{"id":17784,"date":"2007-07-13T08:10:34","date_gmt":"2007-07-13T08:10:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/jahrhundertprojekt-tod-dem-ermittler\/"},"modified":"2022-06-05T22:23:11","modified_gmt":"2022-06-05T20:23:11","slug":"jahrhundertprojekt-tod-dem-ermittler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/jahrhundertprojekt-tod-dem-ermittler\/","title":{"rendered":"Jahrhundertprojekt: Tod dem Ermittler!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich kann sie nicht l\u00e4nger ertragen. Sie trampeln auf meinen Nerven, sie zersetzen meinen Restverstand, sie stolzieren anachronistisch wie Dinosaurier durch die Moderne, sie erniedrigen den Kriminalroman zur Lekt\u00fcre ewig im geistigen Kindergartenalter harrender Leser. Schafft sie endich ab! Bringt sie um die Ecke! Irgendwo ein Auftragsm\u00f6rder, der diesen Job als Ehrenamt \u00fcbernehmen will? Hauptsache, sie verschwinden. Die Ermittler.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Krise der Kriminalliteratur ist offenkundig. Oder wie der Kollege zu sagen pflegt: Die einen schreiben f\u00fcrs Elysium, die anderen f\u00fcr den M\u00fclleimer. That\u2019s crime fiction today. Und woran liegt das? An der Faulheit, dem Unverm\u00f6gen, dem Markt: schon richtig. Aber auch am Korsett, in das Krimiautoren unfehlbar schl\u00fcpfen, sobald sie die Muse gek\u00fcsst hat, diese von ewigem Mundgeruch geplagte Sch\u00f6ne, die l\u00e4ngst in die Jahre gekommen ist und ihre verf\u00fchrerischen Lippen dem Katalog der kosmetischen Chirurgie zu verdanken hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Korsett hei\u00dft: Es muss einen oder mehrere Ermittler geben, deren Aufgabe es ist zu ermitteln. Sie m\u00f6gen dies n\u00fcchtern tun oder st\u00e4ndig besoffen, tief depressiv oder ironisch augenzwinkernd, bieder oder unkonventionell, im abgetragenen Tranchcoat oder im ma\u00dfgeschneiderten cut, das ist v\u00f6llig egal, ermitteln m\u00fcssen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir das mal historisch. Es gibt in der Geschichte der Kriminalliteratur ganze vier reine Ermittlertypen. Typ 1: Sherlock Holmes, das unfehlbare Genie. Typ 2: Miss Marple, die schrullige Alte. Typ 3: Philipp Marlowe, der zwischen Zynismus, Melancholie, Resignation und Mitleid hin und her gerissene Einzelg\u00e4nger. Typ 4: das Ermittlerteam. Seit \u00fcber 100 Jahren definiert sich Krimi aus den dramaturgischen Zw\u00e4ngen heraus, die das Ermitteln mit sich bringt. Zuerst wissen sie gar nichts, dann stochern sie im Nebel und schlie\u00dflich l\u00f6sen sie den Fall. Damit muss Schluss sein!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem im Sinne der Leserschaft. Es ist nicht mehr mitanzusehen, wie die Leser es hinnehmen, als unm\u00fcndige B\u00fcrger von irgend welchen dahergelaufenen Ermittlern an die Hand genommen und durch die Story gef\u00fchrt zu werden. Das ist wirklich wie Kindergartenausflug. \u201eNa, Kevin, guck mal, was ist denn das da?\u201c Kevin guckt. Das ist \u2013 \u201eeine Tante, die mit einem Onkel k\u00e4mpft!\u201c Der Ermittler l\u00e4chelt barmherzig. \u201eNein, Kevin, das ist eine Tante, die gerade einen Onkel furchtbar lieb hat und in neun Monaten sind sie dann zu dritt!\u201c So etwa. Du bist der Depp, du wirst zum Mitdenken aufgefordert, aber du wei\u00dft gar nichts, der Ermittler wei\u00df es immer besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Erkenntnisgewinn, okay, okay. Am Ende wei\u00df auch Kevin, dass die Tante dem Onkel nicht das Kaugummi stehlen m\u00f6chte, wenn sich ihre Lippen ineinander verhaken. Aber lernt man das nicht auch so? Durch blankes Zuschauen, durch MITDENKEN, durch eigenes Kombinieren, eigenes Schl\u00fcsseziehen? Nat\u00fcrlich. So lernt man das im wirklichen Leben, wenn man einmal die viele unn\u00fctze Zeit abzieht, die man in Bildungsanstalten verbringt. Warum aber nicht im Kriminalroman? Warum werden wir dort st\u00e4ndig bei der Hand genommen und durch die ewiggleichen Muster, die l\u00e4ngst verrotteten Blaupausen gef\u00fchrt? Wie soll der Krimi eine Zukunft haben, wenn er es sich in der Vergangenheit eingerichtet hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Man wende bitte nicht ein, die Angst der Autoren vor dem Verzicht auf die ermittelnde Instanz sei \u201eirgendwie \u00f6konomisch\u201c bedingt. Nehmen Sie \u201eTann\u00f6d\u201c! Wo gibt es da Ermittler? Na? Und das Ding hat sich inzwischen 250.000 mal verkauft!