{"id":17781,"date":"2007-07-11T08:07:07","date_gmt":"2007-07-11T08:07:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-3\/"},"modified":"2022-06-09T10:15:47","modified_gmt":"2022-06-09T08:15:47","slug":"crime-school-spannungsstudien-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-3\/","title":{"rendered":"Crime School &#8211; Spannungsstudien 3"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn wir \u00fcber die Erwartungshaltung des krimilesenden Publikums r\u00e4sonnieren, darf das wichtigste Steuerungswerkzeug nicht vergessen werden: der Klappentext. Der Begriff hat sich l\u00e4ngst von seiner urspr\u00fcnglichen, nur auf gebundene B\u00fccher bezogenen Bedeutung gel\u00f6st und meint heute auch den Text auf dem R\u00fcckumschlag von Taschenb\u00fcchern. Zusammen mit dem Cover ist er die Visitenkarte eines Krimis und normalerweise der erste Eindruck, den sich interessierte LeserInnen vom Inhalt machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Cover w\u00e4re eine eigene Betrachtung wert (und Mirko Sch\u00e4dels \u201eIllustrierte Bibliografie der Kriminalliteratur&#8220; daf\u00fcr eine unver\u00e4chtliche erste Quelle). Belassen wir es hier bei der Feststellung, dass Cover wie Klappentext Errungenschaften des 20. Jahrhunderts sind, ich tippe auf die zwanziger Jahre, nehme genauere Datierungen indes dankbar entgegen. Jedenfalls: Im 19. Jahrhundert wurden Kriminalromane und \u2013novellen grunds\u00e4tzlich ohne bebildertes Cover und Klappentext ausgeliefert, selbst bei Broschuren verzichtete man auf die technische M\u00f6glichkeit, die R\u00fcckumschlagseite f\u00fcr eine pr\u00e4gnante Inhaltsangabe zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klappen- oder R\u00fcckumschlagtexte dienen der Schnellorientierung der Leserschaft und sind, wen wundert\u2019s, blanke Reklame, also suggestiv und in der Regel kunstvoll an der Realit\u00e4t vorbeigebogen. Sie werden gemeinhin von LektorInnen verfasst, seltener von der AutorInnen selbst und dienen dem Zweck, den zu erwartenden \u201ethrill\u201c als Kaufanreiz auf die werte Kundschaft loszulassen. Ein Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWolf Altlander ist tot. Der erfolgreiche deutsche Schriftsteller wird in seiner Villa s\u00fcdlich von Siena leblos aufgefunden. Neben der Leiche entdeckt Commissario Guerrini ein Beh\u00e4ltnis mit Lachgas. Ist Altlander tats\u00e4chlich an einer \u00dcberdosis gestorben? Welche Rolle spielte sein Liebhaber, der wesentlich j\u00fcngere, bildh\u00fcbsche Enzo? Warum ist offenbar niemand au\u00dfer der Malerin Elsa betr\u00fcbt \u00fcber Altlanders Tod? Und weshalb sieht der Commissario pl\u00f6tzlich \u00fcberall Chinesen? Guerrini fordert die M\u00fcnchner Kommissarin Laura Gottberg als Ermittlungshilfe an \u2013 nicht ohne private Hintergedanken. Doch auch bei diesem Zusammentreffen verl\u00e4uft nicht alles so, wie er es sich vorgestellt hat&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So wie bei Felicitas Mayalls \u201eWolfstod\u201c kommen sie f\u00fcr gew\u00f6hnlich daher, die Klappentexte. Hier der von der Umschlagr\u00fcckseite, der bei B\u00fcchern mit Schutzumschlag im Wortsinne \u201eKlappentext\u201c ist zumeist etwas ausf\u00fchrlicher. Bei Mayall etwa sind Klappen- und Umschlagtext unterschiedlich formuliert, die Beziehung des Ermittlerduos wird herausgestrichen, und den LeserInnen eine Bonusinformation zuteil:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDass Laura ihren Vater mit in die Toskana gebracht hat, erleichtert die