{"id":17816,"date":"2007-08-06T07:45:31","date_gmt":"2007-08-06T07:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xii\/"},"modified":"2022-06-06T16:41:10","modified_gmt":"2022-06-06T14:41:10","slug":"kapitel-xii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xii\/","title":{"rendered":"Kapitel XII"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die folgenden Aufzeichnungen unseres Titelhelden erreichten die Redaktion auf denkw\u00fcrdigem Wege. Sie befanden sich zusammengerollt in einer verkorkten Flasche mit der Aufschrift \u201eDr. Schlawinskis Original S\u00fcdsee Erfrischung &#8211; jetzt mit 10% Datteln!\u201c. Diese Flasche wurde \u2013 s\u00fcdwestlich der japanischen Insel Kyubashi \u2013 von Herrn Ludwig Hirnbei\u00df aus dem Pazifik gefischt, welchen Herr Hirnbei\u00df in Begleitung seiner Gattin auf einer handels\u00fcblichen Luftmatratze zu \u00fcberqueren gedenkt. Die Flaschenpost \u2013 denn um eine solche muss es sich handeln \u2013 gelangte per Sonderflugzeug in unseren Besitz und wird nun wort- und zeichengetreu wiedergegeben. Man entdeckte sie im sp\u00e4rlichen Nachlass des inzwischen verschollenen Ehepaares, einer Plastikt\u00fcte, welche au\u00dfer der Flasche nur einen Stahlkamm sowie f\u00fcnf unbenutzte Kondome enthielt. Die Aufzeichnungen schildern Wickiussens Erlebnisse, kurz nachdem dieser die geheimnisvolle k\u00fcnstliche Insel betreten hat, auf der sich die deutschen Krimischaffenden vor den kritischen Nachfragen von \u00d6ffentlichkeit und Ordnungsmacht versteckt halten. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Sand, auf dem ich mich ersch\u00f6pft niedergelassen hatte, war feink\u00f6rnig und kitzelte zwischen meinen Zehen. Ich lag reglos, sp\u00fcrte die N\u00e4sse, welche meine Unterschenkel umfing, hob nur leicht den Kopf aus Angst vor Entdeckung, blickte auf eine Kulisse aus in sanfter Brise unmerklich pendelnden Palmen, h\u00f6rte von Inneren der Insel herkommend ein anhaltendes dumpfes Ger\u00e4usch, in das sich hier und da spitze Menschenschreie zu verirren schienen. Ich hatte G\u00e4nsehaut; aber ich konnte nicht mehr zur\u00fcck; ich musste weg vom Strand, auf dem ich schutzlos, hilflos den unbekannten Gefahren ausgesetzt war. Ich kroch auf den n\u00e4chsten Palmenhain zu &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Geschafft! Ersch\u00f6pfte lehnte ich mit dem R\u00fccken am Stamm einer Palme, das dumpfe Ger\u00e4usch \u2013 Trommeln? \u2013 war st\u00e4rker geworden, die spitzen Schreie \u2013 Gel\u00e4chter? \u2013 mehrten sich. Meine Hand ertastete etwas \u2013 ein St\u00fcck Papier? Ich nahm es vorsichtig auf, kramte die Taschenlampe aus meinem Survival-Bag, richtete ihren Strahl auf das Papier \u2013 was war das? Was wollte mir diese Schrift sagen? (Originalpapierfetzen als Anhang dieser Flaschenpost beigef\u00fcgt).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/stundenplan.gif\" alt=\"stundenplan.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich musste weiter ins Innere der Insel, den Ger\u00e4uschen entgegen. Von Palme zu Palme kroch ich, von Geb\u00fcsch zu Geb\u00fcsch, von Tanne zu Eiche, von Eiche zu Buche, von Buche zu Kiefer \u2013 wie bitte? Tats\u00e4chlich! Unmerklich war die tropische Vegetatation in das uns Deutschen Vertraute eines Mischwaldes \u00fcbergegangen! Nat\u00fcrlich! Ich erinnerte mich daran, auf einer k\u00fcnstlichen Insel zu sein, die nicht an den Bewuchs der Breitengrade gebunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Feuer? Jedenfalls eine Art zuckendes Licht. Ich kroch n\u00e4her, das dumpfe Ger\u00e4usch dr\u00f6hnte in meinen Ohren, die spitzen Schreie waren wohl wirklich Gel\u00e4chter, welches aus dem gleichf\u00f6rmigen Plaudern von Menschen eruptierte. Ein Feuer. Ja, ein Lagerfeuer! Und um dieses Feuer herum hockten etwa zwei Dutzend Personen beiderlei Geschlechts im Schneidersitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten kannte ich von Fotografien, einige auch pers\u00f6nlich. Da sa\u00df Astrid Paprotta; halb eingenickt, ein Heft auf den Knien. Daneben Horst Eckert, der sich auch mal wieder rasieren k\u00f6nnte. Ihm gegen\u00fcber leuchtete das rote Haar von Thea Dorn, und