{"id":17779,"date":"2012-01-27T09:55:49","date_gmt":"2012-01-27T09:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/buddy-giovinazzo-piss-in-den-wind\/"},"modified":"2022-06-08T05:25:04","modified_gmt":"2022-06-08T03:25:04","slug":"buddy-giovinazzo-piss-in-den-wind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/01\/buddy-giovinazzo-piss-in-den-wind\/","title":{"rendered":"Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"264\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/giovinazzo-piss-in-den-wind.jpg\" alt=\"giovinazzo-piss-in-den-wind.jpg\"\/> <em>Ein Buch \u2013 zwei Meinungen. Nein, kein Kritikerstreit, denn beide sind sich einig: Buddy Giovinazzos &#8222;Piss in den Wind&#8220; erz\u00e4hlt eine ebenso gradlinige wie vertrackte Geschichte, die ihr Thema mit Respekt und ohne die sonst \u00fcblichen Beigaben des Pomp\u00f6sen und Schaurig-Sensationellen aufbereitet. Dass zeitgleich mit dem Erscheinen von &#8222;Piss in den Wind&#8220; auch Giovinazzos Deb\u00fct &#8222;Cracktown&#8220; eine verdiente Neuauflage erfahren hat (und Neuauflagen weiterer Werke angek\u00fcndigt sind), gibt dem Ganzen eine besondere Note \u2013 und allen Interessierten Gelegenheit, den erstaunlichen erz\u00e4hlerischen Reichtum des Autors in aller Ruhe zu begutachten. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Von der Stadt auf\u2019s Land, an die See. Dort wo es ruhig und beschaulich zugeht, keine Cracks\u00fcchtigen sich und ihre Umgebung in Flammen setzen, keine Jugendgangs vergewaltigend und raubmordend durch die Gegend ziehen, und Verzweiflung nicht fester Bestandteil des sozialen Gef\u00fcges ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die D\u00e4monen lauern woanders. In individuellen Befindlichkeiten und Biographien. Wie in der von James Gianelli, der an einem kleinen College Fotografie unterrichtet. Er ist beliebt bei den Studenten, hat gute Chancen auf eine Festanstellung und ein Trauma seit Kinderzeiten. Deshalb f\u00e4llt es ihm schwer allein zu sein. Es funktioniert nicht. Denn allein zu sein bedeutet, mit den Geistern (oder dem Geist?) der Vergangenheit, eingesperrt in einem kleinen Raum zu leben. Das l\u00f6st Trauer aus, Angst. Und Wut?<\/p>\n\n\n\n<p>Scheint so, denn wieso sonst liegt James\u2018 Freundin Karen erw\u00fcrgt neben ihm im Bett, nachdem die Trennung fast schon vollzogen war? James kann sich leider an nichts mehr erinnern, ein psychotischer Schub hat ihn seiner Sinne beraubt. Ohne Erinnerung, aber mit einer neuen Ladung Schuld auf den Schultern, beseitigt er Karens Leiche im Meer. Dumm nur, dass die See nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Und so findet James w\u00e4hrend eines verzweifelten Spazierganges die Leiche einer anderen Frau am Strand. Berufsm\u00e4\u00dfiger Voyeur der er ist, schie\u00dft er eine Hand voll Fotos und hat fortan eine neue Geliebte am Hacken. Die ermordete Dominique. Sie nimmt nachhaltigen Einfluss auf sein Leben, das immer mehr aus den Fugen ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eICH SEHE TOTE MENSCHEN\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Davon kann James ein Lied singen. Denn sein Autor Buddy Giovinazzo l\u00e4sst ihn ein Stellvertreterleben f\u00fchren f\u00fcr jene Toten, die James seit Kindesbeinen um sich schart. Was den Lebenden, vor allem denen, die James m\u00f6gen, die Beziehung zu dem Fotografie-Professor zu einer einzigen Gedulds- und Bew\u00e4hrungsprobe