{"id":17737,"date":"2007-06-15T07:24:39","date_gmt":"2007-06-15T07:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/krimiexport-oder-wozu-in-die-ferne-schweifen\/"},"modified":"2022-06-05T01:26:45","modified_gmt":"2022-06-04T23:26:45","slug":"krimiexport-oder-wozu-in-die-ferne-schweifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/krimiexport-oder-wozu-in-die-ferne-schweifen\/","title":{"rendered":"Krimiexport oder Wozu in die Ferne schweifen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Weltniveau. Exportweltmeister. Kulturleitnation auf allen Gebieten, sogar Hollywood lehren wir schon das F\u00fcrchten, na, hoffen wir doch wenigstens. Nur bei Krimis bleiben wir Provinz. Sch\u00f6n; Sch\u00e4tzing. Gut; Schafsthriller. Hier und da etwas, das ins Holl\u00e4ndische, Mongolische oder Kisuaheli \u00fcbersetzt wird. Internationales Renommee sieht anders aus.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Woran das liegt? In einen aktuellen Aufsatz \u00fcber deutsche Krimis schreibt Tobias Gohlis zum Thema: <em>\u201eDas hat mehrere Gr\u00fcnde. Eine gewisse generelle S\u00e4ttigung und Arroganz des englischsprachigen Marktes; eine gewisse Beschr\u00e4nkung der deutschen Autoren auf Stoffe und Themen, die kaum als weltbewegend angesehen werden k\u00f6nnen.\u201c<\/em> Hinzukommt, dass die mehr oder weniger staatliche F\u00f6rderung von \u00dcbersetzungen einheimischer Krimis in andere Sprachen hierzulande lange nicht die Intensit\u00e4t und den Weitblick etwa skandinavischer L\u00e4nder aufweist. Einige H\u00f6hepunkte deutschsprachigen Krimischaffens verlangen zudem f\u00e4hige \u00dcbersetzer, da in diesen Romanen Sprache nicht nur als Transportmittel von Handlung funktioniert. F\u00e4hige \u00dcbersetzer brauchen Zeit und eine halbwegs ordentliche Bezahlung, an beidem hapert es generell, im Krimisegment noch offensichtlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es geht ja gar nicht um Qualit\u00e4t. Der Wunsch nach internationaler Reputation ist der Wunsch nach Profitmaximierung, wogegen in unserer Zeit wenig gesagt werden kann, Marktwirtschaft l\u00e4uft nun einmal so. Und sie l\u00e4uft unweigerlich \u00fcber Normen, \u00fcber, Gohlis erw\u00e4hnt es, \u201eWeltbewegendes\u201c, worunter nicht nur der Verzicht auf das Thematisieren nationaler Befindlichkeiten und Eigenheiten gemeint ist, sondern die Verwendung all jener Versatzst\u00fccke, die nun einmal den modernen Massenthriller konstituieren. Serienmord und durch Action generierte Hochspannung, windschnittige Dramaturgie und eben alles, was gerade so angesagt ist im globalen Krimidorf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Die Schweden etwa haben sich schon sehr fr\u00fch und mit gro\u00dfem Erfolg ein eigenes Muster gezimmert, Ermittlerbiografie und kritische Gesellschaftsbeschreibung als attraktive Melange. Und sie mussten dies auch tun, denn ein einwohnerm\u00e4\u00dfig kleines Land vermag seine AutorInnen nur dann zu ern\u00e4hren, wenn die Fleischt\u00f6pfe au\u00dferhalb der Landesgrenzen erobert werden k\u00f6nnen. Island ist da ein noch extremeres Beispiel, knapp 300.000 Einwohner, davon wird die inzwischen stattliche Zahl von SpannungsproduzentInnen nicht satt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Punkt. Haben wir, die wir doch auf knapp 100 Millionen deutscher Muttersprachler zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, es \u00fcberhaupt n\u00f6tig, nach internationaler Anerkennung zu streben? Prinzipiell schon, denn auch anderswo gelesen und gesch\u00e4tzt zu werden, ist ein Wert an sich, befriedigt. Eigentlich aber h\u00e4tten wir doch bei uns genug zu tun mit dem Etablieren, denn der deutsche Krimi ist, sobald er die engen Grenzen des Regionalen \u00fcberschreitet, beim einheimischen Leser keine feste und positiv bewertete Gr\u00f6\u00dfe. Klar, er muss sich der internationalen Konkurrenz erwehren, den Amerikanern, Eng- und Nordl\u00e4ndern. Was genau mit den Mitteln, die auch bei der Eroberung des internationalen Marktes vonn\u00f6ten sind, zu geschehen hat. Wer mit Mankell mithalten will, der schreibt eben wie Mankell. Wer das Segment \u201eBlutrausch\u201c erfolgreich erobern will, der mordet mindestens so flei\u00dfig wie die ausw\u00e4rtigen Kollegen. All das zahlt sich gelegentlich aus, man denke an Sebastian Fitzek, an Andreas Franz, an Sabine Thieslers \u201eKindersammler\u201c \u2013 alles sehr grell, alles reichlich \u00fcberdreht \u2013 alles leicht verk\u00e4uflich. F\u00fcr weit \u00fcber 90% der deutschen KrimileserInnen eine Alternative zur Importware.