{"id":17785,"date":"2007-07-16T07:15:06","date_gmt":"2007-07-16T07:15:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/kapitel-ix\/"},"modified":"2022-06-06T21:41:48","modified_gmt":"2022-06-06T19:41:48","slug":"kapitel-ix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/kapitel-ix\/","title":{"rendered":"Kapitel IX"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Also&#8230;diese merkw\u00fcrdige Liste, ja? Mit den Namen drauf. Den Namen von den Krimischaffenden und den Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, ihr erinnert euch? Und dass die Krimischaffenden allesamt irgendwie zu verschwinden scheinen. Dass ein Krimiblogger ermordet, dass die reizende Gerichtsmedizinerin Barbra Reinhardt entf\u00fchrt und durch eine zwielichtige Frau ersetzt wird, dass Wickius ir-gend-wie eine Ahnung hat und die Beller wie immer ahnungslos, aber ganz scharf auf Wickius ist, der seinerseits scharf auf Anobella zu sein scheint, die beim Friseur beinahe verbrutzelt worden w\u00e4re, tja, und heute lassen wir diesem zwielichtigen Friseur seiner gerechten Strafe entgegenfahren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Igor Michailowitsch Smarfovjew steuerte seinen Heteroporsche nerv\u00f6s stadtausw\u00e4rts. Die Turbulenzen der letzten Stunden hatten seinen Verstand in arhythmische Schwingungen versetzt, und auch die S\u00fc\u00dfe der kommenden Stunden vermochten dies nicht auszugleichen. Komm, Igor Michailowitsch, motivierte sich der exilrussische Haark\u00fcnstler selbst, denk an IHN.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Dieter Bohlen wartete. Jedenfalls hatte ihm das die merkw\u00fcrdige Frau gestern versprochen, die merkw\u00fcrdige Frau, die mit Sonnenbrille und Kopftuch kurz vor Gesch\u00e4ftsschluss seinen Laden betreten und ihm diesen Handel vorgeschlagen hatte. \u201eSie verpassen dieser Tussi eine hei\u00dfe \u00dcberraschung, und im Gegenzug wird Ihnen kein geringerer als Dieter Bohlen jeden ihrer W\u00fcnsche erf\u00fcllen. JEDEN!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte nicht \u201eNein!\u201c sagen k\u00f6nnen. Sollte ja auch nur ein Spa\u00df sein. Die kleine Portion Lachgas f\u00fcr die Kommissarin, die Trockenhaube f\u00fcr die Kundin, die neben ihr sa\u00df, ein wenig \u00fcber normal, vielleicht w\u00fcrde sie sich ein paar Haare versengen, mehr nicht. Zu sp\u00e4t hatte Smarfovjew erkannt, dass er Komplize eines Mordversuchs geworden war. Da musste er sich Dieter Bohlen schon mit ledernem Suspensorium vorstellen, um nicht verr\u00fcckt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich der Feldweg. Er fuhr an den immer dichter stehenden B\u00e4umen vorbei, sah dann das Gasthaus \u201eZur Waldeslust\u201c unter schwarzen Tannen auftauchen, seit Jahren stand es leer, fr\u00fcher war hier die Post abgegangen, tempi passati. Stand Dieters Ferrari schon vor dem Geb\u00e4ude? Smarfovjew bremste vor dem Haus und sah sich um. Kein Ferrari. Ein schwarzer Lieferwagen mit der Aufschrift \u201eElektro Meyer\u201c. Klar, Dieter war inkognito. Allm\u00e4hlich verschwanden die dunklen Gr\u00fcbeleien aus Smarfovjews Gehirn. Dieter Bohlen. Im Stringtanga. Auf dem Lotterbett. Smarfovjew wurde vor lauter Lust schwarz vor Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Beller erreichte den Tatort fluchend. Diese verdammten Feldwege! Vor dem heruntergekommenen Gasthaus parkten bereits die Autos der Spurensicherung, ein Notarztwagen stand daneben. Anna Beller l\u00f6ste den Sicherheitsgurt und sah zu Wickius, der neben ihr sa\u00df. Er wirkte etwas geistesabwesend, stieg dann aber mit entschlossener Miene aus dem Wagen und trottete hinter der Beller her, die in beamtenun\u00fcblicher Geschwindigkeit dem Haus zusteuerte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo etwas ist mir in drei\u00dfig Jahren als Polizeiarzt noch nicht untergekommen!\u201c sagte Dr. Kuno Willebrandt und wies auf den zerschundenen K\u00f6rper, der mitten im ehemaligen Schankraum der Wirtschaft auf dem Boden lag, nein: im dort ausgiebig vergossenen Blut zu schwimmen schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beller st\u00f6hnte auf. \u201eDas ist&#8230;Igor! Mein Friseur!