{"id":17803,"date":"2007-07-31T07:29:48","date_gmt":"2007-07-31T07:29:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/louis-bayard-the-pale-blue-eye\/"},"modified":"2022-06-15T02:03:12","modified_gmt":"2022-06-15T00:03:12","slug":"louis-bayard-the-pale-blue-eye","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/07\/louis-bayard-the-pale-blue-eye\/","title":{"rendered":"Louis Bayard: The Pale Blue Eye"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieses ist die zweite Besprechung eines der Kandidaten f\u00fcr den Edgar des Jahres 2007, Kategorie \u201eBestes Buch\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der 30er Jahren des 19. Jahrhunderts ist die ber\u00fchmte West Point Milit\u00e4rakademie noch jung und hat viele Neider. Diese s\u00e4hen nichts lieber, als dass die Anstalt geschlossen w\u00fcrde. Die Ermordung eines jungen Kadetten und die nachtr\u00e4gliche Entfernung des Herzens aus dem Leichnam k\u00f6nnten hierzu Anlass geben. Die F\u00fchrung der Akademie beschlie\u00dft deshalb Gus Landor, zuvor als Detektiv bei der New Yorker Polizei t\u00e4tig, hinzuzuziehen. Schon bald wird Landor von Edgar Allen Poe, seinerseits Kadett der Akademie, angesprochen und entschlie\u00dft sich, diesen im Weiteren als Helfer einzuspannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich zu Anfang des Buches schon erz\u00e4hlt Landor, der die Geschichte als Icherz\u00e4hler vortr\u00e4gt, dass er den Spuren von Ursache und Wirkung folgt und so sammelt er, ganz dem Rationalismus verpflichtet, auch in kurzer Zeit einige wenige Indizien, die ihm weitreichende Schlussfolgerungen erlauben: Eine Gruppe von Teufelsbeschw\u00f6rern scheint auf dem Gel\u00e4nde der Akademie aktiv zu sein und bald wird auch ein zweiter Kadett der Einrichtung tot aufgefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Edgar Allen Poe also: Der Vater des Krimis. \u201eThe Pale Blue Eye\u201c pr\u00e4sentiert uns Poe als noch jungen Mann, als jemand der noch auf der Suche ist, von der Muse schon gek\u00fcsst, aber von ihr noch nicht \u00fcberw\u00e4ltigt. Mit seinem Auftauchen ver\u00e4ndert sich die Vorgehensweise der Aufkl\u00e4rung im Buch. <em> It was just a guess, honestly. [\u2026] A hunch, yes, [\u2026]<\/em>. Sie wird intuitiver. Die Romantik, ein wenig Lord Byron und sinnschwere Gedichte halten Einzug und ohne dass Landor es auch recht zu merken scheint, entwickelt sich Poe vom Helfer zu einer tragenden Rolle der Untersuchung. Poes Sicht der Dinge erf\u00e4hrt der Leser nur \u00fcber dessen regelm\u00e4\u00dfige Briefe an Landor \u2013 in denen er allerdings auch ausschweifend von seiner aufkeimenden Liebe erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>So eine Erz\u00e4hlung funktioniert nat\u00fcrlich nur, wenn die Personen und ihre Sprache nicht nur in die Zeit passen, sondern zwingend zu ihr geh\u00f6ren. Und in der Tat sind die Atmosph\u00e4re und die Sprache eine ganz starke Seite des Buches. Alles scheint stimmig zu sein, so stimmig sogar, dass der Autor wohl f\u00fcrchtet, dass die amerikanischen Leser ob der ungewohnten W\u00f6rter mehr zum W\u00f6rterbuch greifen m\u00fcssen, als dem ungetr\u00fcbten Lesevergn\u00fcgen dienlich sein kann. <em>And why was it that after the bombadiers fired their voleys over Leroy Fry\u2019s grave, the mountains caught the report and refused to part with it ?<\/em> Und so kommt es dann, dass Bayard vereinzelt eine schon mankellsche Schwatzhaftigkeit an den Tat legt, denn zum vorhergehenden Satz meint er auch noch ausf\u00fchren zu m\u00fcssen: <em>It kept echoing, I mean, [\u2026] <\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckzug in die Vergangenheit und ggf. die literarische Verwendung einer realen oder fiktiven Gestalt ist ja nicht ganz neu, der so konsequente Einsatz der Sprache scheint mir aber eher selten zu sein (David Liss oder Iain Pears fielen mir noch ein). Aufgewertet wird das Buch in diesem Bereich noch dadurch, dass Bayard wohl ein kenntnisreicher Kenner Poes ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit so gut. Denjenigen die aufgehen in dieser Sprache, mag es mehrheitlich vielleicht nicht wichtig erscheinen, aber im Spannungsbereich hat das Buch Defizite. Am Anfang, nat\u00fcrlich, wenn der Tote entdeckt wird &#8230; aber dann ? Pl\u00f6tzlich entdeckt man, dass nur noch 70 Seiten zu lesen sind, mithin also der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil des 412 Seiten umfassenden Buches absolviert ist und im Weiteren wenig Spurenarbeit geleistet, wenige Verd\u00e4chtige identifiziert wurden und wir umso mehr Anteil nehmen durften an der Liebe Poes \u2013 wobei der kundige Leser nat\u00fcrlich wei\u00df, dass aus dieser Liebe nicht viel werden konnte, denn die sp\u00e4tere Frau Poes muss offensichtlich eine andere sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein originelles Buch, nicht ohne Anspruch, dem auch gerecht werdend; in eine Zeit gestellt, die es nicht besch\u00f6nigt, aber auch nicht auslotet, mit einer insgesamt leicht eskapistischen Tendenz also und am Ende nicht sehr komplex und doch mit einer originellen Wendung. Der \u201ekunstsinnige\u201c Leser d\u00fcrfte einige vergn\u00fcgliche, intelligent gestaltete Abende mit dem Buch verbringen und der Poekenner seinen Spa\u00df haben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Louis Bayard: The Pale Blue Eye. <br \/>Murray 2007. 432 Seiten. 10,80 \u20ac <br \/>(noch keine deutsche \u00dcbersetzung)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses ist die zweite Besprechung eines der Kandidaten f\u00fcr den Edgar des Jahres 2007, Kategorie \u201eBestes Buch\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":42,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[397,474],"class_list":["post-17803","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-buchkritik","tag-krimi"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Bernd Kochanowski","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/bernd-kochanowski\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17803","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/42"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17803"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17803\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17803"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}