{"id":17798,"date":"2007-07-26T08:14:30","date_gmt":"2007-07-26T08:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/marek-krajewski-gespenster-in-breslau\/"},"modified":"2022-06-17T00:50:37","modified_gmt":"2022-06-16T22:50:37","slug":"marek-krajewski-gespenster-in-breslau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/marek-krajewski-gespenster-in-breslau\/","title":{"rendered":"Marek Krajewski: Gespenster in Breslau"},"content":{"rendered":"\n<p>Breslau 1919. Aha: wieder ein historischer Krimi. Das Trauma des Ersten Weltkriegs, Revolution, Freikorps, Barrikaden, Verelendung der Massen \u2013 und am Horizont winkt schon der Gefreite mit dem Chaplin-B\u00e4rtchen. Typische Flei\u00dfarbeit, denkt man. Da hat jemand ein paar Geschichtsb\u00fccher exzerpiert und strickt nun \u201eKrimi\u201c drumrum. Falsch. Marek Krajewski arbeitet anders. Und viel besser.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vier nackte M\u00e4nner mit Matrosenm\u00fctzen: bestialisch get\u00f6tet, die gebrochenen Glieder grotesk ineinander verrenkt. Daneben ein Brief: Eberhard Mock solle eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Sonst gehe das Morden weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eberhard Mock ist Kriminalassistent bei der \u201eSitte\u201c der Breslauer Polizei. Jetzt zur Mordkommission abkommandiert und gleich sehr direkt in den Fall verwickelt. Was soll er gestehen? Er wei\u00df es nicht. Und der T\u00e4ter h\u00e4lt sein Versprechen, er mordet weiter. Wen Mock verh\u00f6rt, ist kurz darauf tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Mock Fehler macht, bleibt dem Leser nicht verborgen. Er ist st\u00e4ndig alkoholisiert, hurt sich durch die N\u00e4chte, erpresst nebenbei und ist auch sonst das, was man einen umsympathischen Zeitgenossen nennt. Sein geheimer Gegenspieler aber ist schlicht schwer bescheuert. Wir lernen ihn in kurzen Tagebuchausz\u00fcgen kennen, wo er sich in philosophische Wahnwelten zwischen griechischer Mythologie und falschverstandener Nietzschelekt\u00fcre versteigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n soweit; ein fieser Ermittler, ein wahnsinniger \u201eSerienkiller\u201c, das kennt man schon. Und das alles vor dem Hintergrund des noch deutschen Breslau, vorz\u00fcglich im Rotlichtmilieu, das aber \u00fcbergangslos \u201edie besseren Kreise\u201c mit einbezieht. Das historische setting hingetuscht, nicht journalistisch reportiert. Man ahnt die Verwerfungen der Zeit mehr als man sie in Fakten oder Reflexionen pr\u00e4sentiert bekommt. Krajewski h\u00e4lt sich nicht damit auf, er dringt zum Kern seiner Sache vor: der Befindlichkeit der Epoche.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Mock, mag er auch ein Scheusal sein, ist eben nicht nur ein Scheusal. Er liebt, er k\u00fcmmert sich, er sieht Gespenster \u2013 wirkliche, nachgemachte, phantasierte. Was er tut, ist nicht immer logisch, ist nicht selten \u00fcberzogen \u2013 und doch passend. Auch der T\u00e4ter, der kein Einzelt\u00e4ter ist, sondern Mitglied einer \u201eLoge\u201c, ist eben nicht nur verr\u00fcckt, sondern auch rational. So verschwimmen die Werte, und genau darin zeigt sich jene Epoche nach dem Ersten Weltkrieg in all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit, ihrer Brisanz, ihrem Schwanken zwischen den Ideologien und sonstigen Wahnwitzigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze wird, je weiter wir dem H\u00f6hepunkt zusteuern, zunehmend surreal und erinnert durchaus an die Romane von Fred Vargas. Die L\u00f6sung der Frage etwa, was Mock denn nun als Fehler eingestehen soll, ist als Kern des Plots v\u00f6llig l\u00e4cherlich \u2013 wenn man es isoliert betrachtet. Im Kontext des \u201eZeitgeistes\u201c jedoch macht es Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGespenster in Breslau\u201c ist gewiss ein \u201epsychologischer Roman\u201c, aber eben auch und besonders ein \u201ehistorischer\u201c, der jenseits der \u00fcblichen und meist dr\u00f6gen Faktenhuberei den Seelenzustand einer Epoche aus dem Seelenzustand ihrer Akteure heraus erkl\u00e4rt. Nein, nicht einmal erkl\u00e4rt. Zeigt. Wobei mit allen verf\u00fcgbaren konventionellen Spannungsmustern gearbeitet wird (obwohl ge\u00fcbte Leser den \u201eB\u00f6sen\u201c recht schnell zu identifizieren verm\u00f6gen), die aber doch zu jener Spannung f\u00fchren, die sich Leserin und Leser als denkende und kombinierende Menschen selbst erzeugen m\u00fcssen. Womit wir wieder bei Fred Vargas w\u00e4ren, auch wenn deren Baupl\u00e4ne andere sind. Im Kern \u00e4hneln sie einander doch. Schick deine Personen durch die Welt \u2013 und entdecke eine andere, damit du die Welt, durch die du dich bewegst, auch verstehst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Marek Krajewski: Gespenster in Breslau. <br \/>Dtv 2007 <br \/>(Original: \u201eWidma w miescie Breslau\u201c, 2005, deutsch von Paulina Schulz). <br \/>316 Seiten. 14,50 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Breslau 1919. Aha: wieder ein historischer Krimi. Das Trauma des Ersten Weltkriegs, Revolution, Freikorps, Barrikaden, Verelendung der Massen \u2013 und am Horizont winkt schon der Gefreite mit dem Chaplin-B\u00e4rtchen. Typische Flei\u00dfarbeit, denkt man. Da hat jemand ein paar Geschichtsb\u00fccher exzerpiert und strickt nun \u201eKrimi\u201c drumrum. Falsch. Marek Krajewski arbeitet anders. 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