{"id":17797,"date":"2007-07-25T07:15:25","date_gmt":"2007-07-25T07:15:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-4\/"},"modified":"2022-06-13T15:49:39","modified_gmt":"2022-06-13T13:49:39","slug":"crime-school-spannungsstudien-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/crime-school-spannungsstudien-4\/","title":{"rendered":"Crime School &#8211; Spannungsstudien 4"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ge\u00fcbte LeserInnen von Kriminalromanen kennen das Spielchen. Geht es nicht um das Werwars, dann wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit \u201epsychologisch\u201c. Oder, getreu der Hoffnung, Krimis als Aufkl\u00e4rungsflugzeuge \u00fcber der Topografie der Wirklichkeit segeln zu lassen: gesellschaftskritisch. An Iain McDowalls aktuellem Roman \u201eZwei Tote im Fluss\u201c wollen wir uns anschauen, wie sich das \u201eSpannungsverh\u00e4ltnis\u201c dieser einzelnen Schulen des suspense musterg\u00fcltig aufbaut.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte beginnt altbekannt. Im Ort Crowby nahe Birmingham wird der Schwarze Darren McGee tot im Fluss aufgefunden. Da er unter Shizophreniesch\u00fcben litt und Spuren \u00e4u\u00dferer Gewalteinwirkung nicht eindeutig festzustellen sind, wird der Fall als Selbstmord zu den Akten gelegt. Bis McGees Cousin Paul Shaw, ein bekannter Londoner Journalist, in Crowby auftaucht und selbstst\u00e4ndig zu ermitteln beginnt. Der Polizeiprotagonist Frank Jacobson, dem Shaw seine These, McGee sei Opfer eines rassistischen Anschlags geworden, unterbreitet, glaubt nicht daran. Er \u00e4ndert seine Meinung erst, als auch Shaw tot aus dem Fluss gefischt wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/mcdowall.jpg\" alt=\"mcdowall.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>So beginnen Polizeiromane, und gemeinhin haben sie nach einer solchen Ouvert\u00fcre die Wahl, sich in zwei alternative Richtungen weiterzuentwickeln. Entweder sie fahren der L\u00f6sung auf der Whodunnitschiene entgegen (eine Gruppe m\u00f6glicher T\u00e4ter wird aufgebaut, der M\u00f6rder schlie\u00dflich durch Indizien, Zufall, eine gestellte Falle inflagranti gestellt) oder sie benutzen den seit McBain und Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 \u00e4u\u00dferst popul\u00e4ren Weg der zumeist im Team geleisteten Kleinarbeit. Beide Formen k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch gemischt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eZwei Tote im Fluss\u201c werden sie das von Anfang an nicht. Whodunnit? Eine Gruppe von Rechtsradikalen, womit wir auch das \u201egesellschaftskritische, wirklichkeitstaugliche\u201c Element schon im Spiel h\u00e4tten, was LeserInnen der englischen Originalausgabe bereits am Titel (\u201eKilling for England\u201c) erraten konnten. Bliebe also nur der Ermittlungsweg als Spannungsbogen. Auch hier nun er\u00f6ffnen sich zwei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; die Ermittlungen konzentrieren sich auf das Opfer (klassisches Beispiel Sj\u00f6wall \/Wahl\u00f6\u00f6s \u201eEndstation f\u00fcr Neun\u201c, wo die Suche nach dem T\u00e4ter erst beginnen kann, wenn man wei\u00df, welches der neun Opfer NICHT zuf\u00e4llig und willk\u00fcrlich get\u00f6tet wurde)<br \/>&#8211; die Ermittlungen konzentrieren sich auf den T\u00e4ter (der Regelfall)<\/p>\n\n\n\n<p>Beidemale kippt die Spannung fast zwangsl\u00e4ufig ins \u201ePsychologische\u201c, die Ermittler versuchen sich ein Bild zu machen, sie entwickeln Psychogramme.<\/p>\n\n\n\n<p>McDowall scheint uns dabei zun\u00e4chst auf ganzer Linie zu entt\u00e4uschen. Seine T\u00e4ter sind tumbe Nazis, die das \u00fcbliche strunzdumme Zeug von sich geben, undifferenziert agieren und so bis zum Ende die Theorie zu best\u00e4tigen scheinen, dass ein gewiss ehrenhaft gew\u00e4hltes und bearbeitetes Thema keinen automatischen Pluspunkt bei der Kritik erhalten sollte und schon gar nicht fehlende Spannung kompensieren kann. Auch Ermittler und Opfer eigenen sich kaum f\u00fcr tiefergehende psychologische Studien. Sie sind entweder biedere Gesch\u00f6pfe mit den krimibekannten Alltagseheproblemen oder eben \u2013 Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass man dennoch bei der Stange bleibt, liegt an den handwerklichen F\u00e4higkeiten des Autors, der seine Geschichte sprachlich flexibel mit lakonischer Ironie erz\u00e4hlt und perspektivisch geschickt