{"id":17805,"date":"2007-08-01T08:03:47","date_gmt":"2007-08-01T08:03:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/krimi-sprache-notizen\/"},"modified":"2022-06-05T22:21:26","modified_gmt":"2022-06-05T20:21:26","slug":"krimi-sprache-notizen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/krimi-sprache-notizen\/","title":{"rendered":"Krimi, Sprache, Notizen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/ms_logo.jpg\" alt=\"ms_logo.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sprache und Krimi: das Thema des zweiten Heftes von makro scoop. Ein Fass ohne Boden, denn wer sich mit Krimisprache besch\u00e4ftigt, sollte sich vorab mit Sprache auseinandersetzen. Ein paar lose Gedanken vorab.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sprache ist mehr als Wortschatz und Grammatik. Sie ist auch mehr als Rhythmus und Wohlklang, mehr als einfach nur \u201eStil\u201c, mehr als ein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr hehres Gedankengut, mehr als blo\u00dfes Transportmittel sowieso. Sprache ist gleicherma\u00dfen Gestaltungs- wie Kommunikationsinstrument, die \u201eInhalte\u201c aber, die es da zu gestalten und zu vermitteln gilt, konstituieren nicht nur Handlung. Sprache kann mehr, Sprache tut mehr. Sie ist unfassbar, kein Wert an sich. Wie so oft ist es unm\u00f6glich, ihren Idealzustand (oder Zust\u00e4nde, die einem Ideal nahek\u00e4men) zu beschreiben. Viel einfacher ist es, ihre vermurkste Anwendung zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch. Die ersten Autoren von \u201eKrimis\u201c waren ge\u00fcbte Stilisten. Nicht unbedingt gl\u00e4nzende, aber sie standen in einer literarischen Tradition. Adolph M\u00fcllner, dessen \u201eDer Kaliber\u201c von 1828 eine Ahnung von \u201eKrimi\u201c gab, besa\u00df als Dramatiker einiges an gutem Ruf (von dem heute nichts mehr geblieben ist; aber das ist eine andere Geschichte). \u00dcber den Stilisten Edgar Poe brauchen wir hier kein Wort zu verlieren. Aber auch ein Carl von Holtei (\u201eSchwarzwaldau\u201c, 1856) wurde nicht als Krimischreiber geboren, sondern verfasste in den ersten f\u00fcnf Jahrzehnten seines Daseins Theaterst\u00fccke, Lyrik, k\u00fcrzere wie l\u00e4ngere Prosa. Engl\u00e4nder wie Dickens oder Collins erw\u00e4hnen wir nur. Auch sie hatten keine \u201eKrimisprache\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Will sagen: Die Sprache des Kriminalromans entwickelte sich aus der Sprache der allgemeinen Literatur heraus. Und die war im Umbruch. Sie wurde \u201erealistischer\u201c, was schlicht an den Inhalten lag, die es zu gestalten, zu vermitteln galt. Erste Beispiele finden wir in Deutschland dort, wo \u201eSp\u00e4tromantik\u201c draufsteht. Die sp\u00e4ten Novellen von Ludwig Tieck, M\u00f6rickes \u201eMaler Nolten\u201c, Immermanns \u201eM\u00fcnchhausen\u201c, wo wir zwei Handlungsstr\u00e4nge antreffen, deren einer dabei ist, sich aus der Romantik zu l\u00f6sen, w\u00e4hrend der andere noch etwas z\u00f6gerlich seinen Fu\u00df auf den Boden des Profanen und Allt\u00e4glichen setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird nicht \u00fcberraschen, dass die Noch-Gleichzeitigkeit von romantischer und realistischer Sprache ein idealer Boden f\u00fcr die Sprache der Kriminalliteratur wurde. Das Grauen, der Schauder, das Mysterium: romantisch. Die Welt, in der die Verbrechen stattfanden: schon realistisch. Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c kann hierf\u00fcr als pr\u00e4chtiges Beispiel gelten, wobei man sich nicht von \u201eliterarischen Epochen\u201c irritieren lassen sollte. Die Sprache der Romantik wurde nicht einfach ad acta gelegt, um die Sprache des Realismus als neue stilistische Sau durchs poetische Dorf zu treiben. In der Kriminalliteratur vor allem haben diese beiden ineinander verschr\u00e4nkten Sprachwelten viel l\u00e4nger \u00fcberlebt. Ja, bis heute eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Reden wir von der Sprache des Krimis, dann reden wir gezwungerma\u00dfen von ihrer Trivialisierung. Das aber ist nicht so einfach, wie es scheint. Wenn n\u00e4mlich stimmt, was zu Beginn dieser Notizen behauptet wurde, dass Sprache per se nicht mittels Qualit\u00e4tsschablonen zu bewerten ist, dann ist der blo\u00dfe Umstand einer TRIVIALEN Sprache ebenfalls nicht ausreichend, ihren Wert zu bestimmen. Trivial meint nur: Die Sprache ist leicht verst\u00e4ndlich, vorwiegend versatzst\u00fcckhaft, auf die Vermittlung \u00e4u\u00dferer Effekte justiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der Autoren, die etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Kriminalromane schrieben \u2013 und zwar nicht selten massenhaft! \u2013 konnten sich einer h\u00f6heren humanistischen Bildung r\u00fchmen. Was nun zwar kein Garant f\u00fcr Sprachg\u00fcte sein kann, es aber doch wahrscheinlich macht, dass sie gen\u00fcgend Sprachgef\u00fchl besa\u00dfen, literarisch beg\u00fcterte Sprachkonzepte wenigstens zu imitieren, ohne sich vollst\u00e4ndig l\u00e4cherlich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutige AutorInnen, die sich einer \u201eanspruchsvollen Sprache\u201c bedienen, tun aber genau das: Sie machen sich l\u00e4cherlich. Viele jedenfalls. Sie sind Opfer \u2013 und zugleich T\u00e4ter \u2013 einer Sprachverderbtheit, die sich im Wahnwitz von Formulierungen wie \u201egutes Deutsch\u201c oder \u201eliterarischer Stil\u201c verbirgt. Sie stehen in Konkurrenz zu jenen KollegInnen, bei denen Sprache einfach nur \u201eflutschen\u201c muss, ohne den Hauch einer Ahnung von dem, was Sprache zu leisten vermag \u2013 auch wenn sich kein fl\u00fcchtiger Leser durch sie ohne intellektuellen Widerstand schm\u00f6kert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind Eckpunkte. Mehr dar\u00fcber in \u201emakro scoop 2\u201c, der kleinsten feinen Krimizeitschrift, die man \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier<\/a> bestellen kann. Aber nur alle drei Hefte des Jahres 2007 gemeinsam. Ohne weitere Abo-Verpflichtung. F\u00fcr zusammen 6 Euro (die Digitalausgabe als PDF-Dokument) beziehungsweise 12 \u20ac (die Papierausgabe, die Digitalausgabe gibt\u2019s gratis dazu, Porto und Verpackung inklusive).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache und Krimi: das Thema des zweiten Heftes von makro scoop. Ein Fass ohne Boden, denn wer sich mit Krimisprache besch\u00e4ftigt, sollte sich vorab mit Sprache auseinandersetzen. 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