Sache nicht gerade, denn der hat ganz eigene Vorstellungen von einem gelungenen Italienaufenthalt&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Typisch ist hier neben der reinen Faktenvermittlung (Schriftsteller ermordet, der Commissario ermittelt&#8230;) der Einsatz von Frages\u00e4tzen. Warum, liegt auf der Hand. Wo Fragen gestellt werden, da wird instinktiv nach Antworten gesucht. Die sich nat\u00fcrlich im Text selbst finden lassen, aber nur f\u00fcr die gl\u00fccklichen K\u00e4uferInnen des Elaborats. Der fl\u00fcchtige Leser dieser Zeilen erf\u00e4hrt aber noch mehr. Ihm muss klar sein, dass es hier nicht nur um einen Mord geht \u2013 wer erwartet auch anders von einem Krimi -, sondern das Privatleben des Ermittlerduos nicht zu kurz kommen wird. Beziehungshickhack garantiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzig ist die auf der Klappe dargereichte Bonusinformation \u00fcber Lauras Vater. Der, so hei\u00dft es, habe \u201e<em>ganz eigene Vorstellungen von einem gelungen Italienaufenthalt\u201c<\/em> \u2013 aber so viel sei verraten: Diese Information ist falsch. Pappa macht keinen \u00c4rger, ja, er liefert am Ende gar einen entscheidenden Hinweis zur \u00dcberf\u00fchrung des T\u00e4ters.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche offensichtlichen Fehlinformationen sind indes selten und noch seltener so grotesk wie im Falle von Jean Amilas \u201eMond \u00fcber Omaha\u201c. Dort erfahren wir via Umschlagtext, <em>\u201eErst beim Tod des Einheimischen Fernand Delouis, der die Gedenkst\u00e4tte mit D\u00fcnger versorgt, stellt sich heraus (&#8230;)\u201c <\/em>\u2013 aber nichts da! Fernand bleibt am Leben, sein Vater ist es, der stirbt, doch wer den Text noch in Erinnerung hat, wird das ganze Buch \u00fcber mit Spannung auf Fernands Tod warten. Suspence wird hier zum unfreiwilligen Nebenprodukt von Schusseligkeit beim Verfassen eines Klappentextes.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Allgemeinen sind solche Klappen- und R\u00fcckumschlagtexte mit Schl\u00fcsselw\u00f6rtern durchsetzt. Kaum \u00fcberraschend, gilt es doch, den vor einem \u00dcberangebot verweilenden Kunden einer Buchhandlung ohne gr\u00f6\u00dfere Umst\u00e4nde zu packen. Das Wort \u201eSerienmord\u201c resp. \u201eSerienm\u00f6rder\u201c erfreut sich aktuell gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit, appelliert sofort an jene Instinkte, denen der Reflex des sofortigen Zugreifens folgt. Vielleicht g\u00f6nnt sich die Kundschaft eine kurze Leseprobe \u2013 die omin\u00f6se erste Seite \u2013 und ger\u00e4t damit vollends auf die Schiene geschickter Manipulation. Denn wenn die Autoren sonst auch kreuzlangweilig und bieder ihre F\u00e4lle entwickeln m\u00f6gen\u2013 die erste Seite muss ebenfalls \u201epacken\u201c, sie ist die Fortsetzung des Klappentextes.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch h\u00e4tte vor drei\u00dfig Jahren sterben sollen, dachte Giorgio Altlander. Das w\u00e4re der richtige Moment gewesen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Klappentext kennt, muss hier nicht mehr weiterlesen. Er \/ Sie wei\u00df: Wir sind mittendrin, Altlander wird gleich das Zeitliche segnen, hier wird nicht gro\u00df herumgekaspert, hier wird pronto gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich alles Psychologie. Man reicht einen Appetithappen, wobei bezeichnenderweise nur die Handlung m\u00f6glichst turbulent und mysteri\u00f6s angedeutet, kein Wort indes \u00fcber Sprache und Dramaturgie verloren wird. Das bleibt