{"id":17774,"date":"2007-07-06T07:51:32","date_gmt":"2007-07-06T07:51:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-2\/"},"modified":"2022-06-07T01:04:52","modified_gmt":"2022-06-06T23:04:52","slug":"crime-school-spannungsstudien-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-2\/","title":{"rendered":"Crime School &#8211; Spannungsstudien 2"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Spannung: historisch. Wie war das fr\u00fcher? Spannung gestern = Spannung heute? Mit welcher Erwartung begann man einen &#8222;Krimi&#8220; zu lesen? Einige Beispiele, einige Schlussfolgerungen. Die Forschungen stehen noch am Anfang.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein ruhiger l\u00e4ndlicher Tag in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Frau Scheuermann, brave Frau eines \u00d6konomen, hat ein Laster: das Lesen. Nicht in erbauliche Schriften steckt sie ihre Nase, nein, es sind <em>\u201eLand= und Seer\u00e4uber=Romane, Criminalnovellen, verlorene und wiedergefundene Kinder, Krempel von Ehem\u00e4nnern von dem Schlage Blaubarts und dergleichen mehr\u201c<\/em>, die sie vorzieht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eSie las, wie immer, nur jene Theile der Erz\u00e4hlung mit Aufmerksamkeit und sogar wiederholt, welche sie in ihre \u00bbR\u00fchrung\u00ab versetzten. Konnte der Erz\u00e4hler ihr ein Grausen beibringen, so war sie noch dankbarer. Alle \u00fcbrigen Theile des Romans durchbl\u00e4tterte sie fl\u00fcchtig. Denn sie pflegte zu erkl\u00e4ren, da\u00df sie keine Zeit habe, sich in den B\u00fcchern zu langweilen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Frau Scheuermann also m\u00f6chte \u201eger\u00fchrt\u201c werden, das erwartet sie von einem Buch. Der Verfasser jener Schriften m\u00f6ge sie, so sagen wir heute, emotionalisieren, ihre Nerven zum Vibrieren bringen, nur das unterh\u00e4lt die Leserin, alles andere langweilt und wird ergo wie l\u00e4stiges F\u00fcllmaterial behandelt. Stellen wir uns die vibrierenden Nerven als ein Pendel vor, so schl\u00e4gt die Scheuermannsche R\u00fchrung nach beiden Seiten gleicherma\u00dfen aus. Sie ist positiv ger\u00fchrt, wenn der Liebeskitsch aus den Seiten trieft, es \u201egraut\u201c sie, wenn gemordet, gebrandschatzt, gesch\u00e4ndet, ehegebrochen wird. Mit ihrem Leben hat das nat\u00fcrlich nichts zu tun. Wohl ist Frau Scheuermann ein Kind des \u201eaufgekl\u00e4rten 19. Jahrhunderts\u201c, h\u00e4lt den Papst f\u00fcr einen Tyrannen, ja, sie besch\u00e4ftigt sich \u201enicht selten der Gedanke an die Abstammung des Menschen von dem Affengeschlechte ganz lebhaft\u201c, aber so schlimm ist das auch wieder nicht, denn \u201edoch hing sie mit einer gro\u00dfen Ehrfurcht an dem Lieblingsbuch ihrer Jugend, der biblischen Geschichte, und pflegte sich ihren Kindern als Muster einer flei\u00dfigen Sch\u00fclerin vorzustellen, indem sie den ganzen Sch\u00f6pfungsbericht noch jetzt auswendig wisse.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was Benno Bronner in seiner Criminal=Novelle \u2192<a href=\"http:\/\/alte-krimis.de\/autoren_bronner.htm\">\u201eHerr von Syllabus\u201c<\/a> (1873) hier \u00fcber Frau Scheuermann als Konsumentin von \u201eKrimis\u201c und anderem Schund notiert, kann bis heute als Blaupause f\u00fcr jene Genreleser gelten, die zur \u201eSpannungsliteratur\u201c nur greifen, um \u201eger\u00fchrt\u201c zu werden. Alles andere ist ihnen herzlich egal. Das Ding mag furchtbar schlecht geschrieben, miserabel geplottet, \u00fcbel zusammengeleimt sein \u2013 Hauptsache, die Sprache transportiert den erwarteten \u201ethrill\u201c und happyendet, auf dass die vibrierenden Nerven sich beruhigen m\u00f6gen, das emotionale Pendel zum Stillstand kommt und unsere Leserin in jene Normalit\u00e4t zur\u00fcckfindet, die sie nur zum Zwecke eines kurzen Ausflugs verlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat Frau Scheuermann in sp\u00e4teren Jahren auch Wilhelm Raabes \u201eStopfkuchen\u201c verschlungen, verspricht doch der Untertitel \u201eeine See- und Mordgeschichte\u201c, die bevorzugte Kost also. Hier allerdings h\u00e4tte Frau Scheuermann