{"id":17778,"date":"2007-07-09T07:54:15","date_gmt":"2007-07-09T07:54:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/kapitel-viii\/"},"modified":"2022-06-05T02:11:11","modified_gmt":"2022-06-05T00:11:11","slug":"kapitel-viii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/kapitel-viii\/","title":{"rendered":"Kapitel VIII"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was heute passiert: Gem\u00e4\u00df Paragraph 139a der SYNDIKATS-Anleitung \u201eWie man einen Krimi schreibt\u201c, m\u00fcssen wir heute eine der verd\u00e4chtigen Personen in Gefahr f\u00fcr Leib und Leben bringen. Frau Paprotta hat sich durch \u00dcberweisung einer gr\u00f6\u00dferen Summe ebenso erfolgreich diesem undankbaren Schicksal entzogen wie Frau Anne Chaplet, die mit ihren Anw\u00e4lten drohte, sollten wir ihr fiktiv auch nur ein einziges Haar kr\u00fcmmen. Die Herren Bottini und Horst beherrschen Kampfsportarten und wurden deshalb ebenfalls verschont, weil Paragraph 139a nicht verlangt, dass sich der AUTOR in Gefahr f\u00fcr Leib und Leben bringt. Die Wahl fiel folglich auf das schw\u00e4chste Glied unserer Verd\u00e4chtigenkette. Aber lesen Sie endlich selbst&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>KHK Anna Beller hatte beschlossen, sich eine ausgiebige Haar-Wellnesskur zu g\u00f6nnen. Nach den Turbulenzen der vergangenen Tage war ihr innerer Akku leer, selbst der Drang, sich vor Wickius nackig und fu\u00dfn\u00e4gellackierend zu pr\u00e4sentieren, hatte nachgelassen. Jetzt hockte sie im bequemen Frisierstuhl bei ihrem Lieblingscoiffeur, dem stockschwulen Exilrussen Igor Michailowitsch Smarfovjew und lauschte am\u00fcsiert, wie der Friseur, w\u00e4hrend seine Schere lustige Muster in das seidige, weiche Haar der Kommissarin schnitt, sehns\u00fcchtig die Weisen seiner Kindheit im fernen Novosibirsk vor sich hin tr\u00e4llerte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr geh\u00f6rt zu mir, so wie mein Porsche vor der T\u00fcr. Lala-lala-lalaaaaaa!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wunderte sich selbst, dass sie l\u00e4cheln konnte, denn zum L\u00e4cheln gab es eigentlich keinen Grund. Immer mehr Autoren und Autorinnen von Kriminalliteratur verschwanden auf mysteri\u00f6se Weise, tauchten, fadenscheinige Gr\u00fcnde vorschiebend, in den letzten Winkeln der Welt unter. Oliver Bottini? Hatte sich ins chinesische Shaolin-Kloster zur\u00fcckgezogen, von 12 Kungfu-K\u00e4mpfern streng bewacht. Norbert Horst? Wandelte angeblich \u201eauf den Spuren von James Joyce in der afrikanischen Serengeti\u201c. Henrike Heiland? Durchwanderte barfu\u00df die mongolische W\u00fcste Gobi, um \u201einnere Reinigung zu erlangen und endlich das mit dem Konjunktiv richtig hinzukriegen\u201c. Und so weiter. Es war ein Graus, es war richtig grausig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKopfw\u00e4sche!\u201c, jubilierte Smarfovjew und dr\u00fcckte das Haupt der gr\u00fcbelnden Beamtin in das mit warmem Wasser gef\u00fcllte Becken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00f6nen!\u201c, verk\u00fcndete er sodann und st\u00fclpte die Haube \u00fcber Anna Bellers triefenden Kopf. Dann entfernte er sich unter dem Absingen seiner melancholischen Melodien zur n\u00e4chsten Kundin, w\u00e4hrend eine weitere direkt neben Anna Beller Platz nahm. Die Kommissarin betrachtete sie aus dem Augenwinkel. Irgendwoher&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErschrecken Sie nicht!\u201c fl\u00fcsterte pl\u00f6tzlich eine Stimme ganz nah am Ohr der Beller, und die Beller erschrak.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchauen Sie nach vorne! Ich m\u00f6chte Ihnen ein Angebot machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt fiel es der Beller wie Schuppen aus den Augen: Die Frau neben ihr war Anobella! Die Wiesbadener Krimischaffende! Die hinter Wickius her war wie der Teufel hinter der armen Seele, die den hilflosen, weil in sexuellen Angelegenheiten vollst\u00e4ndig seinen Trieben ausgelieferten Mann mit ihren erotischen Angeboten bedr\u00e4ngte, ihm Schokolade schickte und \u201eganz aktuelle Nacktaufnahmen\u201c, die in Wirklichkeit jedoch aus den fr\u00fchen siebziger Jahren stammten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas wollen Sie? Sie sind festgenommen! R\u00fchren Sie sich nicht!\u201c Resolut stellte Anna Beller die Trockenhaube aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeien Sie nicht so zickig!\u201c giftete Anobella, \u201eder arme, arme Wickius, was muss er bei Ihnen nur durchmachen \u2013 und wie gut h\u00e4tte er es doch bei mir!