{"id":17764,"date":"2007-06-27T17:41:36","date_gmt":"2007-06-27T17:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/van-gogh-bekommt-sein-ohr-zurueck\/"},"modified":"2022-06-07T00:25:27","modified_gmt":"2022-06-06T22:25:27","slug":"van-gogh-bekommt-sein-ohr-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/06\/van-gogh-bekommt-sein-ohr-zurueck\/","title":{"rendered":"Van Gogh bekommt sein Ohr zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ganz frisch aus der Feder. nach einem Zahnarztbesuch. Ein Romananfang. Zum Lesen, zum Begutachten, zur Kritik, zum Abschuss freigegeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Endlich hat sich der K\u00fcnstler selbst in den Halbkreis begeben, einen Halbkreis, den etwa zwanzig M\u00e4nner und Frauen bilden, M\u00e4nner und Frauen jeden Alters, alle mit ein Sektglas in der Hand, der K\u00fcnstler steht vor dem Bild, das auch auf der Einladung zur Vernisage abgedruckt ist, Van Goghs Selbstbildnis, das mit dem Verband, aber Van Gogh l\u00e4chelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle l\u00e4cheln auf den neuen Bildern des K\u00fcnstlers. Sogar der Mann (oder ist es eine Frau?), der bei Edvard Munch einen Schrei ausst\u00f6\u00dft, hier l\u00e4chelt, nein, lacht er. Die Mona Lisa ist nicht dabei; die l\u00e4chelt ja schon auf dem Original. Und auf die Idee, die Mona Lisa eben traurig sein zu lassen, ist der K\u00fcnstler nicht gekommen, die Serie hei\u00dft schlie\u00dflich \u201eSie l\u00e4cheln alle. Portr\u00e4ts der klassischen Malerei, optimistisch gesehen\u201c, das klingt etwas akademisch, hat der Galerist zuerst kritisiert, aber jetzt schwenkt sein Blick \u00fcber die s\u00fcdliche L\u00e4ngsseite des Raumes, sieben gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde und an dreien klebt schon der rote Punkt. Der rote Punkt bedeutet: verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00fcnstler im Halbkreis h\u00e4lt ebenfalls ein Sektglas in der Rechten, es ist aber Orangensaft darin. Er wartet, bis das Tuscheln der Menschen, die den Halbkreis bilden, aufgeh\u00f6rt hat. Er r\u00e4uspert sich, er l\u00e4chelt immer noch, aber sobald er den Mund \u00f6ffnet, wirkt er sehr ernst. Er begr\u00fc\u00dft die G\u00e4ste mit tiefer Stimme, drei oder vier Honoratioren zuerst, dann dankt er dem Galeristen und seiner Vorrednerin, der jungen Doktorin der Kunstgeschichte, die das rednerische Entree gemacht hat, eine etwas lange, etwas zu gelehrte Einf\u00fchrung in die Idee des K\u00fcnstlers, alle Klassiker lachen zu lassen, sogar den Schreienden (oder die Schreiende) von Munch, das sei quasi ein Tabubruch, ein bewusstes Abgleiten in die Trivialit\u00e4t, und dann ist sie dort, wo sie hinwollte, bei der Trivialit\u00e4t eben, bei der Fallh\u00f6he von Kunst im Allgemeinen und den Klassikern der Malerei im Besonderen. Etwas l\u00e4nglich, wie erw\u00e4hnt.<br \/>Nachdem der K\u00fcnstler die G\u00e4ste begr\u00fc\u00dft hat, macht er eine kleine Pause und sagt dann: \u201eVan Gogh. Van Gogh hat sich, in einer Lebenskrise, ein Ohr abgeschnitten. Da gibt es eigentlich nichts zu lachen. Aber bei mir lacht Van Gogh. Warum?\u201c Eine der Frauen am Rande des Halbkreises lacht jetzt auch. Sehr dezent, kurz, aber sie lacht, und der K\u00fcnstler nickt ihr aufmunternd zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00fcnstler will nun fortfahren, Van Gogh lache, weil man den Schmerz, den existentiellen Schmerz, der ja nicht wehtut, nein, alles um einen herum tut weh, man bade geradezu im Schmerz der anderen, Van Gogh also lache \u2013 weil er dies erkannt habe. Den Schmerz der anderen, den er als K\u00fcnstler wahrnimmt und weglacht, ein Ohr hat er daf\u00fcr geopfert. So will der K\u00fcnstler fortfahren, aber er kommt nicht mehr dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Licht wird langsam heruntergedimmt. Zun\u00e4chst f\u00e4llt das gar nicht auf, auch nicht dem Galeristen, dem es eigentlich auffallen m\u00fcsste, denn nur er ist befugt, die Lichtverh\u00e4ltnisse der jeweiligen Stimmung anzupassen. Es ist jetzt halbdunkel, was zum Halbkreis passt. Ein Ger\u00e4usch, das auf die Menschen zukommt, Schritte auf dem Steinfu\u00dfboden, und die Leute drehen sich um. Vier oder f\u00fcnf beginnen zu kichern, zwei klatschen in die H\u00e4nde, aber auch nur dezent. Der Engel kommt n\u00e4her, er will durch die Menschen, die den Halbkreis bilden, und die Menschen machen ihm eine schmale Gasse, eine Frau bleibt bewegungslos stehen, wird aber von ihrem Nebenmann leicht am Ellenbogen ber\u00fchrt, dann tritt auch sie einen Schritt zur\u00fcck f\u00fcr den Engel.