viel zum \u00dcberbl\u00e4ttern gehabt, denn \u201eStopfkuchen\u201c ist weder das eine noch das andere. Die \u201eMordgeschichte\u201c erf\u00fcllt nur eine einzige Funktion: Sie aktiviert die Erwartungshaltung des Lesers, der Leserin \u2013 und das textintern, als Teil der Handlung also. Der Titelheld, wegen seiner K\u00f6rperf\u00fclle und ihrer Ursache \u201eStopfkuchen\u201c genannt, erz\u00e4hlt aus seiner Lebensgeschichte, Frau und Freund h\u00f6ren zu, allerdings eher gelangweilt, denn Stopfkuchen ist ein Vertreter des Ausschweifigen, des Abseitigen, ein sp\u00e4ter Jean Paul gewisserma\u00dfen oder, ins Negative gewendet, Vorl\u00e4ufer jener aktuellen KrimiautorInnen, die eine 100-Seiten-Story auf mindestens 400 ausrollen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann jedoch erw\u00e4hnt Stopfkuchen beil\u00e4ufig ein vor vielen Jahren begangenes, nie aufgekl\u00e4rtes Verbrechen, einen Mord, und dass er, Stopfkuchen, wisse, \u201ewer es war\u201c \u2013 und sofort schwindet die Langeweile bei seinen Zuh\u00f6rern, bedr\u00e4ngen sie ihn, doch nun endlich herauszur\u00fccken mit der Aufl\u00f6sung. Aber der Erz\u00e4hler l\u00e4sst sich Zeit und nicht aus der Ruhe bringen, er erz\u00e4hlt weiter, seine Zuh\u00f6rer sind gespannt, ja, nicht selten genervt, aber sie h\u00f6ren ihm weiter zu, ihre Nerven vibrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenden wir auch das ins Heutige, so w\u00e4re Stopfkuchen einer der cleveren Burschen, die \u201eKrimi\u201c unter den Romantitel schreiben, dann aber eine ganz andere Geschichte erz\u00e4hlen und das Genre\u00fcbliche nur andeuten, um am Ende routiniert-lieblos-nebens\u00e4chlich mit der Aufl\u00f6sung die Erwartungshaltung zu befriedigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch ein drittes Beispiel, Franz Wellers 1879 erschienener Roman \u201eDer Spion\u201c. Schon der Titel weckt die bekannten Erwartungen. Man beachte auch das Erscheinungsjahr, der deutsch-franz\u00f6sische Krieg ist noch lebhaft in Erinnerung, Weller legt auch gleich die entscheidende falsche Spur, indem er einen deutschen Offizier sich in eine ungl\u00fccklich verheiratete Franz\u00f6sin verlieben l\u00e4sst. Aber damit w\u00e4re auch schon Schluss mit dem Spionagethriller. Im folgenden wird flei\u00dfig intrigiert, wird entf\u00fchrt, erpresst \u2013 das Geheimdienstliche indes entpuppt sich als tragischer Irrtum, als Schlusspunkt einer r\u00fchrseligen, wenn auch turbulenten und durchaus mit kriminellen Zutaten angereicherten Liebesgeschichte. Doch auch hier wird das Ziel erreicht. Der Leser \u201ebleibt dran\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erinnert uns nun an die Pawlowschen Reflexe, dieses Produzieren von Speichel, sobald das Gl\u00f6cklein \u201eKrimi\u201c klingelt. Ge\u00e4ndert hat sich daran bis heute, wie schon gesagt, nur herzlich wenig. Wo \u201eKrimi\u201c draufsteht oder sonstwie suggeriert wird, hat auch \u201eKrimi\u201c drin zu sein, man st\u00fcrzt in eine andere Welt \u2013 siehe Frau Scheuermann -, man l\u00e4sst literarische Kriterien literarische Kriterien sein, Hauptsache, das Ding kommt zu Potte, \u201er\u00fchrt\u201c uns, erschreckt uns. So lesen wir auch Liebesromane, SF-Geschichten, Western, alle Literatur, die durch den Aufdruck \u201eAchtung, Genre!\u201c hinsichtlich der Erwartungen vorgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat sich auch an dieser Grundeinstellung nichts ge\u00e4ndert, so haben sich doch die Techniken, mit denen die Erwartungen erf\u00fcllt werden, gewisserma\u00dfen gem\u00e4\u00df des allgemeinen industriellen Fortschritts verfeinert. Die \u201eKriminalromane\u201c des 19. Jahrhunderts sind bis zum Auftauchen des ber\u00fcchtigten Herrn Holmes selten von jener dramaturgischen Windschnittigkeit, die uns gekonnt und dank vorgefertigter Bauteile durch das Spektrum des Ger\u00fchrt- und Gespanntseins leiten. Spannung wird kaum als R\u00e4tseltext inszeniert, das Wer-wars? steht nur ausnahmsweise im Zentrum, die ermittelnde Instanz fehlt oft v\u00f6llig oder ist beileibe nicht von jener alles ordnenden Souver\u00e4nit\u00e4t wie in der