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, du bl\u00f6de Schlampe, dachte Anna Beller, hast ja schon mehrmals versucht, ihn nach Wiesbaden zu locken, um ihn endg\u00fcltig unter deine erotischen Fittiche zu nehmen. Das aber w\u00fcrde sie, die Beller, nicht zulassen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBeruhigen Sie sich\u201c, fl\u00fcsterte Anobella weiter, \u201eIch bin bereit auszupacken, alles, was ich \u00fcber den Fall der verschwundenen Autorinnen und Autoren wei\u00df. Und glauben Sie mir: Ich wei\u00df eine Menge! Meine Forderung: Straffreiheit nach der Kronzeugenregelung, eine neue Identit\u00e4t einschlie\u00dflich neuer Ausweispapiere \u2013 sowie eine umfangreiche kosmetische Operation!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die hast du auch n\u00f6tig, zischte Anna Beller in sich hinein, wer nicht wei\u00df, was ein Faltenrock ist, muss dir dummem Luder nur ins Gesicht sehen!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas kann ich nicht entscheiden\u201c, sagte sie mit m\u00f6glichst neutraler Stimme. \u201eIch bringe Sie zum Pr\u00e4sidium, telefoniere mit der Staatsanwaltschaft \u2013 und dann sehen wir weiter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anobella lachte hysterisch. \u201eDas ist ein fieser Trick! Ich verlange Sicherheiten! Ich will mit Wickius sprechen! Bringen Sie mich zu ihm! Lassen Sie mich f\u00fcnf Minuten mit ihm allein! Nur ihm werde ich alles anvertrauen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu durchtriebenes Biest!\u201c konnte sich Anna Beller nun nicht mehr beherrschen und drehte ihren noch nassen Kopf zur zornesger\u00f6teten Anobella hin. Es war das letzte, was sie f\u00fcr die Dauer der n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten zu sehen bekam. Denn pl\u00f6tzlich wurde ihr schwarz vor Augen, verschwammen s\u00e4mtliche Konturen \u2013 schlief sie ein, fiel der Kopf nach vorne ins Becken, geriet gottlob nur mit der Stirn ins nun lauwarme Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie erwachte, h\u00f6rte sie eine aufgeregte Stimme. Es war die des Coiffeurs Smarfovjew, der keine russischen Volksweisen mehr sang, sondern jammerte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHuch! Was ist denn hier passiert? Bist du eingeschlafen, Sch\u00e4tzchen? Mir war auch so komisch, es riecht hier auch irgendwie&#8230;Huch! Wieso hat denn die Kundin neben dir die Trockenhaube auf? Die solltest doch du&#8230; Und wieso ist der Regler am Anschlag? Huch! 700 Grad! Hallo, h\u00f6ren Sie mich? Huch! Der sind ja s\u00e4mtliche Haare abgesengt worden! Huch, die hat ja pl\u00f6tzlich so ein knallrotes Gesicht! Huch! Wo ist denn der Puls? Huch! Ruft mal jemand schnell einen Krankenwagen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Beller kam langsam zu sich. Irgend etwas war schiefgelaufen, das ahnte sie. Wickius w\u00fcrde im Dreieck springen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius sprang im Dreieck. Wickius raste. Die Beller, eine erfahrene Polizistin, hatte sich durch Bet\u00e4ubungsgas unsch\u00e4dlich machen lassen! Gottseidank hielten sich die Sch\u00e4den an Anobellas samtweichem K\u00f6rper in Grenzen. Sie hatte s\u00e4mtliche Kopfhaare verloren, ihr Gesicht eine Art schweren Sonnenbrand erlitten, \u201esie sieht aus wie ein alter Rettich!\u201c, jubilierte die Beller und f\u00fcgte hinzu: \u201eDas Beste aber: Sie kann sich an nichts mehr erinnern! Amnesie! H\u00e4lt sich jetzt f\u00fcr eine kurhessische Prinzessin und spricht so geschraubt wie die Typen bei Goethe! Wei\u00df nicht mal mehr, wer Wickius ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius sah sie streng an. Diese verdammte Eifersucht! Kein Mitleid mit dieser hochtalentierten Krimischaffenden, einer Meisterin der kleinen Form, aber auch im Roman zu unver\u00e4chtlichen Klasseleistungen f\u00e4hig. Wickius dachte an \u201eRheingauer Spitzen\u201c, den von Gohlis bis W\u00f6rtche euphorisch gelobten Erstling mit dem unglaublichen Kommissar&#8230;.ja, wie hie\u00df der noch? Ob es wohl einer der Leser, der Leserinnen wei\u00df? Kleiner Tipp: Vorname Ludwig&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchade\u201c, feixte die Beller weiter, \u201edass wir die hohle Nuss jetzt nicht mehr ausquetschen k\u00f6nnen. Aber wahrscheinlich hat sie eh nur geblufft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wickius h\u00f6rte nur mit einem Ohr zu. Er wusste ja eigentlich, was da gespielt wurde. Aber wer steckte dahinter?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie ein verschrumpelter Rettich!\u201c freute sich abermals die Beller. Und Wickius fuhr sie an: \u201eDu mit deiner ewigen Eifersucht! Du treibst mich noch in den Wahnsinn! Und zieh dir endlich was an!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was heute passiert: Gem\u00e4\u00df Paragraph 139a der SYNDIKATS-Anleitung \u201eWie man einen Krimi schreibt\u201c, m\u00fcssen wir heute eine der verd\u00e4chtigen Personen in Gefahr f\u00fcr Leib und Leben bringen. 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