{"id":17808,"date":"2007-08-02T07:31:32","date_gmt":"2007-08-02T07:31:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/ross-thomas-umweg-zur-hoelle\/"},"modified":"2022-06-15T21:50:31","modified_gmt":"2022-06-15T19:50:31","slug":"ross-thomas-umweg-zur-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/ross-thomas-umweg-zur-hoelle\/","title":{"rendered":"Ross Thomas: Umweg zur H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"\n<p>Ross Thomas kann\u2019s. Nun, das ist keine sensationelle Neuigkeit. Aber was kann Ross Thomas? Amerikas Wirklichkeit hinter dem sch\u00f6nen Schein (die l\u00e4ngst auch unsere ist) sezieren, das alles mit einer stilistischen Leichtigkeit, die auf das Schwerdenken verzichtet, einem souver\u00e4n zusammengestellten Figurentableau und Dialogen, die wie Ma\u00dfanz\u00fcge sitzen. All das \u2013 und noch ein wenig mehr.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der r\u00fchrige Alexander Verlag nimmt sich seit geraumer Zeit des Thomas\u2019schen OEuvres in wohlfeilen Taschenbuchausgaben an und treibt sein lobenswertes Unterfangen mit dem 1978 erschienenen ersten Fall f\u00fcr Artie Wu und Quincy Durant voran. In \u201eUmweg zur H\u00f6lle\u201c (\u201eChinaman\u2019s Chance\u201c) schauen wir den beiden Freunden, die sich schon seit Waisenhauszeiten kennen, bei einer besonders komplexen Intrigenspinnerei zu, die damit beginnt, dass Wu \u00fcber einen toten Pelikan stolpert, sich den Kn\u00f6chel verstaucht und vom \u201ezuf\u00e4llig\u201c seines Weges kommenden Multimillion\u00e4r Randall Piers zu Durants Strandhaus gebracht wird. Das Ganze ist nat\u00fcrlich arrangiert \u2013 von beiden Seiten. Piers braucht zwei ausgeschlafene Burschen, um seine Schw\u00e4gerin zu finden, die in eine b\u00f6se Sache verstrickt und untergetaucht ist. Sie, Silk, geh\u00f6rte einstmals zu einem erfolgreichen Schwesterngesangstrio, verliebte sich dann in einen aufstrebenden Politiker der Stadt Pelican Bay und wurde Zeuge von dessen Ermordung. Nat\u00fcrlich nehmen Wu und Durant den Fall an \u2013 denn was Piers nicht wei\u00df: Auch sie wollen Silk finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine verzwickte Geschichte um Korruption und Politik, organisiertes Verbrechen und kleine Ganoven, jedes Kapitel kn\u00fcpft die Handlung engmaschiger. Im ausf\u00fchrlichen, der deutschen Erst\u00fcbersetzung von 1984 entnommenen Nachwort von J\u00f6rg Fauser hei\u00dft es daher richtig: <em>\u201eDie F\u00fclle des Stoffs verleitet den Leser indes keinen Augenblick, am Kern des Romans vorbeizutr\u00e4umen, und dieser Kern ist die Quintessenz der politischen Erfahrungen des Autors \u2013 und nicht nur seiner. Es wird deutlich, da\u00df die amerikanischen Thriller-Autoren sich inzwischen auf ein Material st\u00fctzen k\u00f6nnen, das seit der Ermordung der Kennedys, den Nixon-Jahren, Watergate bis hin zu den j\u00fcngsten Enth\u00fcllungen (etwa \u00fcber Kissingers Amtszeit) in immer neuen Szenarios den amerikanischen Alptraum gnadenlos dokumentiert: die Allianz des wirtschaftlichen, milit\u00e4rischen, politischen und geheimdienstlichen Establishments mit dem organisierten Verbrechen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich taucht all das sukzessive in \u201eUmweg zur H\u00f6lle\u201c auf und ist doch mehr als die von minderbegabten Autoren gewohnte Kost aus Anklage und Moral. Am Ende n\u00e4mlich werden die Guten und die B\u00f6sen quasi \u201eausgelost\u201c, treibt Thomas das Krimispiel gar bis zur Parodie auf all jene Krimis, die mit immer neuen \u201eEnth\u00fcllungen\u201c dem nimmersatten Leser Futter geben. Bei Thomas ist das Stoff f\u00fcr eine lakonische Bestandsaufnahme. Die nun wahrlich zwielichtigen Wu und Durant als die erkennbar \u201eGuten\u201c inszenieren Gerechtigkeit, weil es sonst niemand tut. Wer bestraft wird, entscheidet seine Position in diesem Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sehr sch\u00f6n. Viel sch\u00f6ner aber noch: Das ist bestes Ross-Thomas-Handwerk. Geschickte Dramaturgie, kein Wort zuviel, wunderbare Humoreinlagen und jene bereits angesprochene Leichtigkeit, die nicht vor der Komplexit\u00e4t der Materie kapituliert, sondern sie musterg\u00fcltig in Handlung umsetzt. Und dass Artie Wu legitimer Anw\u00e4rter auf den chinesischen Kaiserthron ist, glauben wir sofort.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ross Thomas: Umweg zur H\u00f6lle. <br \/>Alexander Verlag 2007 <br \/>(Original: \u201eChinaman\u2019s Chance\u201c, 1978, deutsch von Edith Massmann), <br \/>mit einem Nachwort von J\u00f6rg Fauser und <br \/>einer editorischen Notiz von Martin Compart. 423 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ross Thomas kann\u2019s. Nun, das ist keine sensationelle Neuigkeit. Aber was kann Ross Thomas? Amerikas Wirklichkeit hinter dem sch\u00f6nen Schein (die l\u00e4ngst auch unsere ist) sezieren, das alles mit einer stilistischen Leichtigkeit, die auf das Schwerdenken verzichtet, einem souver\u00e4n zusammengestellten Figurentableau und Dialogen, die wie Ma\u00dfanz\u00fcge sitzen. 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