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Willebrandt nickte. \u201eJa. Meine Frau geh\u00f6rte auch zu seiner Kundschaft. Mysteri\u00f6s, mysteri\u00f6s. Irgendjemand muss ihn furchtbar gehasst haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie ist es passiert?\u201c fragte Wickius bem\u00fcht sachlich. Auch ihm hatte der Anblick des maltr\u00e4tierten Coiffeurs den Magen herumgedreht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun\u201c, begann Willebrandt mit seinen in Polizeikreisen gef\u00fcrchteten, weil schier nicht enden wollenden Ausf\u00fchrungen, \u201esoweit ich das bisher feststellen konnte, wurde das Opfer zun\u00e4chst mit brennenden Zigaretten gequ\u00e4lt. Sehen Sie mal auf seine Brust. K\u00f6nnen Sie das lesen? Man hat den Schriftzug \u201aSch\u00fctzt den Konjunktiv\u2019 eingebrannt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePervers!\u201c st\u00f6hnte die Beller, und Willebrandt lachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePervers? Das war erst der Anfang, meine Liebe. Danach hat man den Friseur nach drau\u00dfen geschleppt \u2013 es gibt entsprechende Spuren \u2013 und mit einem Fahrzeug mehrmals \u00fcberrollt. Aber so, dass er nicht starb, sondern ihm nur s\u00e4mtliche Knochen im Leib gebrochen wurden. Anschlie\u00dfend wieder rein in die gute Stube. Dort wurden ihm s\u00e4mtliche Finger- und Fu\u00dfn\u00e4gel gezogen sowie mit einem scharfen Gegenstand die Eier aus dem Sack gesch\u00e4lt, wenn ich das mal so flapsig sagen darf. Zu diesem Zeitpunkt d\u00fcrfte Smarfovjew noch gelebt haben, sehr zu seinem Nachteil. Denn nun kam das Perverseste. Schauen Sie sich mal seinen Kopf an oder besser gesagt: das, was von ihm \u00fcbrig geblieben ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Beller und Wickius traten, wenn auch widerwillig und z\u00f6gernd, ganz nah an den leblosen K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein!\u201c schrie die Beller auf und kippte Richtung Wickius, der sie beherzt ergriff und festhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGenau\u201c, lachte Dr. Willebrandt. \u201eMan hat die Gesichtshaut vollst\u00e4ndig entfernt, auf der Innenseite mit Klebstoff bestrichen und dann wieder aufs Fleisch geklebt. Sehr sorgf\u00e4ltig. Anschlie\u00dfend ein Streichholz drangehalten. Es gab das, was die Feuerwehr ein Schwelbrand nennt. Ganz langsam. Von den Petitessen reden wir gar nicht: den abgeschnittenen Ohren, der mit einem Bolzenschneider fachm\u00e4nnisch abgeklemmten Nase, den beiden in die Hirnschale gerammten Zimmermannsn\u00e4geln, dem wie eine Banane gesch\u00e4lten Penis, mit einem neckischen blutroten Schleifchen aus Lungengewebe versehen. Das muss, k\u00f6nnte ich mir vorstellen, h\u00fcbsch wehgetan haben. Bis der Friseur vor Schmerzen das Bewusstsein verlor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230;und starb\u201c, erg\u00e4nzte Wickius.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt lachte Dr. Willebrandt schallend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, nein, mein Bester. Er lebt n\u00e4mlich noch. Sehen Sie \u2013 gerade jetzt bewegt er das, was von seinen Lippen geblieben ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eisige Finger fuhren \u00fcber die R\u00fccken von Beller und Wickius. Kein Zweifel, der Friseur weilte noch unter ihnen. Versuchte etwas zu sagen. Entschlossen kniete sich Anna Beller zu ihm hinunter, hielt, wenngleich von Brechreiz geplagt, ihr Ohr an seinen Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSagen Sie&#8230;\u201c begann der Friseur m\u00fchsam und sehr undeutlich, \u201esagen Sie Anna Beller&#8230;dass ich sie&#8230;.liebe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber ich BIN Anna Beller!\u201c belehrte ihn Anna Beller.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSagen Sie es ihr trotzdem\u201c, beharrte Smarfovjew.