{"id":17709,"date":"2012-01-14T08:09:29","date_gmt":"2012-01-14T08:09:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/auf-wiederlesen-reginald-hill\/"},"modified":"2022-06-08T19:52:30","modified_gmt":"2022-06-08T17:52:30","slug":"auf-wiederlesen-reginald-hill","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/auf-wiederlesen-reginald-hill\/","title":{"rendered":"Auf Wiederlesen, Reginald Hill"},"content":{"rendered":"\n<p>Manche verabschieden sich klamm und heimlich, andere bl\u00e4st das Posaunenheer dr\u00f6hnend ins Jenseits. Bei Reginald Hill, am 12. Januar 2012 75j\u00e4hrig verstorben, d\u00fcrfte das Ohropax nicht reichen, bei all dem nachredenden und elogierenden Schall und Schwall. Also machen wir&#8217;s kurz.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Reginald Hill zu rezensieren (nicht ihn zu lesen!) wurde mit der Zeit langweilig. Mal lobte man dies, mal jenes, mal blieb man eher an der Oberfl\u00e4che, mal tauchte man etwas tiefer, was bei Hill ja m\u00f6glich war. Wirklich schlecht war er nie, er war gelegentlich nicht ganz auf der H\u00f6he seiner Kunst, was schlichtweg bedeutet: Er war auch in seinen schw\u00e4cheren Momenten noch st\u00e4rker als der gr\u00f6\u00dfere Rest des Gesch\u00e4fts. Hill war der B\u00e4cker, der dir zum lecker Brot noch ein St\u00fcckchen Kuchen mit in die T\u00fcte packt. Gratis; das musst du nicht essen, aber du darfst dich gerne an der S\u00fc\u00dfe der Literatur laben, an der S\u00fc\u00dfe jenseits des Wer Wars? und der orts\u00fcblichen Spannung. Wobei selbst diejenigen, die den Kuchen verschm\u00e4hten, die einfach &#8222;nur lesen&#8220; wollten, bei Hill auf ihre Kosten kamen. Andy Dalziel piesackt, Pascoe schlaumeiert, sein Eheweib mosert und so weiter \u2013 das war AUCH jener intelligente royale Britkrimi, der mich immer ein wenig an Margery Allingham erinnert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Reginald Hill steht f\u00fcr mich in der Kriminalliteratur dort, wo Vladimir Nabokov oder Arno Schmidt in der Nicht-Kriminalliteratur stehen. Allesamt Wortmenschen mit b\u00f6se-dezentem Humor, die man auch dann mit Vergn\u00fcgen lesen kann, wenn man nur mit Vergn\u00fcgen lesen m\u00f6chte. Gleichzeitig sind sie ARBEITER und erwarten genau das vom ambitionierteren Teil ihrer Leserschaft. Es w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn sehr bald ein paar Verr\u00fcckte damit beg\u00e4nnen, Hills Texte zu &#8222;dechriffrieren&#8220;. Es w\u00fcrde mich nicht einmal wundern, wenn einige Verr\u00fcckte es bereits t\u00e4ten: die Zitate, die Anspielungen, die Querverweise erschn\u00fcffeln, mit denen Hill zu arbeiten pflegte und die \u2013 wie bei Nabokov, Schmidt \u2013 mehr waren als ein Denksport f\u00fcr Akademiker. Sie erweiterten die Texte, sie erweiterten die Interpretation, sie erweiterten die Phantasie und den Intellekt der Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das als Krimiautor! Vielleicht das Bewundernsw\u00fcrdigste an ihm ist die diebische Nonchalance, mit der er das Geradeaus-Genre Krimi zu einem komplexen Gebilde aus Sub- und Metaebenen machte, OHNE es in die Flachwelt bem\u00fchter &#8222;literarischer&#8220;, gar Kunst-Krimis hinab zu schreiben. Mit Botschaften hatte es Hill nicht; mit moralisch-philosophischen Ausw\u00fcrfen noch weniger. Wenn er uns damit kam, lie\u00df die Antithese meist nicht lange auf sich warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gut. Musste man, wie gesagt, nicht zur Kenntnis nehmen, das war eben das St\u00fcckchen Kuchen in der T\u00fcte, neben dem Brot, das jeder gerne a\u00df. Jetzt ist die B\u00e4ckerei geschlossen. Was w\u00fcnschen wir uns f\u00fcr die Zukunft? Eine h\u00fcbsche, wohlfeile Werkausgabe in chronologischer Reihenfolge, idealerweise mit ein paar erhellenden Essays f\u00fcr arbeitswillige Leser. Ist nicht zuviel verlangt. Und wer, wenn nicht Hill, h\u00e4tte es verdient?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche verabschieden sich klamm und heimlich, andere bl\u00e4st das Posaunenheer dr\u00f6hnend ins Jenseits. Bei Reginald Hill, am 12. Januar 2012 75j\u00e4hrig verstorben, d\u00fcrfte das Ohropax nicht reichen, bei all dem nachredenden und elogierenden Schall und Schwall. 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