandert, \u00fcber die n\u00e4chtlich einsame Heide, wo er seinem M\u00f6rder begegnete. Man telegrafiert nach Oslo an den ber\u00fchmten Detektiv Asbj\u00f6rn Krag, der auch prompt erscheint und sich des Falles annimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere ist nun, dass die Geschichte nicht aus der Perspektive des Detektivs, sondern der eines Ich-Erz\u00e4hlers reportiert wird, von dem wir nur sehr wenig erfahren. Weder seinen Namen gibt Elvestad preis noch seinen Beruf (Wir lesen einmal, dass er \u00fcber einer \u201eAbhandlung\u201c sitzt). Von Anfang an widmet sich Krag fast ausschlie\u00dflich diesem Ich-Erz\u00e4hler, er macht ihn quasi zu seinem Gehilfen, einem Dr. Watson gewisserma\u00dfen, in dessen Naivit\u00e4t sich die Genialit\u00e4t des Ermittlers gl\u00e4nzend spiegeln kann. Immerhin hat der Ich-Erz\u00e4hler als letzter den Forstmeister lebend gesehen, aus des Gutsbesitzers Haus kam der, erkennbar gl\u00fccklich und mit triumphierendem L\u00e4cheln im Stutzergesicht. Dann ging er \u00fcber die Heide, auch der Ich-Erz\u00e4hler kehrte zum Hotel zur\u00fcck und h\u00f6rte dabei seltsame Ger\u00e4usche, Ger\u00e4usche, wie sie von einem eisernen Fahrzeug stammen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eiserne Wagen, hier ist er. Ein Mythos, eine Schauergeschichte, man h\u00f6rt ihn bisweilen, so raunen es sich die Landbewohner zu, aber keiner hat ihn je gesehen. Sp\u00e4ter wird sich herausstellen, dass der Vater des Gutsbesitzers ein T\u00fcftler war und solch einen eisernen Wagen konstruiert hat. Aber dieser Vater ist vor vier Jahren ertrunken, seine Leiche hat man nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie die Dinge liegen, kann nur der Gutsbesitzer der T\u00e4ter sein, hatte er doch ein Motiv. Der Verlobte seiner Schwester gefiel ihm n\u00e4mlich ganz und gar nicht, au\u00dferdem l\u00fcgt er offensichtlich, hat Geheimnisse. Krag jedoch scheint dies merkw\u00fcrdigerweise nicht zu interessieren. Er arbeitet weiter \u2013 aber was arbeitet er? Man wird nicht recht schlau aus ihm. Nur dem Ich-Erz\u00e4hler sitzt er st\u00e4ndig im Genick, ein vorzeitlicher Inspector Columbo.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser ahnt selbstverst\u00e4ndlich, warum dem so ist. Denn \u201eDer eiserne Wagen\u201c wurde auch deshalb klassisch, weil hier wohl zum erstenmal in einem Kriminalroman der Ich-Erz\u00e4hler als T\u00e4ter entlarvt wird (also vergessen wir Agatha Christie mit ihrem \u201eThe murder of Roger Ackroyd\u201c). Pure Eifersucht hat ihn getrieben, das Ganze eine Affekthandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der schaurigen Geschichte des eisernen Wagens hat die Tat nichts zu tun. Aber es gibt ihn. Der Vater des Gutsbesitzers ist auch nicht ertrunken, sondern hat sich aus Versicherungsbetrugsgr\u00fcnden ins Ausland abgesetzt, ist dann wieder zur\u00fcckgekommen auf den Hof \u2013 deshalb die Nervosit\u00e4t seines Sohnes \u2013 und von jener mysteri\u00f6sen Maschine auf der Heide, just an der Stelle, an der auch der Forstmann sein Leben lassen musste, get\u00f6tet worden. Ein Unfall. Die Maschine \u2013 ein fortschrittliches Flugger\u00e4t, von einem deutschen Erfinder hier abseits aller Aufmerksamkeit getestet \u2013 kam aus der Spur und st\u00fcrzte ins Meer, Ende \u201eeiserner Wagen\u201c, Ende Erfinder, der gleich mit im Meer versank.