auch das nicht weniger rote von Anne Chaplet konnte ich erkennen. Neben dieser nun sa\u00df \u2013 es durchzuckte mich \u2013 kein Geringerer als Krimiblogger Menke. Er lauschte \u2013 wie alle anderen, jedenfalls taten alle so, als w\u00fcrden sie lauschen \u2013 den Ausf\u00fchrungen eines das Feuer best\u00e4ndig umrundenden Mannes, der wohlt\u00f6nender, doch Authorit\u00e4t ausstr\u00f6mender Stimme zu seinen H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern sprach. Ich konzentrierte mich auf seine Worte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso merken Sie sich: Wenn man einen Plot entwickelt, muss man sicher sein, dass dieses Produkt aus Phantasie und Kalk\u00fcl JEDERZEIT \u2013 ich wiederhole: JE-DER-ZEIT! \u2013 erfolgreich in die schn\u00f6de Wirklichkeit verpflanzt werden k\u00f6nnen muss. Werden \u2013 k\u00f6nnen \u2013 muss! Sie m\u00fcssen dann, wie ein gro\u00dfer Kollege in den Siebzigern, einfach nach Berlin fahren und dort die Amis um eine Million Dollar erleichtern k\u00f6nnen. Dies zu erreichen, bedarf es SPARTANISCHER DISZIPLIN! Ich wiederhole: SPAR-TA-NI-SCHER DIS&#8212; Frau Paprotta, nicht einschlafen! Wir habens gleich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die so Gema\u00dfregelte schreckte auf und l\u00e4chelte den Dozenten entschuldigend an, in welchem ich zu meiner \u00dcberraschung, ja, zu meinem Entsetzen niemand anderen erkannte als IHN: dpr. Noch niemand hatte diese Legende des Krimibloggens von Angesicht zu Angesicht erblickt, doch es war kein Zweifel m\u00f6glich: Er musste es sein! Diese aristokratische Haltung! Diese sprachliche Brillanz! Dieser vollendete K\u00f6rperbau! &#8212; Der schrille Ton einer Schulklingel riss mich aus meinen \u00dcberlegungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo, Schluss f\u00fcr heute!\u201c, sagte dpr, \u201ewir sehen uns morgen fr\u00fch zur n\u00e4chsten Unterrichtseinheit \u201aPlotten f\u00fcr Deutschland\u2019! Danach wird Ihnen Herr Walser einen sch\u00f6nen Vortrag \u00fcber Bodenseekrimis halten. Und jetzt genie\u00dfen Sie den lauen S\u00fcdseeabend, gehen Sie aber nicht zu sp\u00e4t in ihre H\u00fctten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00fctten. Ja, schemenhaft zeichneten sie sich im Flackern des Feuers ab, Original S\u00fcdseeh\u00fctten, jetzt mit 10% Palmenbl\u00e4ttern eingedeckt. Dpr verlie\u00df unter dem begeisterten Gemurmel seiner Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler den Kreis, welcher sofort jene Lockerheit erreichte, die man von allen Pausenh\u00f6fen dieser Welt kennt. Horst Eckert hatte einen Papierflieger gebastelt, den er nun Richtung Paprotta segeln lie\u00df, welche ihrerseits das Heft von ihren Knien aufgenommen und sich auf der Stelle darin vertieft hatte. Es handelte sich \u2013 ich konnte es vage erkennen \u2013 um die 2367. Folge der Abenteuer Perry Rhodans.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne Chaplet unterhielt sich kichernd mit Ludger Menke \u2013 ein Bild, welches ich mir bis dahin in meinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen nicht h\u00e4tte auszumalen wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm, Ludger, trink noch einen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Chaplet hielt eine Flasche mit dunkelrotem Inhalt in der Hand, \u201eDr. Schlawitzkis Original S\u00fcdsee Erfrischung\u201c buchstabierte ich. Menke nahm die Flasche und f\u00fchrte sie zum Munde, in den sich sogleich ein Schwall der Fl\u00fcssigkeit ergoss.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas macht lustig!\u201c wusste Frau Chaplet, \u201eIch hab schon drei von den Dingern intus!