aus diversen Blickwinkeln betrachtet. Aber auch hier scheint er einen gro\u00dfen Fehler zu begehen. Eine Person n\u00e4mlich, die als Nebenfigur eingef\u00fchrt wird, erh\u00e4lt entschieden zu viel Raum. Wir begleiten sie bei ihren Allt\u00e4glichkeiten, der Wohnungssuche zum Beispiel, und nichts von dem, was wir dabei erfahren, hat irgendeine Relevanz f\u00fcr die Story selbst. Glauben wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genau das t\u00e4uscht. Je harmloser diese Figur durch die Geschichte wandert, desto st\u00e4rker wird unser Verdacht, das k\u00f6nne nicht alles sein. Und so ist es. Am Ende ist diese periphere Person der geheime Dreh- und Angelpunkt des Buches, die eigentliche \u201eSpannungsmaschine\u201c. Sie ist auch die einzige Angeh\u00f6rige des Personals, deren Werdegang \u201eerz\u00e4hlt\u201c wird. Alle anderen kommen daher wie mit wenigen Strichen vorgezeichnete Umrisse, nicht schlecht gemacht, aber kaum geeignet f\u00fcr die \u201ePsychologie\u201c, die wir erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der mit dem Kulminieren dieser Entwicklung einhergehende Handlungsumschwung ist nicht spektakul\u00e4r, aber sehr effektiv. Die \u201egesellschaftsanalytische Komponente\u201c wird modifiziert, die Aufl\u00f6sung des Falles als nat\u00fcrlicher Zielpunkt des Spannungsbogens erst durch das Handeln dieser Person erreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bemerkenswerte an McDowall ist nun, dass er unsere Erwartungen an die Spannungsentwicklung gleich mehrfach zu entt\u00e4uschen scheint. Wir wissens stets mehr als die Ermittler, ja, wir wissen ALLES. Das aber ist der Spannungskiller Nummer eins. Kein Nervenkitzel nirgends, nichts, was nicht vorhersehbar w\u00e4re (die Ermittlungen verlaufen unspektakul\u00e4r, als einziger Hemmschuh tauchen die \u00fcblichen unf\u00e4higen Vorgesetzten und am Ende ein wenig \u201eStaatsr\u00e4son\u201c auf), wir finden uns schon ab, dass \u201eZwei Tote im Fluss\u201c allein hinsichtlich seines au\u00dferliterarischen Informationsgehalts (auch in England gibt es Rassisten!) geschrieben wurde \u2013 und das ist nat\u00fcrlich ersch\u00fctternd wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Spannung wird uns quasi subkutan injiziert, sie wirkt fast beil\u00e4ufig, sie steigert sich, weil uns die Person, die diese Spannung entwickelt, dies geradezu beil\u00e4ufig tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Krimihistorisch betrachtet hat McDowall die beiden gro\u00dfen Spannungsproduzenten des Genres hier souver\u00e4n gegeneinander ausgespielt: die Frage nach dem Wer und die Frage nach dem Warum, die, wenn sie nicht lapidar mit \u201eaus Geld- und Machtgier\u201c zu beantworten ist, zuverl\u00e4ssig im Psychologischen m\u00fcndet. Die Ordnung des \u00c4u\u00dferen und die des Inneren eben. Dass auch \u201eZwei Tote im Fluss\u201c am Ende \u201epsychologisch\u201c ist, sei zur Kenntnis genommen. Entscheidend bleibt, dass McDowalls Dramaturgie Spannung als etwas sehr Unspektakul\u00e4res inszeniert, etwas, das die ganze Aufmerksamkeit der Leserschaft verlangt. Und erst zum Schluss, als sich die Spannung entl\u00e4dt, wird klar, dass wir eigentlich schon sehr viel fr\u00fcher h\u00e4tten drauf kommen m\u00fcssen, wie sich hier eine Katastrophe entwickelt. Kleinste, allt\u00e4gliche Indikatoren, kein Feuerwerk des Thrills. Auch so kann Spannung funktionieren. Und zwar bestens.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Iain McDowall: Zwei Tote im Fluss. <br \/>Dtv 2007 (Original: \u201eKilling for England\u201c, 2005, deutsch von Werner L\u00f6cher-Lawrence). <br \/>379 Seiten. 9,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ge\u00fcbte LeserInnen von Kriminalromanen kennen das Spielchen. Geht es nicht um das Werwars, dann wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit \u201epsychologisch\u201c. Oder, getreu der Hoffnung, Krimis als Aufkl\u00e4rungsflugzeuge \u00fcber der Topografie der Wirklichkeit segeln zu lassen: gesellschaftskritisch. An Iain McDowalls aktuellem Roman \u201eZwei Tote im Fluss\u201c wollen wir uns anschauen, wie sich das \u201eSpannungsverh\u00e4ltnis\u201c dieser einzelnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17797","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17797","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17797\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}