<\/p>\n\n\n\n<p>All das ermittelt Asbj\u00f6rn Krag, aber, noch einmal, wie? Den Ich-Erz\u00e4hler hatte er von Anfang an in Verdacht, nein, er WUSSTE ganz einfach: Der wars. Ein \u00dcbermensch also, ein Nachfolger des Sherlock Holmes, und nat\u00fcrlich wird er sp\u00e4ter, als der T\u00e4ter zu \u00fcberf\u00fchren ist, einiges aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen wir nun, die Bauelemente der Geschichte zu ordnen. Es beginnt mit dem Mord und damit, dass er von Elvestad mit einem Mysterium, dem eisernen Wagen, in Verbindung gebracht wird, etwas \u00dcbernat\u00fcrlichem also. Der Detektiv wei\u00df von Beginn an, wie die Dinge liegen und entlarvt den M\u00f6rder, indem er ihn psychisch destabilisiert und dabei auch vor Albernheiten nicht zur\u00fcckschreckt. So schminkt und verkleidet sich Krag zum Beispiel als der Tote und erscheint als \u201eGeist\u201c vor dem Fenster des Ich-Erz\u00e4hlers, was diesen nachvollziehbar seiner Fassung beraubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ich-Erz\u00e4hler ist die eigentlich interessante Figur des Romans. Wir erfahren ja nicht nur die Handlung aus seiner Perspektive, wir sitzen dar\u00fcberhinaus direkt in seinem Kopf und teilen seine Gedanken. Hier nun geschieht Merkw\u00fcrdiges. Offensichtlich ist dieser Ich-Erz\u00e4hler an der Aufl\u00f6sung des Falles \u00e4u\u00dferst interessiert, nichts deutet zun\u00e4chst auf ihn als M\u00f6rder hin. Die Tat hat er verdr\u00e4ngt, erst die Aktionen des Detektivs lassen sie ihm nach und nach wieder bewusst werden. Je mehr aber nun die psychische Desolatheit offenbar wird, desto n\u00fcchterner handelt der Ich-Erz\u00e4hler. Er plant, Krag aus dem Weg zu r\u00e4umen und entwickelt einen raffinierten Plan, den der Detektiv nat\u00fcrlich vorausgesehen, ja, provoziert hat und vereitelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer eiserne Wagen\u201c ist also, genretechnisch betrachtet, eine Mischung aus Detektivroman in der Doyle\u2019schen Tradition und Psychokrimi. Krag ist durchaus ein moderner Detektiv, er verf\u00fcgt \u00fcber ein Netzwerk von Informanten, die ihn mit allem N\u00f6tigen versorgen. Dennoch ist seine Vorgehensweise nicht ausschlie\u00dflich logisch, was er auch selbst wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWir d\u00fcrfen uns nicht nur an die Indizien halten,\u201c sagte er, \u201eschlie\u00dflich m\u00fcssen wir die Sache auch von der menschlichen Seite betrachten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass Induktion und Deduktion die Wirklichkeit nicht eindeutig zu verifizieren im Stande sind, zeigt sich auch am zweiten Erz\u00e4hlstrang des Romans, dem mit dem eisernen Wagen. Was wie ein aus dem Dunkel des Mythos, der Gruselwelt waberndes Geheimnis anhebt, wird dank rationaler Denkarbeit als n\u00fcchterne Tatsache freigelegt, ja, mehr noch: Der eiserne Wagen, Sinnbild des \u00dcbernat\u00fcrlichen, wird zum Sinnbild des technischen Fortschritts. Er erschl\u00e4gt das Irrationale buchst\u00e4blich in Gestalt des Gutsherrenvaters, des Erbauers der \u201edunklen Version\u201c eiserner Wagen. Und dennoch: So ganz eindeutig empirisch ist der Fall nicht. Ein Fischer n\u00e4mlich behauptet steif und fest, schon vor Jahren den eisernen Wagen \u00fcber die Heide rollen geh\u00f6rt zu haben \u2013 und das konnte nun beim besten Willen nicht die neuzeitliche Flugmaschine des deutschen Erfinders gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind also drei widerstreitende, sich aber