<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n, \u201eTann\u00f6d\u201c ist nur insofern ein gutes Beispiel, weil auf Ermittler gepfiffen wird. Als Paradigma taugt es indes nicht, denn die Ermittler sind ja allgegenw\u00e4rtig, sie befragen die Zeugen, die Verd\u00e4chtigen. Ein paradigmatischer Krimi, der sich von der ermittelnden Instanz emanzipiert, s\u00e4he aber etwa so aus:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Verbrechen geschieht. Die Polizei erscheint auf der Bildfl\u00e4che (meinetwegen auch ein Privatdetektiv). Sie nimmt ihre Ermittlungen auf \u2013 und verschwindet wieder. Im Folgenden werden wir ganz lapidar mit dem allgemeinen Setting und den beteiligten Personen vertraut gemacht, mit dem, was letztere tun und lassen. Wie sie handeln, wie sie reagieren, wie sie denken, wie sie planen, wie mit ihnen geplant wird. Kurz: Die Welt, in der das Verbrechen geschehen konnte, wird rekonstruiert. Ende. Weiter nichts. Am Schluss erscheint dann der Ermittler bei einer dieser Personen und sagt: \u201eHallo, Herr \/ Frau X., Sie sind hiermit wegen Mordes verhaftet. Die Beweise sind l\u00fcckenlos!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser, die Leserin ist aber ja selbst ermittelnde Instanz gewesen, sie hat selbst kombiniert. Und jetzt nickt sie das Ergebnis der \u201eProfis\u201c vielleicht ab \u2013 oder sie sagt: Bl\u00f6dsinn, Justizirrtum, es war ganz anders, ich kanns beweisen. Das w\u00e4re Emanzipation! Und irgendwann verzichtet man auf das Erscheinen der Ermittler ganz, dann endet der Krimi einfach so, die werte Leserschaft soll sich gef\u00e4lligst selbst ein Urteil bilden und den B\u00f6sewicht in ihrer eigenen Phantasie seiner gerechten Strafe zuf\u00fchren \u2013 oder es eben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun alles reichlich theoretisch, ich wei\u00df. Und ich h\u00f6re auch schon die Herren Eckert und Horst, die ja von \u201ePolizeiromanen\u201c, also wahren Ermittlernestern, leben, lauthals \u201eUnsinn!\u201c schreien. Aber die m\u00fcssen halt umlernen, sind ja noch jung und dynamisch. Man m\u00fcsste das mit der Emanzipation vom Ermitteln in praxi vorf\u00fchren, etwa, indem man einen konventionell mit ermittelnder Instanz ausgestatteten Kriminalroman dekonstruiert und nach den neuen, zukunftsweisenden Regeln wieder zusammensetzt. Astrid Paprottas \u201eFeuertod\u201c zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer diesen gewiss gelungenen, aber eben nach den alten Regeln gelungenen Roman gelesen hat, wird erahnen, wie im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig die beiden durch die Szenerie tappenden polizeilichen Ermittler sind. Zumal sie am Ende doch so klug als wie zuvor sind, um mit jenem \u201eFaust\u201c zu reden, der ja auch die Konventionen herausgefordert hat. Man merkt, dass Astrid Paprotta hier etwas Revolution\u00e4res plante, aber dann doch vor der unseligen Tradition des Genres kapituliert hat. Waren ihre Ina-Henkel-Krimis noch vollst\u00e4ndig um das Zentrum der Ermittlerin herum aufgebaut, so r\u00fccken die Ermittler in \u201eFeuertod\u201c schon etwas an den Rand des Geschehens. Sie sind aber noch da. Der Leser identifiziert sich mit ihnen, Frau Paprotta schickt sie der L\u00f6sung entgegen, l\u00e4sst sie Fakten sammeln etc. Was gar nicht notwendig w\u00e4re! Es ginge auch ohne!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde in den n\u00e4chsten Tagen die Erlaubnis von Autorin und Verlag einholen, \u201eFeuertod\u201c umschreiben zu d\u00fcrfen. Ermittler raus! Einfach zeigen, was ist! Das tut Frau Paprotta dankenswerter Weise schon \u00fcber weite Strecken, aber eben nicht konsequent. Das werden wir \u00e4ndern! Ich habe inzwischen schon die beiden in meinem Besitz befindlichen Exemplare des Buches in ihre Bestandteile zerlegt und, Seite f\u00fcr Seite, an die W\u00e4nde meines Arbeitszimmers gekleistert. So bekommt man den besten \u00dcberblick f\u00fcr die De- und anschlie\u00dfende Rekonstruktion. Ich rechne damit, in sp\u00e4testens 9 Monaten mit meiner Arbeit fertig zu sein und den ersten Prototypen des vollst\u00e4ndig ermittlerlosen Kriminalromans pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Wenn der Verlag nicht dumm ist, wird er MEINE Version dann als die zu diesem Zeitpunkt wohl 6. Auflage von \u201eFeuertod\u201c auf den Markt werfen. Der erste Krimi des 21. Jahrhunderts! Selbstverst\u00e4ndlich werde ich Frau Paprotta wenngleich in geringem Umfang an den Einnahmen beteiligen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann sie nicht l\u00e4nger ertragen. Sie trampeln auf meinen Nerven, sie zersetzen meinen Restverstand, sie stolzieren anachronistisch wie Dinosaurier durch die Moderne, sie erniedrigen den Kriminalroman zur Lekt\u00fcre ewig im geistigen Kindergartenalter harrender Leser. Schafft sie endich ab! Bringt sie um die Ecke! Irgendwo ein Auftragsm\u00f6rder, der diesen Job als Ehrenamt \u00fcbernehmen will? Hauptsache, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17784","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17784\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}