{"id":17773,"date":"2007-07-05T07:44:24","date_gmt":"2007-07-05T07:44:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/ronnith-neuman-tod-auf-korfu\/"},"modified":"2022-06-13T15:48:55","modified_gmt":"2022-06-13T13:48:55","slug":"ronnith-neuman-tod-auf-korfu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/ronnith-neuman-tod-auf-korfu\/","title":{"rendered":"Ronnith Neuman: Tod auf Korfu"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Lekt\u00fcre f\u00fcr den n\u00e4chsten Korfu-Urlaub d\u00fcrfte Ronnith Neumans \u201eTod auf Korfa\u201c allzu sonnige Gem\u00fcter schnell ungem\u00fctlich beschatten. Historische Dunkelheit, denn was in diesem Kriminalroman beschrieben wird, ist Teil jener deutschen Geschichte, an die erinnert zu werden nicht zum all-inclusive der Reiseweltmeister z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alles beginnt mit der Leiche eines Mediziners, die in einer schwer zug\u00e4nglichen Bucht an Land geschwemmt wird. Sie weist Folgen \u00fcbelster Folterungen auf, das Wasser in der Lunge ist zudem S\u00fc\u00dfwasser, Hauptkommissar Alexandros Kasantzakis folgert richtig: Mord. Zusammen mit seinem Team, zu dem auch die Fotografin Kristina Tzavrou geh\u00f6rt, macht sich Kasantzakis an die Ermittlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald geschieht ein zweiter, \u00e4hnlicher Mord, es wird auch nicht der letzte gewesen sein. Der Kommissar und seine Fotografin erkennen irgendwann, es hier nicht mit einem xbeliebigen \u201eSerienkiller\u201c zu tun zu haben. Die Spur f\u00fchrt in die Vergangenheit, die Zeit, als Korfu von der deutschen Wehrmacht besetzt war, als ganze D\u00f6rfer im Zuge von \u201eVergeltungsma\u00dfnahmen\u201c ausgel\u00f6scht wurden und die T\u00e4ter, wie auch anderswo, meist billig davonkamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Harter Stoff, der hier \u00fcber 458 Seiten ausgebreitet wird, und das ist eine ganze Menge, aber schlie\u00dflich gibt es auch viel zu erz\u00e4hlen. Nur \u2013 was? Hier sammelt Neuman erste Minuspunkte. Gewiss ist es legitim, ja, notwendig, so etwas wie \u201eeine Atmosph\u00e4re\u201c zu schaffen, doch die Aufz\u00e4hlung s\u00e4mtlicher Allerweltsph\u00e4nomene geh\u00f6rt nicht dazu. Als Beispiel sei genannt, wie Neuman eine Zeugenvernehmung inszeniert (S. 150 f) und uns dabei einen Eindruck vom Leben der Inselbewohner geben will:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie K\u00fcche war einfach und v\u00f6llig \u00fcberladen. Ein riesiger K\u00fchlschrank, auf dem Herd ein Topf, in dem ein Kohleintopf vor sich hin k\u00f6chelte, in der Sp\u00fcle Geschirr in einer Seifenlauge. Auf einem aus der Wand ragenden Holzbord der Fernseher, um ihn herum drapiert eine Flut von Familienfotos, nur zum Teil gerahmt. Wo immer man hinsah Spitzendeckchen, Stoffblumen, Hochzeits- und Taufschleifen, Mandeln in T\u00fclls\u00e4ckchen, Nippes, vergoldete Engel, mit Seidenblumen geschm\u00fcckte Kreuze\u201c<\/em>, uswusf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber lange f\u00fcnf Seiten erstreckt sich diese Zeugenbefragung, werden viele f\u00fcr die Handlung unwichtige, f\u00fcr die \u201eAtmosph\u00e4re\u201c letztlich irrelevante Details wiedergegeben, wird etwa das Angebot der Zeugin, ihren Besuchern etwas zu trinken zu reichen zu einem \u00e4u\u00dferst nervigen Hinundher (Kaffee-Wasser-oder darfs ein Hauswein sein? Ouzo, Tee? Nein, Kaffee, nein, Wasser). Der Spannungsbogen verschwindet hinter dieser Ansammlung von Nichtigkeiten, deren Weglassung oder Straffung den Roman ohne M\u00fche unter die 400-Seiten-Marke gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Kapitel wird mit Ausz\u00fcgen aus dem Tagebuch des T\u00e4ters, der T\u00e4terin eingeleitet, beginnend 1954 und bis in die aktuelle Handlungszeit fortgeschrieben. Die Leser, die Leserinnen wissen also immer etwas mehr als die Ermittler, langsam erhellt sich die Motivlage, werden die zun\u00e4chst kryptischen Dinge konkret. Dagegen ist nat\u00fcrlich nichts einzuwenden. Doch schon bald st\u00f6\u00dft man bei den Ermittlungen selbst auf Hinweise, die zur T\u00e4terperson f\u00fchren und dem Leser, der Leserin auch sehr schnell verraten, \u201ewer\u2019s denn nun war\u201c. \u00dcberraschenderweise jedoch tappen die Ermittler im Dunkeln, verfolgen die Spuren, die ihnen die Autorin in den Text gestreut hat, nicht weiter, vielleicht aus Angst, den Roman dann gar nach 300 Seiten beschlie\u00dfen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierigkeiten macht auch die angesprochene Motivlage der Tatperson. Sie ist gewiss nachvollziehbar, obgleich sie auf die in Kriminalromanen ebenso beliebte wie realiter \u00e4u\u00dferst umstrittene \u201egespaltene Pers\u00f6nlichkeit\u201c hinausl\u00e4uft. Hier nun h\u00e4tte man gerne mehr gewusst, etwas weniger knallig serviert. Und warum die Mordserie ausgerechnet JETZT beginnt und nicht schon fr\u00fcher, warum sie nicht die T\u00e4ter, sondern ihre Nachkommen trifft \u2013 so ganz klar wird auch das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein interessantes Thema also, ein wichtiges auch, aber nur stellenweise wirklich gut umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ronnith Neuman: Tod auf Korfu. <br \/>List 2007. 458 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Lekt\u00fcre f\u00fcr den n\u00e4chsten Korfu-Urlaub d\u00fcrfte Ronnith Neumans \u201eTod auf Korfa\u201c allzu sonnige Gem\u00fcter schnell ungem\u00fctlich beschatten. 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