{"id":17772,"date":"2007-07-04T08:01:03","date_gmt":"2007-07-04T08:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-1\/"},"modified":"2022-06-10T23:35:07","modified_gmt":"2022-06-10T21:35:07","slug":"crime-school-spannungsstudien-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-1\/","title":{"rendered":"Crime School &#8211; Spannungsstudien 1"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Spannung! Na gut, JEDE Literatur sollte auf ihre Art spannend sein, aber bei Krimis liegen die Nerven, die da gereizt werden sollen, v\u00f6llig blank vor einem, da hilft keine Begriffsdehnung ins vage Intellektuelle, Spannung in Krimis ist etwas sehr Unmittelbares, K\u00f6rperliches, eine dr\u00e4ngende Forderung, nicht selten die einzige, die Leser von \u2013 genau: SPANNUNGSliteratur an ihre Lekt\u00fcre stellen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>WAS sie aber nun ist, diese Spannung, liegt weniger offen vor uns. Nervenkitzel? Erkenntnisdurst? Kreisen wir das Thema zun\u00e4chst ein, um es in den n\u00e4chsten Wochen schulm\u00e4\u00dfig zu durchleuchten. Und tun wir das mit einem Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Man stelle sich vor, auf einer Lichtung im Wald zu verweilen. Weiches Moos, die Sonne scheint durchs Ge\u00e4st, Mutti hat die Decke ausgebreitet, die Picknickk\u00f6stlichkeiten werden aus der Tiefk\u00fchlbox geholt, muntere Kindlein umspringen das Idyll, zu dem wir auch Freunde und Verwandte eingeladen haben. Das ist unsere Welt. Irgendwie \u00fcberschaubar, vorhersehbar, h\u00fcbsch und ordentlich, meistens jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann pl\u00f6tzlich wird es dunkel. Nicht sofort, eher gemach, aber bald ist diese Dunkelheit eine vollst\u00e4ndige, Mutti, die Kinder, die Freunde, die Verwandten, alle sind sie nicht mehr da \u2013 oder sind es doch, aber man sieht sie nicht mehr, h\u00f6rt sie nicht mehr, Eulen n\u00f6len, F\u00fcchse bellen \u2013 gar ein Wolf im Dickicht? Ein b\u00f6ser Mann? Wir f\u00fcrchten uns jedenfalls ein bisschen, das ist nicht unsere Welt, das ist \u2013 das Lesen von Kriminalromanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Nerven sind also gespannt, es braucht nicht viel, sie zum Vibrieren zu bringen, ein wenig mehr nur, sie zerrei\u00dfen zu lassen. Das Gute: Wir k\u00f6nnen jederzeit aus dieser Welt entfliehen, wir m\u00fcssen nur das Buch aus der Hand legen und schon scheint wieder die Sonne, schenkt uns Mami den Becher voll, beschmieren sich die G\u00f6ren mit NUTELLA, l\u00e4sst Onkel Heinz einen h\u00e4mischen Furz.<\/p>\n\n\n\n<p>Krimilesen ist also Spannung mit Sicherheitsnetz. W\u00e4hrend wir lesen, geschieht es: Wir vergessen unsere vertraute Welt, wir verm\u00f6gen der anderen, dunklen nicht mehr zu entkommen, wir sind ein Teil von ihr, wir f\u00fchlen mit\u2013 zumeist mit dem Protagonisten und den \u201eOpfern\u201c, seltener mit den B\u00f6sewichten \u2013 wir leiden mit, jeder Schlag, mit dem unserem Helden ein zweiter Scheitel gezogen wird, ist ein Schlag auf unser Haupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was tun wir aber in dieser dunklen Welt? Wir warten auf die Morgend\u00e4mmerung, darauf, dass wieder Licht wird. Noch sehen wir nichts, Schemen vielleicht, die das Szenario durchschleichen, Personen, von denen wir nicht wissen, ob sie B\u00f6ses wollen oder Gutes oder einfach nur Wanderer sind, die gru\u00dflos an uns vorbeilaufen. Wir haben also ein Wissensdefizit und gleichzeitig einen Erkenntnisdrang. Wir m\u00f6chten am liebsten nicht bis zur vollst\u00e4ndigen Morgend\u00e4mmerung warten, um alles zu erkennen, andererseits wollen wir unsere Wissbegierde aber auch nicht zu fr\u00fch befriedigen, weil sonst die Spannung verloren geht. Die inszenierende Instanz \u2013 Autorin, Autor \u2013 soll uns ein wenig an der Nase herumf\u00fchren, pl\u00f6tzlich wilde Gesellen auftauchen lassen, die sich bei n\u00e4herer Betrachtung als harmlose Bubis entpuppen, auch andersrum wird ein dramatischer Schuh draus, wenn das, was da im Unterholz rumort, nicht das angek\u00fcndigte Rehlein ist, sondern der hungrige Wolf. Nein, f\u00fchr uns nur an der Nase herum, aber \u00fcbertreibs nicht. Am Ende soll alles logisch nachvollziehbar sein, sonst sind wir sauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, am Ende. Am Ende erstrahlt die Lichtung wieder in dem, was ihr den Namen gegeben hat, allm\u00e4hlich erkennen wir Mami, die Kinder, die Freunde wieder, das heitere Picknick kann weitergehen, wir haben unser Spannungsbad genossen, jetzt genie\u00dfen wir wieder unseren mehr oder weniger heiteren Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausblenden des Bildes. Was bleibt, ist die Einsicht, dass \u201eSpannung\u201c in verschiedenen Gestalten aus Kriminalromanen zu generieren ist. Zun\u00e4chst einmal als eine AUTOMATISCHE ERWARTUNGSHALTUNG. Sobald wir einen Krimi zu lesen beginnen, ahnen wir die Existenz einer anderen, bedrohlicheren Welt, die nicht die unsere ist. Und wir verlangen von dieser Welt ganz bestimmte Verhaltensweisen, die sie uns gef\u00e4lligst zu bieten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen sie aber qua MITLEBEN und MITLEIDEN zu der unsrigen, wobei die Rei\u00dfleine des Fallschirms, der uns sofort wieder zur\u00fcck in die \u201eNormalit\u00e4t\u201c bef\u00f6rdert, stets in Griffweite bleibt. Was uns bei der Stange h\u00e4lt, ist das WISSENSDEFIZIT, mit dem die Kriminalgeschichte zumeist beginnt, ist die Versicherung der WISSENSMEHRUNG, mit der sie uns ermittelnd durch die Handlung f\u00fchrt und die Garantie, uns als WISSENDE zu entlassen. Bestenfalls d\u00fcrfen wir sogar mitr\u00e4tseln und uns am Ende freuen oder \u00e4rgern, weil wir wenigstens so schlau waren wie die inszenierende Instanz \u2013 oder eben nicht. Seltsam daran ist aber, und deshalb sei es erw\u00e4hnt, dass wir doch eigentlich lieber nicht ganz so schlau sind, jedenfalls nicht zu fr\u00fch, weil darunter die Spannung leidet. Von Kriminalromanen haben also die Dummen am meisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser neckischen Erkenntnis entlassen wir die Leserschaft f\u00fcr heute. In der n\u00e4chsten Folge wollen wir uns der Erwartungshaltung widmen, sie historisch fundieren und theoretisch ein wenig ausloten. Wer zum Thema Spannung etwas zu vermelden hat, der tue es bitte zwang- und formlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spannung! 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