{"id":17763,"date":"2007-06-28T07:45:34","date_gmt":"2007-06-28T07:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/horst-eckert-koenigsallee\/"},"modified":"2024-04-06T05:01:21","modified_gmt":"2024-04-06T03:01:21","slug":"horst-eckert-koenigsallee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/horst-eckert-koenigsallee\/","title":{"rendered":"Horst Eckert: K\u00f6nigsallee"},"content":{"rendered":"\n<p>So wird es kommen: Die einen spekulieren, ob Horst Eckerts \u201eK\u00f6nigsallee\u201c eine Reaktion auf das absonderliche Benehmen des D\u00fcsseldorfer Oberb\u00fcrgermeisters sei, der den Autor nicht in st\u00e4dtischen Geb\u00e4uden hat lesen lassen. Die anderen diskutieren \u00fcber die im Text ausgebreitete Korruption und ihre Entsprechung im wirklichen Leben. Und eine dritte Gruppe mokiert sich \u00fcber das desolate Bild der Polizei, wie es der Roman zeichnet. Alles in Ordnung, sch\u00f6n &amp; gut.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man kann \u201eK\u00f6nigsallee\u201c so lesen, unter einem Leitmotiv gewisserma\u00dfen, man kann das Buch auch als \u201ePolizeiroman\u201c goutieren, das ist solider Eckert-Stoff, das kann er halt, da geht es ab, da wird nicht gro\u00df herumphilosophiert, da wird gezeigt, wo der Hammer h\u00e4ngt. Auch in Ordnung. Interessanter jedoch die Erz\u00e4hlstruktur und was sie letztenendes vollbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eK\u00f6nigsallee\u201c ist ein Kriminalroman von enormer Handlungsdichte, der Plot eine vielk\u00f6pfige Hydra. Sch\u00f6n; das allein ist keine Garantie f\u00fcr G\u00fcte. Nichts f\u00e4llt in diesem Genre leichter als die Generierung von Handlungsschwangerschaften, deren Fr\u00fcchte die Welt mit allerlei belanglosen Aktivit\u00e4ten \u00fcberziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4u\u00dfere Gestalt des Romans manifestiert sich in drei ineinandergreifenden Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen. Der Oberb\u00fcrgermeister von D\u00fcsseldorf kooperiert, um ein Prestigebauprojekt zu realisieren, mit der transnistrischen Mafia. Ein Gem\u00e4lde von Max Beckmann, vor Jahren gestohlen, taucht nach einer dubiosen Transaktion wieder auf. Ein Kleindealer und Polizeiinformant wird erschossen. Innerhalb dieser Geschichten wuchern weitere Geschichten. Die von Simone, der pers\u00f6nlichen Referentin des B\u00fcrgermeisters etwa, ehemalige Edelprostituierte, jetzt ehrgeizig, bereit, \u00fcber Leichen zu gehen. Oder die von Lena, die eigentlich Henrike hei\u00dft und die Tochter des \u201eRichter Gnadenlos\u201c getauften Juristen Andermatt ist, der als Kandidat f\u00fcr einen Ministerposten gehandelt wird. Oder die Freundin des get\u00f6teten Kleindealers, eine zun\u00e4chst nebens\u00e4chliche Geschichte, die zum Ende hin gr\u00f6\u00dfere Bedeutung gewinnt. Ganz zu schweigen von den Ermittlern. Gleich vier haben in diesem Roman ihre eigenen, sehr verqueren Geschichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00e4ngen alle, wie erw\u00e4hnt, zusammen, aber nicht im Sinne eines Konstrukts, das uns schlie\u00dflich wie ein sauber entwickeltes Kn\u00e4uel als der Ariadnefaden pr\u00e4sentiert wird, mit dessen Hilfe dem Labyrinth der Wirklichkeit zu entkommen w\u00e4re. Kaum etwas ist so, wie es zu sein scheint, die einzelnen Str\u00e4nge f\u00fcgen sich nicht unseren Erwartungen, von Gerechtigkeit kann die Rede nicht sein, von \u201eAbgeschlossenheit\u201c noch weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bei jedem dieser Handlungsf\u00e4den auff\u00e4llt, ist die Leichtigkeit, ja, Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der T\u00e4ter und Opfern und Opfer zu T\u00e4tern werden. Das hat nichts mit der alten Masche zu tun, T\u00e4ter \u201emenschlich\u201c darzustellen. Sondern ist in seiner Summe der Kitt, der diese Welt zusammenh\u00e4lt. Eine morsche, eine instabile Welt, die aber am Ende eben doch in ihrem allt\u00e4glichen Zynismus funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einwand, einige der Personen in \u201eK\u00f6nigsallee\u201c seien ein wenig holzschnittartig geraten (der Oberb\u00fcrgermeister vor allem), geht ins Leere. Der Roman funktioniert wie eine Abstraktion, das Personal wird, je \u201etiefer\u201c man auf der sozialen Leiter nach unten steigt, umso fassbarer, nach oben hin ist es die Karikatur der blanken Macht. Auch das entspricht der Wirklichkeit, deren Schaltzentralen anonym bleiben, austauschbar. Man muss es \u00fcberhaupt sagen: Eckert ist hier ein St\u00fcckchen \u201enoir\u201c gelungen, das weit \u00fcber den Anforderungskatalog herk\u00f6mmlicher Polizeikrimis hinausreicht. Ein Gesellschaftsroman im besten Sinne, ohne Illusionen, ohne Besch\u00f6nigungen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Horst Eckert: K\u00f6nigsallee. <br \/>Grafit 2007. 411 Seiten. 18,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So wird es kommen: Die einen spekulieren, ob Horst Eckerts \u201eK\u00f6nigsallee\u201c eine Reaktion auf das absonderliche Benehmen des D\u00fcsseldorfer Oberb\u00fcrgermeisters sei, der den Autor nicht in st\u00e4dtischen Geb\u00e4uden hat lesen lassen. Die anderen diskutieren \u00fcber die im Text ausgebreitete Korruption und ihre Entsprechung im wirklichen Leben. 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