{"id":17789,"date":"2007-07-19T07:50:20","date_gmt":"2007-07-19T07:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/hitzewellenkrimis\/"},"modified":"2022-06-08T00:16:07","modified_gmt":"2022-06-07T22:16:07","slug":"hitzewellenkrimis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/hitzewellenkrimis\/","title":{"rendered":"Hitzewellenkrimis"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/heatwave.jpg\" alt=\"heatwave.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie wird kommen: die n\u00e4chste Hitzewelle. Und was macht man dann im Schatten der alten Eiche im Garten? \u201eAlle Existentialismusstellen bei Kafka raussuchen\u201c, \u201eDie Nachbarin zum Gutkirschenessen einladen\u201c oder \u201eMit dem Luftgewehr auf Amseln schie\u00dfen\u201c sind nicht tagesf\u00fcllend. Also Krimis lesen. Krimis, die einfach nur Krimis sind, solide, ohne wirkliche \u00dcberraschungen, nichts weit und breit, was das Kleinhirn \u00fcber Geb\u00fchr strapaziert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sean Rowe ist ein vom Schicksal schwer gebeutelter Mensch.<em> \u201eNach dem Abitur befuhr er mit einem selbstgebauten Flo\u00df den Mississippi, arbeitete als Journalist und als Krankenpfleger auf einer Krebsstation. 1999 geriet Rowe vor einen Zug. Er \u00fcberlebte wie durch ein Wunder.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und schrieb in den Zeiten der allm\u00e4hlichen Genesung \u201eTraumschiff\u201c, ein Musterexemplar von hartgesottenem Ami-Gangsterkrimi. Spektakul\u00e4re Aktionen (Gangster \u00fcberfallen einen Luxuskreuzer, auf dem die Mafia heimlich Drogengelder transportiert), versch\u00e4rftes unnat\u00fcrliches Ableben, eine Drogenbaronin im Rollstuhl, ein (Stief-)Bruderkonflikt, eine schmalzige Liebesgeschichte, die haarscharf am Inzest vorbeischrammt \u2013 und ein letzter Satz, der dieses Schmalzige eventuell in etwas wirklich Hinterh\u00e4ltiges umkehren k\u00f6nnte. Man wei\u00df es nicht, aber man hofft doch sehr. Ernstnehmen sollte man \u201eTraumschiff\u201c also nicht, gut unterhalten lassen davon schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Lob auch f\u00fcr den marebuchverlag, in dem nicht nur eine wundersch\u00f6ne Zeitschrift (mare) erscheint, die wiederum ein vielleicht noch wundersch\u00f6neres Fernsehmagazin (mare tv) verantwortet, sondern wo auch clevere Gestalter sitzen, die genau wissen, wie sie via Coverfoto an die dirty old men im deutschen Lande appellieren m\u00fcssen. Beim Verfasser dieser Zeilen ist die Rechnung jedenfalls voll aufgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Friederike Schm\u00f6e von einem schweren Schicksal zu reden, w\u00e4re k\u00fchn. <em>\u201eSeit \u00fcber zehn Jahren ist sie an der dortigen [Bamberger] Universit\u00e4t als Dozentin f\u00fcr Linguistik t\u00e4tig, seit 2005 auch im Saarland.\u201c <\/em>Okay, das ist tragisch genug. In ihrer Freizeit verfasst Frau Schm\u00f6e Krimis und schickt ihre Heldin, die Privatdetektivin Katinka Palfy in den mittlerweile sechsten Fall. In dessen Zentrum steht der Exlehrer Isenstein, seit einem Unfall an \u201ePers\u00f6nlichkeitsspaltung\u201c leidend, dem sogenannten Dostojewski-Syndrom. Jemand schickt ihm anonyme Briefe und beschuldigt ihn mehrerer Morde. Die werden alle nach einem bestimmten Muster begangen, das an E.T.A. Hoffmanns \u201eDie Elixiere des Teufels\u201c erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, so weit so weit hergeholt. Deswegen den Roman einen \u201eE.T.A.-Hoffmann-Krimi\u201c zu nennen, ist vielleicht doch etwas kess. Aber sei\u2019s drum. Friederike Schm\u00f6e schreibt den Whounnit-Stiefel mit sch\u00f6ner Souver\u00e4nit\u00e4t bis zum handlungsreichen Ende, es flie\u00dft in einen rein, aus einem raus, dazwischen ein entspannendes leserliches Wohlbehagen. Reicht f\u00fcr die hei\u00dfen Tage, ersetzt aber nicht die k\u00fchlen Getr\u00e4nke.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, mal ehrlich, manchmal reicht es eben nicht. Dann jedenfalls, wenn man sich an die triste Wirklichkeit erinnert, an die Fallstricke des Berufsalltags, wo du jeden Augenblick \u00fcber deine doch arg spezielle Ausbildung stolperst und dir w\u00fcnschst: Ach, h\u00e4tte ich noch etwas anderes gelernt! Auch hier schafft Krimi Abhilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Beverly Connors \u201eDie vierte Schlinge\u201c zum Beispiel. Wenn du das Buch zu lesen beginnst, bist du M\u00fcllkutscher, Studienrat oder Backwarenfachverk\u00e4uferin. Sp\u00e4testens auf Seite 200 dann: \u201eforensische Anthropologin\u201c. Denn haarklein schildert Connor, wie ihre Heldin, die \u2013 tata! \u2013 forensische Anthropologin Diane Fallon einen nun wirklich grausigen Dreifachmord aufkl\u00e4rt, bei dem es nat\u00fcrlich nicht bleibt. Am Ende kreuzen acht Leichen den Weg der vielbesch\u00e4ftigten Frau (sie ist nebenbei noch Museumsleiterin), jede von ihnen geschickt in die gelehrten Ausf\u00fchrungen eingestreut, so dass Langeweile nicht aufkommen mag. Da die Heldin noch in den Besitz einer Mumie gelangt, kann, wem das forensische Anthropologisieren ein bissel fad ist, k\u00fcnftig auch als Fachmann f\u00fcr \u00e4gyptische Schrumpfleichen arbeiten. Oder Knotenexperte, sogar dar\u00fcber wei\u00df Connor so manches zu erz\u00e4hlen. Lehrreich und clever in Szene gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>So packt man selbst diese Hitzewelle, und die Amseln bleiben am Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sean Rowe: Traumschiff. <br \/>Marebuchverlag 2007. 234 Seiten. 19,90 \u20ac<br \/>(Original: \u201eFever\u201c, 2005, deutsch von Hans-Joachim Maass)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Friederike Schm\u00f6e: Januskopf. <br \/>Gmeiner 2007. 271 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Beverly Connor: Die vierte Schlinge. <br \/>Knaur 2007. 494 Seiten. 8,95 \u20ac<br \/>(Original: \u201eDead Guilty\u201c, 2004, deutsch von Michael Bayer)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie wird kommen: die n\u00e4chste Hitzewelle. 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