Nachholmes\u00e4ra. Angesagt sind vielmehr Genre-Bilder, die Tat an sich ist schon grauslig genug, um Spannung zu erzeugen, das psychologische \u201eSetting\u201c so ungew\u00f6hnlich, dass es des R\u00e4tsel- und Rateelements ebenso wenig bedarf wie der durchkalkulierten Action und der gezielt in den Text eingestreuten Morde und \u201ecliff hanger\u201c, von falschen Spuren ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c etwa ist f\u00fcr Agatha-Christie-Fans wohl eine herbe Entt\u00e4uschung. Die Leserschaft r\u00e4tselt nicht \u00fcber die Tatperson, auch nicht \u00fcber die Tat selbst, sie bezieht ihre Spannung aus der verqueren Situation, in der sich die Akteure befinden. In Adolf Streckfu\u00df\u2019 \u201eDer tolle Hans\u201c bleibt zwar der M\u00f6rder bis zum Ende unbekannt \u2013 aber nur den ermittelnden Instanzen. Die Leser wissen sehr rasch, wer da was zu welchem Zwecke inszeniert hat. Was sie \u201er\u00fchrt\u201c, ist eine reichlich kitschige, aber ins Dramatische gewendete Liebesgeschichte, der Thrill ergibt sich aus der unerh\u00f6rten Tatsache, dass der T\u00e4ter einem Berufsstand angeh\u00f6rt, der gemeinhin nicht mit Morden in Verbindung gebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielschichtiger ist es bei J.D.H. Temme, der mit den Spannungselementen schon sehr gekonnt umgeht, dennoch meilenweit vom \u201eThrillerautor\u201c entfernt ist. In \u201eIn einer Brautnacht\u201c z.B. entsteht Spannung nicht aus der Frage, wer was zu tun beabsichtigt, sondern daraus, OB die Tat wirklich durchgef\u00fchrt wird. Zu diesem Zweck f\u00fchrt Temme zwei Halbw\u00fcchsige ein, Sohn und Tochter des Gastwirts, unter dessen Dach die Meucheltat vollzogen werden soll. Die Kinder merken, dass da was nicht stimmt \u2013 doch k\u00f6nnen sie die Tat verhindern?<\/p>\n\n\n\n<p>Dem \u201eR\u00e4tselkrimi\u201c schon recht nahe kommt Temme in \u201eMord beim Sandkrug\u201c. Ein Verd\u00e4chtiger f\u00fcr die Tat ist schnell ausgemacht, die Indizien sind erdr\u00fcckend, doch Zweifel sind angebracht. War ers, war ers nicht? Die Aufl\u00f6sung dann ist, aus heutiger Sicht, entt\u00e4uschend, aus dem Hut gezaubert, wie viele andere aus dieser Zeit auch. Doch geht es eben auch darum gar nicht, viel interessanter ist das Familiendrama, das Temme hier erz\u00e4hlt, das Abgr\u00fcndige einer Beziehung. Die Spannung aber wird sehr wohl schon mit Mitteln des \u201esuspense\u201c, der Vorahnung erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Form von \u201eSuspense\u201c ist aber noch nicht sehr verbreitet, dennoch gibt es sie schon. Im Mittelpunkt aber steht \u201edas Andere\u201c an sich, die kriminelle Atmosph\u00e4re als Kontrast zu den Scheuermannschen Normalit\u00e4ten. Wer einen Krimi liest, m\u00f6chte in Angst und Schrecken versetzt werden, aber nicht mehr im Lessingschen Sinne des Gel\u00e4utertwerdens (Katharsis), sondern aus purer Lust am Abgr\u00fcndigen. Die Inszenierung selbst ist noch nicht perfekt, muss es auch nicht sein. Die schiere Existenz dieses \u201eAnderen\u201c gen\u00fcgt \u2013 doch das wird sich \u00e4ndern, wie sich generell mit dem technischen Fortschritt alles \u00e4ndert, alles perfekter, elaborierter wird. Das Fabrizieren von Spannung unterliegt wie das Fabrizieren jeglicher Waren dem Verbesserungszwang. So wie wir uns heute kaum noch vorstellen k\u00f6nnen, ein drei Kilo schweres, sperriges \u201eHandy\u201c mit uns zu schleppen, so auch nicht, durch das einfache Vorzeigen von Abgr\u00fcnden in irgendeiner Form angespannt zu werden. Der Trend ging auch im Krimi zum durchdachten Design. Und genau da stehen wir heute. Mit einer \u201eanspruchsvollen Erwartungshaltung\u201c, die doch im Gegensatz zu den fr\u00fchen Krimis deren atmosph\u00e4risches Prickeln nur selten erreicht. Das ist der Preis, den wir f\u00fcr Massenproduktion zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spannung: historisch. Wie war das fr\u00fcher? Spannung gestern = Spannung heute? Mit welcher Erwartung begann man einen &#8222;Krimi&#8220; zu lesen? Einige Beispiele, einige Schlussfolgerungen. 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