macht. Wenig Hoffnung f\u00fcr ein gemeinsames Morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was \u201ePiss in den Wind\u201c zu einem Neo-Noir par excellence macht. Fast. Denn Buddy G. w\u00e4re nicht er selbst, wenn er nicht noch den ein oder anderen Bruch mit den Traditionen \/ Regularien in petto h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach Liebe, Zusammengeh\u00f6rigkeit. Darum dreht sich alles. James Gianelli opfert sich auf, ist bereit alles zu tun, damit ein Mensch bei ihm bleibt. Und wird getrieben von dieser allzu menschlichen Sehnsucht, zur Persona non grata. Einer der klammert, ein potenzieller Stalker, jemand der seine Liebe eher mit ins Grab nimmt, als sie ziehen zu lassen. Die Zeitungen sind voll davon, tagt\u00e4glich. Und fast immer sind es M\u00e4nner, die es nicht ertragen k\u00f6nnen, wenn ihre (ehemaligen) Partnerinnen eigene Wege gehen m\u00f6chten. Das wahre schwache Geschlecht. Buddy Giovinazzo dreht an dieser Schraube, bis ein Kriminalroman daraus entsteht, Verbrechen auf engstem Raum, vermutete und reale. \u201ePiss in den Wind\u201c ist ein Spiel mit den Unsicherheiten, die tiefe Gef\u00fchle ausl\u00f6sen. Dabei bleibt James eine durchaus sympathische, nachvollziehbare Figur. Jemand, der smart ist, vermutlich gut in seinem Job (so viel Raum nimmt seine Arbeit nicht ein) und lax in den formalen<br \/>Dingen, die das Leben nur verkomplizieren. Andererseits ist er ein Besessener, ein Gefangener seiner Vergangenheit, die sein Verhalten ma\u00dfgeblich beeinflusst. Schweigen und Irrationalit\u00e4t dort, wo Gespr\u00e4che und eine rationale Einsch\u00e4tzung vonn\u00f6ten w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfartige Szenen gelingen Giovinazzo beim Zusammentreffen James mit seiner Mutter am Krankenbett des Vaters. Keine wehleidige Bestandsaufnahme wechselhafter Emotionssch\u00fcbe, keine Vers\u00f6hnung am Totenbett, stattdessen ein wankelm\u00fctiges Jonglieren zwischen dem Status Quo des Schweigens und dem, was eigentlich gesagt werden m\u00fcsste. Provoziert durch den Schatten der toten Dominique, die James begleitet wie das personifizierte schlechte Gewissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte in die Hose gehen, den Geist jener unz\u00e4hligen Werbespots hervorrufen, der verk\u00fcndet, dass man anscheinend nicht das richtige Waschmittel genommen hat. Doch Giovinazzo beherrscht sein Handwerk. Und so bleiben seine Figuren glaubw\u00fcrdig, mit all ihren Schw\u00e4chen und Obsessionen. Und am Ende, wenn sich ein Gro\u00dfteil aufkl\u00e4rt, gibt es sogar so etwas wie Hoffnung. Die allerdings eine tr\u00fcgerische sein k\u00f6nnte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich so ergeben, dass die Neuauflage von \u201eCracktown\u201c und Giovinazzos aktueller Roman \u201ePiss in den Wind\u201c gleichzeitig hierzulande erscheinen. Hochinteressant beide Romane im Gespann zu lesen. Dazwischen liegen fast 20 Jahre, diverse Tatorte und andere Filme, sowie weitere Romane. Eins ist geblieben: Die Welt als dunkler, gewaltt\u00e4tiger Ort, an dem Menschen auf der Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit und Liebe verzweifeln. W\u00e4hrend \u201eCracktown\u201c im Blitzgewitter zwischen Drogen, Prostitution, Armut und allt\u00e4glicher Gewalt implodiert, schaffen sich die Protagonisten in \u201ePiss in den Wind\u201c ihre H\u00f6lle selbst. Schreie und Fl\u00fcstern. Aber nie miteinander