{"id":17761,"date":"2007-06-27T07:39:27","date_gmt":"2007-06-27T07:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/robert-littell-zufallscode\/"},"modified":"2022-06-15T14:13:21","modified_gmt":"2022-06-15T12:13:21","slug":"robert-littell-zufallscode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/robert-littell-zufallscode\/","title":{"rendered":"Robert Littell: Zufallscode"},"content":{"rendered":"\n<p>Ach, h\u00e4tte ich doch nur Zeit und Gelegenheit! Unauff\u00e4llig in einer Buchhandlung platzieren, dort, wo sie auf dem Novit\u00e4tentisch Robert Littells \u201eZufallscode\u201c hingelegt haben (kleines Schildchen: \u201eGewinner des Deutschen Krimipreises 2007!\u201c). Na, was hei\u00dft hier Novit\u00e4t. Der Roman ist 1993 erschienen, hie\u00df auf Deutsch \u201eDer Gastprofessor\u201c, weil \u201eThe Visiting Professor\u201c nun einmal so zu \u00fcbersetzen ist, jetzt also bei Knaur \u201eZufallscode\u201c, auch okay. Und ganz klein unten drunter: Thriller.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich stehe also dort und warte, bis der typische Thrillerfresser erscheint und sich das B\u00fcchlein greift. Interessiert wendet und r\u00fcckseitig liest: <em>\u201e&#8230;Pl\u00f6tzlich tauchen Geheimagenten auf, und ein Serienkiller scheint willk\u00fcrliche Morde zu begehen&#8230;\u201c <\/em>Und schwupp: gekauft!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcsste man M\u00e4uschen spielen k\u00f6nnen. Zugucken, wie der stolze Erwerber mit der Lekt\u00fcre beginnt. Sich die Stirn allm\u00e4hlich irritiert faltet. Die Mundwinkel sich biegen vor Entt\u00e4uschung. Zuerst formen die Lippen stumm ein garstig Wort: \u201eBe-schiss!\u201c Dann zischts durch die Z\u00e4hne. Und endlich fliegt das Buch in hohem Bogen gegen die n\u00e4chste Wand. Betrug! M\u00fcsste man anzeigen! &#8212; Oder doch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZufallscode\u201c, man ahnt es jetzt, ist weder Serienkiller- noch Spionagethriller, obwohl schon heftig seriengemordet und spionagiert wird. Ganz nach Gusto lese man die Geschichte des russischen Zufallsforschers Lemuel Falk, den ein Gastsemester an eine amerikanische Provinzuni verschl\u00e4gt, als ergreifende Liebesgeschichte, philosophisch-religi\u00f6sen Traktat mit erfrischender N\u00e4he zum seri\u00f6sen Klamauk oder, das wird man automatisch tun, als Kompendium allerfeinsten zitierf\u00e4higen Sprachwitzes. Literaturbeflissene, die schon den Vornamen des Protagonisten mit dem des unsterblichen Lemuel Gulliver assoziiert haben, seien zudem an Vladimir Nabokovs wunderbaren \u201eProfessor Pnin\u201c verwiesen. Denn wie der gro\u00dfe Russe sich stets in seine verlorene Kindheit zur\u00fcckgeschrieben hat, so ist auch Falk, der den reinen Zufall sucht, doch nur einer, der eine bestimmte Sekunde seiner fr\u00fchen Jugend manipulieren m\u00f6chte. Auch das ein ergreifender Moment, einer unter vielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein: Thriller. Wir wollen vielleicht ja gar nicht wissen, dass Falk auf der Suche nach dem reinen Zufall ist (der, nebenbei, nichts mit Chaos zu tun hat, dem ja immer ein Kern Ordnung innewohnt), dass dieser Zufall vielleicht der Beweis f\u00fcr die Nichtexistenz Gottes w\u00e4re oder \u2013 der Beweis, Gott selbst sei der