{"id":17743,"date":"2007-06-18T07:36:42","date_gmt":"2007-06-18T07:36:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/kapitel-v\/"},"modified":"2022-06-09T19:19:12","modified_gmt":"2022-06-09T17:19:12","slug":"kapitel-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/kapitel-v\/","title":{"rendered":"Kapitel V"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Ein ber\u00fcchtigter Krimiblogger tot; eine merkw\u00fcrdige Liste bei ihm gefunden; sieben Syndikatsmitglieder nach einer Lesung entf\u00fchrt; die Beller noch mal ins B\u00fcro gefahren; Wickius allein zuhaus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Achtung! Auf Wunsch der Herren Patzer und Menke wurde das folgende Kapitel in <strong>schwerliterarischem Schreibstil <\/strong>mit mindestens 50% Existenzphilosophie ausgef\u00fchrt. Erst gegen Ende sorgt das Erscheinen der Anna Beller f\u00fcr die Herabsenkung des literarischen Niveaus, was der oberfl\u00e4chlichen Sinnlichkeit von Frauen im Allgemeinen und der Beller im Besonderen angelastet werden muss, nicht aber dem Autor. Wir bitten um Ihr Verst\u00e4ndnis.<\/em><br \/>Das Morgengrauen. Wickius pendelt zwischen Wachen und Schlafen, eine imagin\u00e4re Landschaft, nebelverhangen und d\u00fcster, ein Flugzeug durchschwankt lautlos von links nach rechts zittriges Firmament, zieht ein Banner hinter sich her, und auf diesem Banner steht es in der krakeligen Schrift eines verwirrten J\u00fcnglings: Morgengrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als Kind hatte Wickius die Zeit zwischen Dunkel und Hell gef\u00fcrchtet, erschien sie ihm doch wie der \u00dcbergang von der Ermordung der Nacht zur Geburt des Tages, dachte er schon \u2013 kaum vier Jahre alt! -, dass jedem Sein ein Nichtmehrsein vorausgeht, jedem Atmen ein Erw\u00fcrgen, jeder aus dem Uterus des Universums herausdr\u00e4ngenden Sonne ein im Desaster schwarzer L\u00f6cher verschlungener Mond. Er hatte \u2013 kaum vier Jahre alt! \u2013 mit keinem Menschen \u00fcber seine Gedanken reden k\u00f6nnen, die Menschen sahen das nicht so, die Menschen, hatte er immer gedacht, als sei er keiner, als habe ihn wer anderes geboren als die beiden guten Alten, die ihm Griesbrei mit Pudding machten oder mit ihm auf die Kirmes gingen, wenn die Kirmes in der Stadt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Impuls und Reaktion, dachte Wickius in diesen Minuten des Halbschlafs, und sofort schwand das Bild der vernebelten Landschaft, schwenkte das Flugzeug in die andere Richtung, stand nicht mehr \u201eMorgengrauen\u201c auf dem Banner, sondern Namen jener mysteri\u00f6sen Liste, welche in der Wohnung der ermordeten Krimibloggers \u201eDer Unerreichte\u201c aufgefunden worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben, wusste Wickius, besteht aus Impuls und Reaktion. Zwei Geschehnisse, durch Gleichheitszeichen miteinander verbunden. Essen wollen = arbeiten m\u00fcssen. Ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen sehen = sofort dumm anmachen. Das waren Zw\u00e4nge, das waren die F\u00e4den, an denen man wie eine Marionette durch sein Dasein man\u00f6vriert wurde. Irgendetwas ist vorgegeben und du musst handeln, wie du handeln musst.<\/p>\n\n\n\n<p>War das ein Weg, die Liste zu lesen? Kaum. Astrid Paprotta = Angela Merkel, Impuls = Reaktion? Musste, wer A wie Astrid sagte, etwa auch A wie Angela sagen? Wickius gr\u00fcbelte. Er hatte Astrid Paprotta einmal pers\u00f6nlich getroffen, zuf\u00e4llig, als er \u00fcber die Frankfurter Buchmesse schlenderte. Sie hatten zusammen Kaffee getrunken und sich unterhalten, doch am Ende waren die Dinge aus dem Ruder gelaufen. Beide weigerten sich, den Kaffee zu bezahlen, Wickius, weil er argumentierte, man befinde sich in Frankfurt, Astrid Paprotta wohne in Frankfurt, sei also quasi Gastgeberin und logischerweise f\u00fcr die Begleichung der Rechnung aus Gr\u00fcnden des kultivierten Anstandes verantwortlich. Eine l\u00fcckenlose Argumentationskette, die die Paprotta indes mit dem Hinweis zerriss, SIE sei die Autorin, ER aber nichts weiter als der schmei\u00dffliegengleich um die Dichterinnensonne kreisende Satellit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach langen und nervenzerm\u00fcrbenden zehn Minuten hatte Wickius schlie\u00dflich bezahlt, drohte doch die Bedienung, sie alarmiere den Sicherheitsdienst, wenn hier \u201eweiter so rumgehampelt\u201c werde, \u201edas wollen Intellektuelle sein, ja leck doch die Kuh am Arsch!