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Engel hat ein langes wei\u00dfes Gewand an und Fl\u00fcgel auf dem R\u00fccken. Langes blondes Haar, ein ebenm\u00e4\u00dfiges, vielleicht noch nicht einmal vollj\u00e4hriges Gesicht. Mittelgro\u00df, wird man sich sp\u00e4ter erinnern, mittelgro\u00df und barfu\u00df, englisch halt, aber: Um die Taille des Engels liegt eng ein breiter schwarzer G\u00fcrtel, in diesem G\u00fcrtel steckt ein Hammer, ein gew\u00f6hnlicher Hammer zum Heimwerken. Und in der Rechten h\u00e4lt der Engel ein langes Messer.<br \/>Der K\u00fcnstler ist erstarrt. Er wei\u00df nichts von einer Performance, aber ihm kanns egal sein, das macht der Galerist, nur sagen h\u00e4tte er es ihm k\u00f6nnen, aber der Galerist wei\u00df auch nichts von einer Performance, was aber der K\u00fcnstler nicht ahnt, der nun l\u00e4chelt, als der Engel ganz nah zu ihm tritt, die linke Hand zu seinem Ohr f\u00fchrt, leicht an ihm zieht, es festh\u00e4lt, die Rechte hebt, die Rechte mit dem Messer, und dann geht alles sehr schnell, niemand wird sich an Details erinnern k\u00f6nnen, sp\u00e4ter, auch nicht an die Ger\u00e4usche, die es doch gegeben haben muss, als die Klinge das Ohr vom Kopf trennt, wohl aber an die Ger\u00e4usche, die es nat\u00fcrlich gibt, als der Engel \u2013 er hat den Hammer aus dem G\u00fcrtel gezogen \u2013 das abgeschnittene Ohr auf die Leinwand des lachenden Van Gogh dr\u00fcckt, dorthin, wo Van Goghs Ohr war, dann das Ohr mit dem Messer an der Stelle fixiert, den Hammer hebt und nach vier Schl\u00e4gen wieder sinken l\u00e4sst, auch der andere Arm h\u00e4ngt jetzt schlaff herunter, das Ohr aber, vom Messer durchbohrt, ist wieder bei Van Gogh, die Proportionen stimmen nicht ganz, das Perspektivische l\u00e4sst zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00fcnstler liegt auf dem Boden, er blutet und schreit. Auch andere beginnen zu schreien. Geh\u00f6rt das zur Performance? Ja, nicht? Technisch sehr clever gemacht, ausgekl\u00fcgelt, elaboriert, wie man so sagt, das Ohr ist etwas aus Plastik oder Wachs oder was auch immer, der K\u00fcnstler hat ein paar Kubikzentimeter Blut hinter seinem Ohr versteckt gehabt \u2013 im Theater machen sie das auch, man \u00fcberzieht das mit fleischfarbener H\u00fclle -, jetzt sieht es so aus, als blute er wie ein Schwein, und er schreit dazu. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich absto\u00dfend. Widerw\u00e4rtig. Blitzlichter, die \u00f6rtliche Presse, die sich freut wie gew\u00f6hnlich nur \u00fcber den Sekt und die Schnittchen. Geschickt h\u00e4lt der K\u00fcnstler sein rechtes Ohr zu, er dr\u00fcckt seine Hand dagegen, zwischen den Fingern sickert noch immer Blut durch. Erst als ihn das Schreien, das sich auf dem Boden W\u00e4lzen ersch\u00f6pft hat, nimmt er die Hand vom Ohr, und das Ohr ist nicht mehr da. Jetzt merken die Menschen, die den Halbkreis gebildet haben, der schon lange kein Halbkreis mehr ist, dass dieses Ohr an der Leinwand h\u00e4ngt, befestigt mit einem Messer, einer blutbeschmierten Klinge, und auch das, was \u00fcber die Leinwand abw\u00e4rts m\u00e4andert, muss Blut sein, so rot wie es ist, so tr\u00e4ge und schlierig wie es flie\u00dft. Eine Frau f\u00e4llt in Ohnmacht, irgendjemand ruft den Notarzt. Der Mann, der vorhin die Frau, die keine Gasse bilden wollte, dazu gebracht hat, einen Schritt zur\u00fcck zu treten, geht auf den Engel zu, nimmt ihm den Hammer aus der Rechten, schiebt den Engel ein wenig vom Tatort, unschl\u00fcssig aber, wohin eigentlich. Er wei\u00df nur, dass er noch \u00c4rger bekommen wird, gro\u00dfen \u00c4rger.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz frisch aus der Feder. nach einem Zahnarztbesuch. Ein Romananfang. 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