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Rest? Heimst Kritikerlob ein, sieht Bestenlisten, kaum aber Bestsellerlisten von innen. Dahinter steckt nat\u00fcrlich ein allgemeines Literaturph\u00e4nomen, dass \u2013 von Ausnahmen abgesehen \u2013 sich die Dutzendware besser verkauft als das originelle, \u201eanspruchsvolle\u201c Produkt. Das ist in anderen L\u00e4ndern kaum anders, f\u00e4llt aber weniger auf. Ma\u00dfst\u00e4be werden schlie\u00dflich von den Amerikanern, den Engl\u00e4ndern gesetzt, die Erfinder dieser Ma\u00dfst\u00e4be bleiben originell im Gegensatz zu ihren Nachahmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Originelle AutorInnen haben wir hierzulande ebenfalls, sie sind aber weitgehend Minderheitenprogramm, gemessen am Kaufpotential im Noch-immer-Wachstumsmarkt Krimi. An internationalen Durchbruch ist angesichts des fehlenden nationalen nicht zu denken, und wahrscheinlich sollte man das auch nicht. Es gibt in Deutschland h\u00f6chstens eine Handvoll wirklich origineller SchreiberInnen, die mit ihren Ums\u00e4tzen halbwegs zufrieden sein, im Idealfall sogar davon leben k\u00f6nnen. Andere, die das nicht k\u00f6nnen und also das Krimischreiben als Nebenerwerb betreiben, kommen dazu. Heerscharen sind es dann immer noch nicht, aber wohl mehr als noch vor zehn, vor zwanzig Jahren. Ein Lichtblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem begreiflichen Wunsch nach Exporterfolg muss also zun\u00e4chst der Binnenmarkt erobert werden. Wir reden jetzt von den \u201eoriginellen Produkten\u201c, denen, die sich nicht auf \u201eweltbewegende Themen\u201c einlassen und nicht nach den globalen Mustern gestrickt werden. Was sie dringend brauchen, ist F\u00f6rderung, sind Stimmen, die gelegentlich auch einmal laut werden, vielleicht sogar vorlaut, vielleicht sogar arrogant. Das Wecken von Leserinteresse funktioniert halt nicht immer \u00fcber das blanke Argument, es muss auch mal dissonant trompetet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht dass ich mich der Illusion hing\u00e4be, man k\u00f6nnte nun \u00fcber Nacht die H\u00e4lfte der NormkrimileserInnen auf die andere, die \u201ebessere\u201c Seite ziehen. Wem Krimi \u201espannende Unterhaltung\u201c und nichts anderes ist, der bleibt verloren. Das ist nicht tragisch, folgenlose Unterhaltung ein legitimes Bed\u00fcrfnis. Worum es aber geht, sind die potentiellen LeserInnen etwas gediegenerer Krimiware, die gar nicht wissen, dass es so etwas auch hierzulande gibt. Ich kann dieses Potential zahlenm\u00e4\u00dfig nicht absch\u00e4tzen, ich glaube aber, dass eine gemeinsame Anstrengung von AutorInnen, Verlagen, Kritikern und sonstigen \u201eMultiplikatoren\u201c es schaffen k\u00f6nnte, diese noch unerreichte Leserschicht zu aktivieren. Das w\u00e4re nun praktisch das Gegenteil von \u201eExportanstrengungen\u201c, das w\u00e4re vielmehr das Sich-Begn\u00fcgen mit dem Feld vor der eigenen Haust\u00fcr. Und die unverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr einen auch internationalen Erfolg \u2013 in kleinerem Rahmen, wohlgemerkt \u2013 der besseren Sorte Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltniveau. Exportweltmeister. Kulturleitnation auf allen Gebieten, sogar Hollywood lehren wir schon das F\u00fcrchten, na, hoffen wir doch wenigstens. Nur bei Krimis bleiben wir Provinz. Sch\u00f6n; Sch\u00e4tzing. Gut; Schafsthriller. Hier und da etwas, das ins Holl\u00e4ndische, Mongolische oder Kisuaheli \u00fcbersetzt wird. 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