\u201c. Man hatte sich unter Beschimpfungen voneinander getrennt, Wickius der Autorin noch ein \u201eDein n\u00e4chstes Buch zerrei\u00df ich in der Luft!\u201c nachgerufen und, Wickius sch\u00e4mte sich daf\u00fcr, tats\u00e4chlich getan, unter Pseudonym, im hochwertigen Blog des gesch\u00e4tzten saarl\u00e4ndischen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was sagte ihm das alles? Konnte man daraus schlie\u00dfen, auch Angela Merkel w\u00fcrde ihren Kaffee nicht bezahlen? Nat\u00fcrlich w\u00fcrde sie ihren Kaffee nicht bezahlen, Politiker hatten nie Geld oder Kreditkarten dabei, f\u00fcr sie war das Leben eine einzige gro\u00dfe Party, das sich krumm arbeitende Volk der m\u00fcrrische Gastgeber, dem man die Salzstangen wegfra\u00df, den Champagner wegsoff. Die Paprotta war bei jenem legend\u00e4ren Treffen nicht alleine gewesen, eine \u201ePrivatsekret\u00e4rin\u201c genannte ziemlich graue, bebrillte Maus im Schlepptau, \u201edas ist die Bettina, die hat Germanistik studiert und tr\u00e4gt mir jetzt das Handt\u00e4schchen\u201c. Bettina hatte sich nicht mit an den Tisch setzen d\u00fcrfen, Bettina hatte nat\u00fcrlich auch keinen Kaffee bekommen, sondern am Eingang gewartet, das Handt\u00e4schchen in der Rechten, den Blick starr auf das smalltalkende Duo, als st\u00fcnde sie unter Drogen, so war es Wickius vorgekommen, w\u00e4hrend ihm die Paprotta genervt seine Fragen beantwortete (\u201eLiterarische Vorbilder? Also Marcel Proust find ich ganz s\u00fc\u00df! Den Brett Pitt aber auch!&#8230;Nee, ich hab nie nen Plan, ich dichte so mehr aus mir raus.\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Behandelte Angela Merkel ihre Untergebenen \u00e4hnlich? Was das der durch das Gleichheitszeichen hergestellte Zusammenhang? Der Zynismus der M\u00e4chtigen, die allgegenw\u00e4rtige Menschenverachtung als Folge von Machtmissbrauch? Wickius, inzwischen mehr wach als schlafend, sch\u00fcttelte energisch den Kopf. Ganz gewiss nicht. Dazu waren die beiden wohl doch zu verschieden, schon rein \u00e4u\u00dferlich:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/papmer.jpg\" alt=\"papmer.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Aufstehen, ans Fenster treten, dieses \u00f6ffnen, auf dass neues Leben, f\u00fcr das altes Blutzoll hatte zahlen m\u00fcssen, in die stickige Wohnung str\u00f6me, mit ihr die Ger\u00e4usche der Sinnlosigkeit allen Tuns. Ja, dachte Wickius und schaute aus dem dritten Stock auf die Stra\u00dfe, auf die K\u00f6pfe der wie Ameisen gesch\u00e4ftig Taumelnden, ja, dachte er: Das Leben ist eine Inszenierung jenes h\u00f6heren Wesens, das die einen Gott nennen, die anderen aber Angela Merkel oder wie auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte er sich verrannt? War die Liste am Ende ganz einfach zu lesen? \u00dcberhaupt: Die Episode mit der Paprotta &#8212; etwas war ihm damals aufgefallen, ein unerh\u00f6rter Gedanke hatte sich seiner bem\u00e4chtigt, nicht zu fassen, heute noch viel weniger, aber er war da, ein grinsender Dunkelmann im Hintergrund. Wenn er ihn nur zu fassen bek\u00e4me&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ganz einfach. Astrid Paprotta schreibt einen Schl\u00fcsselroman \u00fcber Angela Merkel. Norbert Horst einen \u00fcber G\u00fcnter Grass, Horst Eckert \u00fcber den D\u00fcsseldorfer Oberb\u00fcrgermeister &#8212; hatte er nicht sogar schon&#8230;. Oder ganz anders: Die KrimiautorInnen vor dem Gleichheitszeichen arbeiten als Ghostwriterinnen f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeiten nach dem Gleichheitszeichen. Bei Anobella konnte sich Wickius durchaus vorstellen, dass sie die Reden f\u00fcr Claudia Roth, die stets geschmackvoll gekleidete und tiefsinnige Vorsitzende der Gr\u00fcnen verfasste. Wahrscheinlich gab sie ihr sogar Schminktipps.