{"id":17824,"date":"2007-08-08T07:19:09","date_gmt":"2007-08-08T07:19:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/andrea-maria-schenkel-kalteis\/"},"modified":"2022-06-13T16:15:18","modified_gmt":"2022-06-13T14:15:18","slug":"andrea-maria-schenkel-kalteis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/andrea-maria-schenkel-kalteis\/","title":{"rendered":"Andrea Maria Schenkel: Kalteis"},"content":{"rendered":"\n<p>Vergessen wir den \u201eTann\u00f6d\u201c-Hype. In einem Land, dessen Bev\u00f6lkerung zu Millionen vor den Fernsehern sitzt und chemisch abgef\u00fcllten Pedaleuren zujubelt, kann ein Buch nur mit Hilfe der \u00fcblichen Hochleistungs-Medienzuckungen zu Hunderttausenden verkauft werden. Vergessen wir das Reizwort \u201eauthentischer Fall\u201c. Das interessiert mich, wenn ich einen Roman zur Hand nehme, nicht im mindesten.<br \/>Vergessen wir vollst\u00e4ndig die Plagiats-Farce, die eigentlich nichts weiter ist als Teil des Hypes. Vergessen wir die entt\u00e4uschten Zurufe d\u00fcpierter K\u00e4uferInnen, die wegen dieses Hypes zugriffen und danach den \u201ekomischen Schreibstil\u201c ebenso gei\u00dfelten wie die Preisgestaltung des Nautilus Verlags. Ihnen ist in diesem Leben nicht mehr zu helfen und in einem anderen werde ich hoffentlich anderswo sein als sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergessen wir die Sprache. Wie schon \u201eTann\u00f6d\u201c kommt auch \u201eKalteis\u201c als ins Hochdeutsche massakrierter Dialekt daher, syntaktisch zwischen verdreht-verzwirbelt und naiv-niedlich. Das ist Andrea Maria Schenkel, das darf sie, daf\u00fcr kann man sie schelten oder bejubeln oder man kann es hinnehmen als den legitimen Versuch einer Autorin, zu einem eigenen Stil zu finden. Sie inszeniert, sie hat, auch wenn wieder viele Stimmen aus Protokollen und Zeugenbefragungen reden, nur eine Perspektive, die ihre n\u00e4mlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergessen wir die historische Zeit. Kalteis, das \u201eMonster\u201c, mordet, w\u00e4hrend der Staat das viel gr\u00f6\u00dfere Morden vorbereitet. Der Analogschluss, nach dem uns Schenkel hier im Kleinen vorf\u00fchrt, was im Gro\u00dfen bevorsteht, ist nat\u00fcrlich zul\u00e4ssig. Aber kein Verdienst der Autorin, sondern ein automatisch gereichtes der schrecklichen Epoche.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergessen wir den M\u00f6rder Kalteis. Um ihn geht es hier nicht. Weder um die Umst\u00e4nde seiner Offenbarungen \u2013 im Dritten Reich oft genug unter der Folter gemacht \u2013 noch um die Hintergr\u00fcnde seiner schrecklichen Taten. Andrea Maria Schenkel l\u00e4sst Kalteis bekennen, l\u00e4sst ihn leugnen, l\u00e4sst ihn abschweifen \u2013 er ist aber nur Mittel zum Zweck, \u201edas B\u00f6se\u201c eben, nichts von dem was er sagt \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergessen wir die Euphorie, bei \u201eKalteis\u201c handele es sich wie schon bei \u201eTann\u00f6d\u201c um etwas \u201eNeues\u201c. Was auch bei einem Zweitwerk merkw\u00fcrdig kl\u00e4nge, das in seiner Machart an den Vorg\u00e4nger gemahnt, also schon deshalb nicht \u201eneu\u201c sein kann. \u201eTann\u00f6d\u201c, nur zur Erinnerung, weist \u00fcber die Zwischenstation \u201eKritischer Heimatroman\u201c geradewegs zur\u00fcck ins 19. Jahrhundert, was man w\u00fcsste, w\u00fcsste man etwas \u00fcber Krimis im 19. Jahrhundert. Aber f\u00fcr diese Euphorie kann Frau Schenkel ja auch nichts. Sie hat gezeigt, dass inmitten der inzwischen unertr\u00e4glichen Krimi-Stanzereien auch ein Roman Erfolg haben kann, der gegen den Trend l\u00e4uft, der nicht die wenigstens 200 Seiten Standardthrill