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich l\u00f6ste sich der Sch\u00fclerkreis auf. Diese und jene erhoben sich und wankten einzeln oder in kleinen Gruppen den H\u00fctten zu, in welchen sie verschwanden. Bald hockte allein noch Frau Paprotta mit ihrem Perry-Rhodan-Heftchen am langsam niederbrennenden Feuer. In den H\u00fctten gingen die Lichter an, Radioapparaten entkam ged\u00e4mpfte Unterhaltungsmusik, schrille Schreie k\u00fcndeten von der ewigen Praxis enthemmter Triebabfuhr. Endlich erhob sich auch Frau Paprotta und ging zu den H\u00fctten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lag im Unterholz, ganz verwirrt, nicht wissend, was nun zu tun sei. Schon hatte ich mich fast entschlossen, die Nacht im Schutze einer m\u00e4chtigen Eiche zu verbringen, um meine Erkundung des Eilands bei Tageslicht fortzusetzen \u2013 da knackte es verd\u00e4chtig und bedrohlich hinter mir, \u00c4ste splitterten \u2013 und bevor ich entfliehen, ja, bevor ich mich auch nur umdrehen und der offensichtlichen Gefahr ins Auge sehen konnte, ert\u00f6nte, sehr nahe schon, eine sonore, dabei nicht unfreundliche Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEi, wen haben wir denn hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der dies sagte, war ein rundes M\u00e4nnlein, in einen alterth\u00fcmlichen Bratenrock gewandet, der graue sp\u00e4rliche Haarkranz um ger\u00f6tetes Kopfhaar toupiert, eine Laterne in der Rechten, so dass man das g\u00fctige Gesicht des Alten erkennen konnte, denn alt war er, alt und weise l\u00e4chelnd.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWickius, angenehm\u201c, stellte ich mich vor, und der Alte nickte wissend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAh, Wickius! Wir haben schon damit gerechnet, dass Sie kommen w\u00fcrden! Seien Sie gegr\u00fc\u00dft! Gewiss sind Sie hungrig? Durstig? WISSENSdurstig auf jeden Fall!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er lachte \u00fcber seinen Witz und schritt an mir vorbei, drehte den Kopf, winkte damit, ihm zu folgen. Ich tat es in Ermangelung einer Alternative. Wir gingen am fast erloschenen Lagerfeuer vorbei auf die H\u00fcttenreihe zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, diese Krimischaffenden!\u201c kicherte der Alte. \u201eWie die Kinder!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau trat aus der Dunkelheit in den Lichtkreis der Laterne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist Thalia\u201c, stellte sie der Alte vor, \u201esie wird sich um Sie k\u00fcmmern. Ich habe bedauerlicherweise noch zu tun, doch man sieht sich morgen beim Fr\u00fchst\u00fcck. Leben Sie wohl bis dahin! Ich hei\u00dfe \u00fcbrigens Hans Paul D\u00f6nkemeyer, genannt \u201aDer g\u00fctige Richter\u2019\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schneller als er aufgetaucht war, verschwand er wieder. Thalia kam auf mich zu. Sie erinnerte mich an die korpulenten Tanten meiner fernen Kindheit, an die, von denen man prustend sagte, sie h\u00e4tten Hintern wie Brauereig\u00e4ule. Da Thalia nun auch ein m\u00e4chtiges Pferdegebiss entbl\u00f6\u00dfte und mir hinstreckte, was sie f\u00fcr ein L\u00e4cheln hielt, wirkte sie tats\u00e4chlich wie eine Zentaurin, eine Mischung halb Mensch, halb Pferd. Sie winkte mir zu und drehte sich um, ging auf eine H\u00fctte am Rande der Lichtung zu. Ich folgte ihr. Was erwartete mich? Wo war ich da reingeraten? Wo war Anne Beller, wenn man sie einmal brauchte? &#8212; Ich wusste es nicht. Wie im Traum folgte ich Thalia durch die Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam legte Frau Anna Beller die Papiere aus ihrer zitternden Hand. Wickius, das ahnte sie, schwebte in t\u00f6dlicher Gefahr. Er war Zentaurinnen noch nie gewachsen gewesen. Was w\u00fcrde ihn am n\u00e4chsten Morgen erwarten? Die n\u00e4chsten Bl\u00e4tter aus der Flasche mussten davon berichten. Anna Beller war unf\u00e4hig, weiterzulesen. Sie gr\u00fcbelte. Wer war der Kriminalschaffende, der nach zwei Typen nach Berlin schickt, um einen Plot zu entwickeln, der dann gleich in praxi auf seine Tauglichkeit \u00fcberpr\u00fcft werden soll? Wickius hatte es nat\u00fcrlich sofort gewusst. Doch Wickius war &#8211; ja, wo war Wickius jetzt? Lebte er noch? Lesen Sie n\u00e4chste Woche weiter aus den Papieren eines Gestrandeten&#8230;<br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgenden Aufzeichnungen unseres Titelhelden erreichten die Redaktion auf denkw\u00fcrdigem Wege. Sie befanden sich zusammengerollt in einer verkorkten Flasche mit der Aufschrift \u201eDr. Schlawinskis Original S\u00fcdsee Erfrischung &#8211; jetzt mit 10% Datteln!\u201c. 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