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/bellaroth.jpg\" alt=\"bellaroth.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wickius ging in die K\u00fcche und bereitete sich Fr\u00fchst\u00fcck. Wickius sa\u00df am K\u00fcchentisch und nippte vom Kaffee. Wickius biss ins Marmeladenbrot und wischte sich einen Kr\u00fcmel aus dem Bart. Wickius betrachtete den Kr\u00fcmel auf dem Tisch und erkannte in ihm eine Allegorie, eine Metapher sowie ein poetisches Bild. Wickius dachte: Dieser Kr\u00fcmel bin ich, aus dem Bart des Sch\u00f6pfers gewischt. Wickius f\u00fchlte sich ganz klein. Wickius f\u00fchlte sich ohnm\u00e4chtig. Wickius stand pl\u00f6tzlich auf, \u00f6ffnete das K\u00fcchenfenster, betrachtete den Hinterhof, der vorsichtsm\u00e4\u00dfig macadamisiert war (war\u2019n Schwager Coopers nebenbei, bitte googeln). Wickius f\u00fchlte sich wie ein St\u00fcck Moor im Asphalt. Wickius dachte: Ich versinke in mir selbst, denn ich bin das Moor und um mich herum die verh\u00e4rtete Fahrbahn der menschlichen Triebwerke. Wickius legte sich wieder ins Bett und las einen Krimi, in dem es darum ging, dass einer der Ghostwriter eines anderen wird, dieser andere stirbt und dann der Ghostwriter in die Rolle dieses anderen schl\u00fcpft. Wickius wusste, dass kein Schwein Titel und Verfasser des Buches herausbekommen w\u00fcrde. Wickius war deprimiert, Wickius legte das Buch zur Seite und versuchte zu schlafen, Wickius konnte nicht schlafen, Wickius h\u00f6rte, wie die Wohnungst\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde, Wickius sah, wie Anna Beller ins Zimmer schl\u00fcpfte, Wickius wusste, dass Anna Beller nackt war, Wickius sp\u00fcrte, wie sich Anna Beller neben ihn legte, Wickius fragte nur: \u201eWer diesmal?\u201c, Anna Beller antwortete nur: \u201eHercule Poirot, diese schleimige belgische Hormonpraline\u201c, Wickius wusste, dass die Beller unter dieser f\u00fcrchterlichen Krankheit litt, deren Erkl\u00e4rung dem aufmerksamen Leser, der aufmerksamen Leserin dieses Fortsetzungskrimis nicht mehr zugemutet werden kann, Wickius drehte sich um und schlief sofort ein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Und erwachte mit einem Mal, ein Bild hatte sich in seinen Schlaf hineingestohlen, das Bild jener unseligen Begegnung mit der Frau P. und ihrem lemurischen Schatten, der grauen Bettina &#8212; konnte das sein, was jetzt so vage in ihm vor sich hin dachte, eine furchtbare Hypothese, doch nacheinander tauchten noch mehr Bilder von Begegnungen mit Kriminalschaffenden in den Turbulenzen des Wickiusschen Alptraums auf &#8212; das war doch &#8212; und \u00fcber allem stand das liebliche Antlitz der Barbra Reinhardt, neuinstallierte Gerichtsmedizinerin, dieses Madonnenbild, das Wickius gefesselt hatte, warum? Das hatte er nicht gewusst, die ganze Zeit wohl verdr\u00e4ngt, doch jetzt stand es ihm klar vor Augen, und er \u00f6ffnete diese seine Augen, richtete sich kerzengerade im Bett auf, la Beller n\u00f6hlte \u201eNa, endlich wach geworden?\u201c im Halbschlaf \u2013 nein, nein, nein! Wenn das wahr w\u00e4re&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Ein ber\u00fcchtigter Krimiblogger tot; eine merkw\u00fcrdige Liste bei ihm gefunden; sieben Syndikatsmitglieder nach einer Lesung entf\u00fchrt; die Beller noch mal ins B\u00fcro gefahren; Wickius allein zuhaus.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17743"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17743\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}