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer hat Ihnen das angetan?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Friseur stie\u00df einige unverst\u00e4ndliche Laute aus, die verbrannte Haut \u00fcber dem verbrannten Fleisch zuckte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer, Igor?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieter&#8230;Bohlen\u201c, kam es aus dem nur noch schwach am Faden des Lebens h\u00e4ngenden Smarfovjew.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieter Bohlen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSuspensorium&#8230;auf dem Bett&#8230;die Frau&#8230;die M\u00e4nner&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr phantasiert schon\u201c, stellte Willebrandt professionell fest, \u201eEs geht zu Ende.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und er behielt Recht. Der Friseurkopf wurde von einer unsichtbaren Macht noch einmal gehoben, die blutunterlaufenden Augen starrten in die vor Schrecken geweiteten der Kommissarin \u2013 dann fiel er zur\u00fcck, Igor Michailowitsch Smarfovjew, Sohn eines ehemaligen Offiziers der Roten Armee, unter Stalin in Ungnade gefallen, 1936 nach Shanghai gefl\u00fcchtet, dort Ludmilla Brzinskaya geehelicht, vier Kinder in die Welt gesetzt (eine sp\u00e4tere Primaballerina der Volksb\u00fchne Wuppertal, eine Sozialarbeiterin im brasilianischen Dschungel, einen an Opium zugrunde gegangenen Dichter und einen schwulen Friseur), 1976 als Kleinrentner in Kiel verstorben, Igor Michailowitsch Smarfovjew also, j\u00fcngster Sohn dieses von den politischen Unbillen seiner Zeit aus der Gleichf\u00f6rmigkeit des b\u00fcrgerlichen Daseins geworfenen Mannes, Igor Michailowitsch Smarfovjew, t\u00e4glicher Leser der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c, seit zwanzig Jahren Besitzer eines Abonnements der Schallplatten-, sp\u00e4ter CD-Reihe \u201eAlle Songs des European Song Contest\u201c, einziger Mensch, der es jemals geschafft hatte, s\u00e4mtliche Eintr\u00e4ge in Ludgers Krimiblog bis zum Ende zu lesen \u2013 war nicht mehr. Der Tod musste eine Erl\u00f6sung von diesem erb\u00e4rmlichen Leben f\u00fcr ihn gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Beller st\u00fcrzte aus dem Raum und kotzte ins n\u00e4chste Geb\u00fcsch. Horatio Wickius entnahm seiner Jackentasche mit zitternden H\u00e4nden Block und Bleistift und hielt die letzten Worte des nun Verstorbenen f\u00fcr die weiteren Ermittlungen fest. Dr. Kuno Willebrandt l\u00e4chelte versonnen und stellte sich vor, wie er in einem z\u00fcnftigen Kriminalroman die reizende Kommissarin flachlegen w\u00fcrde. Aber dies war kein z\u00fcnftiger Kriminalroman. Es war die schmutzige Wirklichkeit.*<\/p>\n\n\n\n<p><em>* Gen\u00fcsslich z\u00fcndete sich Dr. Kuno Willebrandt die Zigarette-danach an und lie\u00df seinen Blick \u00fcber den ersch\u00f6pften K\u00f6rper Anna Bellers schweifen. Die Wirklichkeit des Textes, in dem sich seine Existenz vollzog, war einfach viel geiler als die Wirklichkeit, in der ein geplagter Autor diesen Text hatte schaffen m\u00fcssen. W\u00e4hrend der Autor seit 350 Tagen keinen guten Sex mehr gehabt hatte, erlaubten es die selbstreferentiellen Eigenschaften der Literatur dem guten Doktor, die schw\u00fclen Phantasien des Autors stellvertretend auszuleben. Nat\u00fcrlich verwies auch hier der Text immer wieder auf sich selbst zur\u00fcck, hatte mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Aber das war Dr. Kuno Willebrandt in diesem Moment herzlich egal, er war schlie\u00dflich kein Literaturwissenschaftler.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>**Und die Frage des Tages wird heute von der textexternen Autoreninstanz gestellt: Welches ist die widerlichste Todesart, der ihr in Kriminalromanen bisher begegnet seid? Antworten wie &#8222;dprs Blog lesen&#8220; werden als kindisch und nicht zweckdienlich betrachtet.<br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Also&#8230;diese merkw\u00fcrdige Liste, ja? Mit den Namen drauf. 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