{"id":17788,"date":"2007-07-18T07:51:32","date_gmt":"2007-07-18T07:51:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/krimisprache-christian-freyhofers-das-dunkle-spiel\/"},"modified":"2022-06-17T00:59:07","modified_gmt":"2022-06-16T22:59:07","slug":"krimisprache-christian-freyhofers-das-dunkle-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/krimisprache-christian-freyhofers-das-dunkle-spiel\/","title":{"rendered":"Krimisprache: Christian Freyhofers &#8222;Das dunkle Spiel&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>In den Annalen der deutschsprachigen Kriminalliteratur nach dem 2. Weltkrieg sucht man den Namen Christian Freyhofer vergebens. Lebens- und Werkspuren hat er \u00f6ffentlich nicht hinterlassen, ein einziger Roman (der auch vom NDR verfilmt wurde) findet sich bisweilen in den Listen der Antiquariate, den W\u00fchlkisten der Flohm\u00e4rkte: \u201eDas dunkle Spiel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Buch ist undatiert, vieles spricht f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung Anfang der 50er Jahre. Eine Spionagegeschichte. Ein Agentenring des britischen Geheimdienstes arbeitet im Nazideutschland der Kriegsjahre, vor allem den Entwicklungen der \u201eGeheimwaffe\u201c V2 gilt ihr Interesse. Man ist gut organisiert, hat glaubw\u00fcrdige Legenden entwickelt, f\u00e4hige Mitarbeiter rekrutiert. Eine davon ist die junge Evelyn Bader, eine 21j\u00e4hrige Engl\u00e4nderin, die eigentlich Bates hei\u00dft und in einer G\u00e4rtnerei arbeitet, wo auch Duscher, Techniker der Gruppe, Unterschlupf gefunden hat. Doch bald entpuppt sich diese Gruppe als von der deutschen Spionageabwehr ferngesteuert, Doppelagenten haben das Heft in der Hand, Kompetenzgerangel bei den deutschen Dienststellen entlarvt die Konstruktion und bringen Evelyn, die Hauptperson des Romans, gleich mehrfach in Gewissenskonflikte.<\/p>\n\n\n\n<p>Freyhofer ist kein Meister der Spannungsdramaturgie, kein Hohepriester des suspense, dennoch liest sich der Roman kurzweilig. Manchmal auch hakt die Logik, so wird etwa nicht so ganz klar, wie die junge Evelyn sich \u00fcberhaupt in dieses Spionagenetz verstricken konnte. Klar indes ist, warum sie es tut, warum alle anderen es tun: Pflichterf\u00fcllung.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau hier hebt sich Freyhofers Roman aus der Masse der Unterhaltungskrimis seiner Zeit. Er ignoriert die naheliegenden Verlockungen, sein Thema moralisch auszuf\u00fcttern oder rei\u00dferisch zu verw\u00e4ssern. B\u00f6se ist nicht, wer seine Pflicht erf\u00fcllt, sei es auch im Dienste einer &#8222;b\u00f6sen Macht&#8220;. Das reduziert den Roman letztlich auf die Abl\u00e4ufe der Agentenarbeit, auf \u201edas dunkle Spiel\u201c, das nat\u00fcrlich ein Spiel mit Regeln ist, ein Spiel mit Hierarchien und eigener Dynamik, das nur die Spielverderber, die Verr\u00e4ter \u00e4chtet, gleichwohl es sie ebenso instrumentalisiert wie die &#8222;ehrlichen Idealisten&#8220;. Seltsam distanziert kommt das daher, auch als sich Evelyn in einen deutschen Offizier verliebt, der vorgibt, auf ihrer Seite zu sein, es aber in Wirklichkeit nicht ist, bleiben die erwarteten Emotionen aus. Gut und B\u00f6se existieren in dieser Welt nicht, der Offizier, obgleich \u201eFeind\u201c, versucht Evelyn zu retten, die aber nur eines will: Rache an den Verr\u00e4tern.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir aber zum wichtigsten Punkt: der Sprache. Sie ist, wie es die Geschichte auch dringend verlangt, schn\u00f6rkel- und emotionslos, die Dialoge knapp, pr\u00e4gnant, selten ein Wort zuviel. Sie ist dem, was da erz\u00e4hlt werden soll, angemessen, diesem n\u00fcchternen, kalten Spiel, das auch die Gef\u00fchle instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEr wartete drau\u00dfen und stieg dann mit ihr die Stra\u00dfenbahn. Sie l\u00f6ste eine Kurzstrecke. Er tat das Gleiche. Sie sa\u00df wenige Meter vor ihm, er hielt sich an einer Lehne fest. (&#8230;) Er dachte an sein H\u00e4uschen in Oranienburg, an die Johannisbeerernte und sein bestes Legehuhn, das \u201aZieper\u2019 hie\u00df. Lag sicher schon wieder ein Ei im Schuppen, so wei\u00df wie Schnee.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine karge Sprache also, die im Widerspruch zum \u201ethrill\u201c des Handlung steht (in obigem Zitat: die Beschattung Evelyns durch einen gegnerischen Agenten), aber in Wirklichkeit genau diese Handlung kommentiert. Das ist bisweilen die Sprache, wie man sie zur Formulierung von Gebrauchsanweisungen verwendet, weit ab von dem, was gemeinhin als \u201eliterarisch\u201c, gar \u201edichterisch\u201c durchgeht. Aber sie passt. Sie schafft jene besondere Atmosph\u00e4re, in der sich die Handlung bewegt und in der sie zugleich vexiert wird, eine Atmosph\u00e4re, in der Schauspieler zu agieren scheinen, Menschen, die sich strikt an das Textbuch halten. Das erinnert, im Ansatz wenigstens, an J.D.H. Temme, den deutschen Altmeister der dank Sprach\u00f6konomie im Wortsinne \u201eern\u00fcchterten Kriminalerz\u00e4hlung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas dunkle Spiel\u201c taucht, wie anfangs gesagt, des \u00f6fteren im Altpapierhandel auf und sollte nicht nur Experten f\u00fcr Spionageromane zum Ankauf animieren. Wer Sprache nicht nur als reines und letztlich in seiner Form beliebiges Transportmittel von Handlung sch\u00e4tzt, kann hier studieren, was sie dar\u00fcber hinaus zu leisten vermag. Kein Geniestreich, aber ein Dokument zum besseren Verst\u00e4ndnis dessen, was Krimi sein k\u00f6nnte, w\u00e4ren die gro\u00dfe Mehrheit seiner ProduzentInnen nicht mit dem Design windschl\u00fcpfriger Spannungsstandards besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mehr zur Sprache von Kriminalliteratur findet das interessierte Publikum im zweiten Heft von \u201emakro scoop\u201c: \u201eSprachloses Plappern oder Der Fluch des Deutschunterrichts\u201c. Kann \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier<\/a> zum Preis von 12 \u20ac f\u00fcr die Papierausgabe resp. 6 \u20ac f\u00fcr die Digitalausgabe (PDF) f\u00fcr die Ausgaben 1 (\u201eSchlechter Krimi Wirklichkeit\u201c, lieferbar) bis 3 bestellt werden. Heft 2 erscheint Ende September 2007. <\/em><br \/>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Annalen der deutschsprachigen Kriminalliteratur nach dem 2. Weltkrieg sucht man den Namen Christian Freyhofer vergebens. 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