auch durchdringende Elemente, die Elvestads Roman konstituieren: die logische Vernunft, der es am Ende gelingt, die geheimen Mechanismen der Psyche zu beherrschen \u2013 der technische Fortschritt, der dabei hilft \u2013 und die Psyche selbst, ohne die logische Vernunft und Fortschritt nicht funktionieren k\u00f6nnen. Denn im Grunde seines Wesens ist der Detektiv als der F\u00e4denzieher ein von seiner eben nicht beherrschbaren Psyche gesteuerter Mensch \u2013 er AHNT, er WEISS einfach, er suggeriert und mutma\u00dft, ohne doch wirklich auf dem Boden des Faktischen zu stehen. Dieses Faktische w\u00e4chst also aus einem Sumpf des Mehrdeutigen \u2013 der Psyche eben, es ist so willk\u00fcrlich wie die Psyche letztlich nicht in ihren letzten Details zu erkl\u00e4ren. Die Wirklichkeit, wie sie uns am Ende des Romans als eine eindeutige pr\u00e4sentiert wird, ist nichts weiter als eine Inszenierung, eine rationale und beruhigende Version der eigentlichen Wirklichkeit, die nur als ineinandergeschlungenes Gebilde aus vielen Wirklichkeiten vorstellbar ist. Das Ziel des Kriminalromans ist jedoch Eindeutigkeit, Eindeutigkeit wiederum das bedeutendste Charakteristikum von \u2013 Trivialit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Erz\u00e4hlstr\u00e4nge sind dabei nur verschiedene Darstellungen des grundlegenden Ph\u00e4nomens. Es existiert etwas sehr Vages \u2013 hier ein Verbrechen, dort ein nicht zu erkl\u00e4rendes gespenstisches Szenario -, das mit Hilfe des Verstandes \u201eklargemacht\u201c werden muss. Am Ende beherrscht der logische Verstand die Psyche respektive erkl\u00e4rt sich das Unerkl\u00e4rliche als Teil des technischen Fortschritts. Doch letztlich sind beide L\u00f6sungen Pyrrhussiege. Krag selbst bedient sich psychologischer Taschenspielertricks, die sich jeglicher Erkl\u00e4rung verweigern. Und hinter dem Eindeutigen des technischen Fortschritts lauert nach wie vor die M\u00f6glichkeit, dass jener mysteri\u00f6se \u201eeiserne Wagen\u201c (der nichts anderes als die Psyche verk\u00f6rpert) in seiner ganzen Ungez\u00e4hmtheit weiterhin existiert und agiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Elvestad Eindeutigkeit herstellt, ist also nicht das Markante seines Romans, sondern Endziel des trivialisierten Krimis. Dass er zeigt, wie Eindeutigkeit inszeniert wird, wie sich helle Ratio und dunkle Psyche zugleich bedingen und bek\u00e4mpfen, von wie auch immer gearteter Dichotomie (gut \/ b\u00f6se, rational \/ irrational) \u201ein Wirklichkeit\u201c also nicht die Rede sein kann \u2013 das zeichnet den \u201eEisernen Wagen\u201c aus. Und verweist sogleich auf die Geburt des Genres, die exakt in diesem zeit- und geistesgeschichtlichen Koordinatensystem stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu dann mehr in der n\u00e4chsten Lektion.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem komplexen Thema der Geburt des Kriminalromans wollen wir uns auf einer Zeitschleife n\u00e4hern, die ihren Ausgangspunkt im Jahr 1909 hat, wo wir das Genre in seiner vollen Bl\u00fcte erleben, aber immer noch \u2013 bis heute \u2013 gepr\u00e4gt von den Umst\u00e4nden seines Indieweltkommens. 1909 ver\u00f6ffentlicht der Norweger \u2192Sven Elvestad (1883-1934) unter dem Pseudonym Stein Riverton [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17707"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17707\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}