reden. Die einen sind dazu nicht (mehr) in der Lage, die anderen zu feige. Bis zum Schluss\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen K\u00f6nig<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklichkeit und Wahn: Kriminalliteratur arbeitet bevorzugt mit Extremen und Gegens\u00e4tzen, dem Unvers\u00f6hnlichen und Unvereinbaren, mit dramaturgischer Fallh\u00f6he als einem wesentlichen Spannungsmerkmal. So gesehen, ist der Plot von &#8222;Piss in den Wind&#8220; durchaus krimikonform und die Frage des Gelungenseins eine Frage der Ausf\u00fchrung. Ein Mann mit ausgepr\u00e4gter Psychose schreitet zur schier aussichtslosen Selbsttherapie. Er hat Schuld auf sich geladen, Schuld in der wirklichen Welt, doch in dieser Welt gibt es niemanden, mit dem \u00fcber diese Schuld zu reden w\u00e4re. Also erfindet sich Gianelli eine Wahnwelt, eine Tote wird darin Ankerpunkt, sie h\u00f6rt zu, sie fordert den Mann heraus, sie st\u00e4rkt ihn, sie schw\u00e4cht ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Giovinazzo verzichtet von Anfang an darauf, mit harten Kontrasten zu arbeiten, mit einer theatralischen Konfrontation von &#8222;krank&#8220; und &#8222;gesund&#8220;. Im Gegenteil. Aus der wirklichen und der Wahnwelt wird eine dritte, eine Welt aus Wirklichkeit und Wahn eben, die so normal ist wie das Allt\u00e4gliche \u2013 und genauso irrwitzig. Durch diese neue Welt ziehen sich die Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, die Lebenslinien: Gianellis Jugendtrauma, seine prek\u00e4re berufliche Existenz, seine verzweifelten Bem\u00fchungen, &#8222;normal&#8220; zu sein. Das ist, wie Giovinazzo es aufbaut, eine erstaunliche unspektakul\u00e4re Geschichte, bei aller Abstrusit\u00e4t, bei aller psychopathologischen Relevanz. Hinzu kommt, dass wir uns stets auf dem Boden des Genres befinden, eine Geschichte voller Verdacht und Vorahnungen lesen, die latente \u00dcberraschungen in sich tr\u00e4gt und am Ende auch hier einl\u00f6st, was sie verspricht. Wieder ein Gegensatzpaar, wieder Fallh\u00f6he. Die exakte Rekonstruktion von Normalit\u00e4t (mit der normalen Prise Wahn) bedient sich herk\u00f6mmlicher Genremittel und erh\u00e4lt dadurch ihre Originalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles macht &#8222;Piss in den Wind&#8220; zu einem Kleinod zeitgen\u00f6ssischer Kriminalliteratur. Zu einem &#8222;Noir&#8220;, der dezidiert keiner ist \u2013 es sei denn, das Normale w\u00e4re per se Noir \u2013 und deshalb mit Fug und Recht als ein Noir der intelligenten Sorte ger\u00fchmt werden kann. Die Begegnung mit der Schwester des Toten f\u00fchrt Gianelli langsam aus seiner verqueren Welt hinaus, hinein in das normale Verr\u00fccktsein, die mit Brief und Siegel attestierte Geisteskrankheit. Ein Happyend? Oder der Auftakt eines neuen Traumas? Wieder mischen sich die Extreme.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind.<br \/>Pulp Master 2011. 247 Seiten. 13,80 \u20ac<br \/> (\"The Professional\". 2009. Deutsch von Emanuel Bergmann)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch \u2013 zwei Meinungen. Nein, kein Kritikerstreit, denn beide sind sich einig: Buddy Giovinazzos &#8222;Piss in den Wind&#8220; erz\u00e4hlt eine ebenso gradlinige wie vertrackte Geschichte, die ihr Thema mit Respekt und ohne die sonst \u00fcblichen Beigaben des Pomp\u00f6sen und Schaurig-Sensationellen aufbereitet. 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