gelegentlich den ebenfalls auf der Umschlagr\u00fcckseite abgedruckten Stummelrezensionen vorbehalten, bei \u00fcbersetzten Werken aus Publikationen mit klingenden Namen (Booklist, Publisher\u2019s Weekly, New York Times&#8230;), bei einheimischen im R\u00fcckgriff auf Vorg\u00e4ngerwerke ge\u00e4u\u00dferte Lobhudeleien. Ein Urteil wie \u201eDie Autorin schreibt wie eine Schlaftablette wirkt\u201c wird man vergeblich suchen, auch im \u201eKlappentext\u201c von Felicitas Mayalls n\u00e4chstem Werk wird der Satz fehlen, obwohl ich ihn hiermit kostenlos zur freien Verf\u00fcgung anbiete.<\/p>\n\n\n\n<p>Psychologie. Wir st\u00fcrzen uns auf ACTION! Klammern uns an Schl\u00fcsselbegriffe, lassen uns Fragen gefallen, f\u00fcr deren Antworten wir schlimmstenfalls mit einem Zwanziger und Stunden verlorener Lesezeit teuer bezahlen m\u00fcssen. Manchmal aber geschieht dies zu unserem Vorteil, etwa wenn Robert Littells brillanter \u201eZufallscode\u201c mit solchen eyecatchern wie \u201eGeheimagenten\u201c und \u201eSerienkiller\u201c beworben wird. Was nicht falsch ist \u2013 aber irgendwie halt doch. Und der Klappentextschreiber lacht sich ins F\u00e4ustchen, die Buchhalter hoffentlich auch bald.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klappentexte verraten uns sehr viel \u00fcber den derzeitigen Zustand der Kriminalliteratur. Sie sind handlungsorientiert, sie strotzen vor Versprechungen, im Regelfalle l\u00fcgen sie nicht einmal dreist, sie sch\u00f6nen nur die Wirklichkeit, suggerieren Tempo, wo vielleicht Stillstand ist, vertrauen ganz und gar auf die Macht der Schablone, die das lesende Publikum bei seiner Kaufentscheidung anlegt. Nur nichts Ungew\u00f6hnliches, am liebsten die 2398. \u201eforensische Anthropologin\u201c oder \u201eGerichtsmedizinerin\u201c, die es mit einem \u201eunheimlichen Serienkiller\u201c zu tun hat, w\u00e4hrend sie \u201ein private Probleme verwickelt ist\u201c und wenn dann \u201eder Fall pl\u00f6tzlich eine f\u00fcr die Heldin tragische Dimension\u201c erh\u00e4lt \u2013 gut so, das will man schlie\u00dflich lesen. Die Klappenprosa steuert also die Leserschaft durch das Labyrinth der Kriminalliteratur, sie weckt die Erwartungen des Konsumenten, indem sie sie best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eSpannung\u201c fusst auf \u00dcberraschungen, die in diesem Erwarteten stattfinden. Selbst dort, wo der Klappentext eine \u201eunglaubliche L\u00f6sung des Falles\u201c avisiert, kann man ziemlich sicher sein, nichts weiter zu bekommen als eine weitere Drehung an der Schraube des Haneb\u00fcchenen. Ausnahme best\u00e4tigen die Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist der Klappentext nicht prim\u00e4r f\u00fcr diese allgegenw\u00e4rtige Tendenz, Spannung im Rahmen der Konventionen zu erzeugen, verantwortlich zu machen. Er legt Zeugnis von ihr ab und festigt sie auch, denn l\u00e4ngst wissen die Verlage, was sie diesen paar Zeilen zu verdanken haben, wie eingeschr\u00e4nkt aber auch ihre Variationsm\u00f6glichkeiten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Klappentexte pfeifen hie\u00dfe ins kalte Wasser springen. Ertrinken oder auf einer sch\u00f6nen Insel stranden. Die Rezension als Alternative? Sind doch auch oft nichts anderes als Klappentexte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir \u00fcber die Erwartungshaltung des krimilesenden Publikums r\u00e4sonnieren, darf das wichtigste Steuerungswerkzeug nicht vergessen werden: der Klappentext. 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