abspult, keine Detektive beim Ermitteln zeigt oder, noch schlimmer, beim Inspizieren ihrer K\u00fchlschrankinhalte zum Zwecke des \u201erealistischen Schreibens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>So, haben wir jetzt alles Wichtige vergessen? Dann kommen wir endlich zu \u201eKalteis\u201c, das Buch mit dem etwas zu sprechenden Namen. Aber, wie schon gesagt, um Kalteis geht es nicht. Es geht um Kathie, ein junges M\u00e4dchen vom Land, das nach M\u00fcnchen kommt, weil man es daheim nicht mehr haben will. Kathie will Arbeit finden, Kathie will eine Dame in sch\u00f6nen Kleidern werden. Aber Kathie wird zun\u00e4chst einmal eine Gelegenheitsprostituierte, und irgendwann schneiden sich die Lebenswege von ihr und Kalteis, und was da rauskommt, das ahnen wir von Anfang an, das beschreibt uns die Autorin an den Vorg\u00e4ngeropfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das ist sch\u00f6n und \u00fcberlegt gemacht. W\u00e4hrend Kathie ihrem Schicksal entgegenlebt, w\u00e4hrend wir schon wissen, dass wir da eine Verlorene auf ihrem letzten St\u00fcck Weg begleiten, seziert Andrea Maria Schenkel das grauenvolle Ende an Stellvertreterinnen-Objekten, und wir sehen die lebendige Kathie immer auch schon als tote Kathie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat sie in \u201eTann\u00f6d\u201c nicht gemacht (wir vergessen jetzt, dass wir \u201eTann\u00f6d\u201c eigentlich vergessen wollten). Dort hat sie eine l\u00e4ndliches Soziogramm inszeniert (dieses \u201einszeniert\u201c ist entscheidend), hier schickt sie ein armes Hascherl durch den Rest seines erb\u00e4rmlichen irdischen Daseins. Punkt, fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das jetzt zu wenig oder vielleicht schon zu viel? Ich wei\u00df es nicht. \u201eKalteis\u201c hat mich nicht gepackt, es hat mich trotz der gelungenen Dramaturgie \u2013 ein wenig kalt gelassen, was aber nicht am Text selber liegt, sondern nat\u00fcrlich an mir, der ich eben das Vergessen predige, aber nicht wirklich vergessen kann. &#8211; Oder es liegt gerade an der gelungenen Dramaturgie, weil man sie sofort als gelungene Dramaturgie erkennen kann. Wie auch immer: \u201eKalteis\u201c ist ein nettes Buch, und h\u00e4tte Andrea Maria Schenkel damit deb\u00fctiert, w\u00e4re sie \u00e4hnlich gelobt worden wie f\u00fcr \u201eTann\u00f6d&#8220;. Aber weil dem nicht so ist, lobt man es als das Buch, das \u201eTann\u00f6d\u201c \u00fcberwinden sollte, aber noch nicht \u00fcberwunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun einmal der Fluch von Zweitlingen, die zwar eine Weiterentwicklung zeigen, aber noch zu sehr an der gro\u00dfen Blaupause h\u00e4ngen. Doch selbst das kann man der Autorin nicht anlasten. Sie ist dabei, sich freizuschreiben, hoffentlich auch formal, denn noch einmal m\u00f6chte man ein Buch von ihr nicht mit \u201eTann\u00f6d\u201c vergleichen m\u00fcssen oder darauf bestehen, es zu vergessen. Entt\u00e4uscht sein von \u201eKalteis\u201c kann nur, wer \u201eTann\u00f6d\u201c reloaded will oder \u00fcberhaupt kein \u201eTann\u00f6d\u201c. Alle anderen haben kein schlechtes Buch gelesen und warten auf ein anderes.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Andrea Maria Schenkel: Kalteis. <br \/>Edition Nautilus 2007. 155 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergessen wir den \u201eTann\u00f6d\u201c-Hype. In einem Land, dessen Bev\u00f6lkerung zu Millionen vor den Fernsehern sitzt und chemisch abgef\u00fcllten Pedaleuren zujubelt, kann ein Buch nur mit Hilfe der \u00fcblichen Hochleistungs-Medienzuckungen zu Hunderttausenden verkauft werden. 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