Zufall. Dies zu beleuchten \u00fcberlassen wir Falk und seinem Wohnungsgenossen, dem sehr schr\u00e4gen Rabbi Nachman, der Gott liebt, aber irgendwie nicht mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst die wirklich sehr sch\u00f6n und nicht weniger schr\u00e4g erz\u00e4hlte Liebesgeschichte von Falk und der jungen Rain, die ihr Studium \u201esumma cum lausig\u201c absolviert, daf\u00fcr aber Spitze im Haareschneiden und Oralsex ist, auch diese Geschichte vermag uns Krimivolk nur am Rande zu erg\u00f6tzen. Wir wollen, noch einmal: Serienmord! Spionage!<\/p>\n\n\n\n<p>Also sch\u00f6n. Ja. In \u201eZufallscode\u201c geht es um einen Serienm\u00f6rder, der \u201ewahllos\u201c t\u00f6tet und damit nat\u00fcrlich das berufliche Interesse des Zufallsforschers Falk erregt. Dieser wird mit Hilfe der Dezimalzahlenstrukur von Pi beweisen, dass hier ganz und gar nicht zuf\u00e4llig gemeuchelt wird. Er wird den T\u00e4ter \u00fcberf\u00fchren, es gibt einen von Littell geradezu rotzfrech ironisch inszenierten Showdown, mit dem das Ph\u00e4nomen des \u201eSerienkillers\u201c in der modernen Kriminalliteratur ein f\u00fcr alle Mal als abgefr\u00fchst\u00fcckt zu gelten hat, und doch: Vergessen Sie alles, was Sie von einem Serienkillerthriller erwarten, Sie werden es hier nicht finden, seien Sie also froh.<\/p>\n\n\n\n<p>Spionage. Aber en masse! Falk hat fr\u00fcher in Russland Codiersysteme entwickelt und jetzt, nachdem Russland im Chaos versunken ist (aber nicht zuf\u00e4llig!), interessieren sich alle daf\u00fcr und wollen Falk anwerben: die Israelis, die Syrer, die Mafia, die Amerikaner. Bei letzteren heuert Falk schlie\u00dflich notgedrungen an \u2013 und wird wenige Wochen sp\u00e4ter wieder rausgeworfen. Warum? Das lesen Sie jetzt aber selbst. Es ist nichts weniger als der lapidare Abgesang auf den Spionageroman klassischen Zuschnitts, ganz kurz und b\u00fcndig und logisch begr\u00fcndet, und alles nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht thrillerhaft, versteht sich. Sp\u00e4testens jetzt nehmen Sie sich vor, endlich auch &#8222;Die kalte Legende&#8220; zu lesen, falls noch nicht getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ist Falk&#8230;nein, das lesen Sie nat\u00fcrlich auch selber, Sie Thrillersuchtling. Sie werden so entt\u00e4uscht werden, dass Ihnen das Herz aufgeht, wenn vorhanden. Sie werden Littell zu F\u00fc\u00dfen liegen, Sie werden ergriffen sein, am\u00fcsiert und \u2013 ja, tats\u00e4chlich, ein denkender Leser, eine denkende Leserin, man wird Sie nur schwer aus diesem Buch vertreiben k\u00f6nnen, l\u00e4ngst haben Sie sich dort wohnlich eingerichtet. Das ist der Thrill. Deshalb lesen wir doch. Oder?<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Littell: Zufallscode. <br \/>Knaur 2007 <br \/>(Original: \u201eThe Visiting Professor\u201c, 1993, \u00fcbersetzt von Rudolf Hermstein). <br \/>361 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, h\u00e4tte ich doch nur Zeit und Gelegenheit! Unauff\u00e4llig in einer Buchhandlung platzieren, dort, wo sie auf dem Novit\u00e4tentisch Robert Littells \u201eZufallscode\u201c hingelegt haben (kleines Schildchen: \u201eGewinner des Deutschen Krimipreises 2007!\u201c). Na, was hei\u00dft hier Novit\u00e4t. 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